Alan Rusbridger
Das Tagebuch des Chefredaktors: Politik, Intrigen und sein Klavier

Er lebt zwischen zwei Welten: Alan Rusbridger, der Chefredaktor des «Guardian» zwischen 1995 und 2015. Er wechselt vom Pianospiel zu den Nachrichten und von Assange zu Chopin. Das zeigen seine Tagebücher zwischen 2010 und 2011 auf.

Robert Ruoff
Drucken
Teilen
Konzentrierte Entspannung: «Guardian»-Chefredaktor Alan Rusbridger weiss Tasten auch zu streicheln. Amy T. Zielinski

Konzentrierte Entspannung: «Guardian»-Chefredaktor Alan Rusbridger weiss Tasten auch zu streicheln. Amy T. Zielinski

Redferns

Alan Rusbridger ist eine grosse Figur im Journalismus unserer Zeit. Er wurde zur gleichen Zeit wie Edward Snowden mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Er bekam den Preis «für den Aufbau einer globalen Medienorganisation, die sich verantwortlichem Journalismus im öffentlichen Interesse verschrieben und gegen grosse Widerstände illegales Handeln von Unternehmen und Staaten enthüllt». Rusbridger hat seinen Aufklärungsjournalismus als Chefredaktor des «Guardian» zwanzig Jahre lang praktiziert, von 1995 bis 2015.

«Play It Again», Rusbridgers Tagebuch aus den Jahren 2010 bis 2011, dreht sich aber gar nicht in erster Linie um seine publizistische Arbeit. Es dreht sich um den Versuch des Musikliebhabers, im Verlauf eines Jahres eines der vertracktesten Stücke der Klavierliteratur zu lernen: Chopins Ballade Nr. 1 in g-moll, opus 23. «Play It Again» heisst: jeden Tag mindestens 20 Minuten diszipliniert üben, wenn es nur irgendwie geht in einer Arbeitswoche von 60 bis 80 Stunden. Es geht selbstverständlich nicht.

«Wenn ich gewusst hätte, was beruflich auf mich zukam», schreibt Rusbridger, «hätte ich vielleicht einen Rückzieher gemacht.» Es war die Zeit des Arabischen Frühlings und der Katastrophe von Fukushima. Es war die Zeit des Sturzes von Gaddafi und das Todesjahr von Bin Laden. Und es war die grosse Zeit von Julian Assange, des Gründers und Sprechers von Wikileaks.

Verschiedene Welten

Assange ist ein Mann mit zwei Gesichtern. Auf der einen Seite ein brillanter Manager, der mit Wikileaks geheime und vertrauliche Dokumente mit Millionen Worten lieferte. Das Material wollte sorgfältig geprüft werden. Und es musste für die Veröffentlichung in so verschiedenen Medien wie dem «Guardian», der «New York Times» und dem «Spiegel» zubereitet werden. Es war eine Mischung aus unbedarften Äusserungen von Diplomaten, Berichten über Sexpartys saudischer Prinzen und Depeschen aus den Kriegen in Afghanistan und Irak.

Es ging auch um die Weiterverbreitung von Atomwaffen und um den Versuch arabischer Staaten, die USA zu einem Militärschlag gegen den Iran zu treiben. Die Erinnerung ist heute brennend aktuell, da sich die Milizen Saudi-Arabiens und des Irans im syrischen Krieg direkt gegenüberstehen.

Auf der anderen Seite gab es den schwierigen Assange mit seiner Sexaffäre in Schweden und seinem Zorn auf die «New York Times», die sich einen kritischen Artikel über seine Person erlaubt hatte. Aber gerade diese amerikanische Zeitung wollte Rusbridger unbedingt dabei haben, weil es nirgends auf der Welt eine bessere Garantie der Pressefreiheit gibt als im 1. Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung.

Es brauchte eine nächtelange Diskussion, um Assange von seinem Widerstand abzubringen. Aber es war eine entscheidende Voraussetzung, um erfolgreich Widerstand zu leisten gegen den Versuch unter anderem der amerikanischen Regierung, die Publikation zu verhindern. Und dann, nach kurzer Nacht, treibt es den Chefredaktor wieder ans Klavier, für eine halbe Stunde, in der er sich den zwei, drei schwierigsten Takten widmet. Oder den Oktavläufen am Schluss, die von den Tiefen in die Höhen laufen und wieder in die Tiefen.

Und dann die Ballade in zwei gewaltigen Akkordschlägen enden lassen. Es ist ein kurzes Stück Leben in einer anderen Welt, konzentrierte Entspannung. Chemische und elektronische Neuordnung des Gehirns, das den ganzen Tag danach viel besser, freier, klarer funktioniert. Eine Erfahrung, die sich Rusbridger von Neurophysiologen bestätigen lässt.

Der Selbstmord einer Zeitung

«Murdochisierung« oder «Blocherisierung», wie manche sagen, ist die Kontrolle von Medien durch sehr reiche Männer mit dem Zweck, ihre eigenen wirtschaftlichen und politischen Ziele zu fördern. Rupert Murdoch, der globale Medien-Tycoon, ist wohl der weltweit grösste Medienmogul, mit um die 200 Zeitungen von Australien über die USA bis Russland, mit einem weltweiten Fernsehsystem wie Sky und Fox, mit Prestige-Zeitungen wie dem «Wall Street Journal» und der britischen «Times» und selbstverständlich mit erfolgreichen Boulevardblättern wie dem britischen Sonntagsblatt «News of the World». Murdoch hat im Kampf mit Rusbridgers «Guardian» die vielleicht grösste Demütigung seiner politischen Unternehmerlaufbahn erlitten.

Der Mogul hatte es mithilfe seiner britischen Statthalterin Rebekah Brooks geschafft, seinen Chefredaktor Andy Coulson zuerst zum Sprecher der Torys und dann zum Kommunikationschef von Premierminister Cameron zu machen. Bis der «Guardian» schliesslich, nach jahrelangen Recherchen, den Nachweis erbringen konnte, dass Coulson systematisch Telefongespräche von Mitgliedern der Königsfamilie, von prominenten Politikern, aber auch von Opfern von Gewaltverbrechen hatte abhören lassen. Das brachte ihm 18 Monate Gefängnis ein. Regierungschef Cameron, den Rusbridger vor Coulson gewarnt hatte, gestand schlechtes Urteilsvermögen ein. Rupert Murdoch entschuldigte sich öffentlich und stellte die sehr erfolgreiche «News of the World» ein.

Der «Guardian» wurde als Zeitung des Jahres ausgezeichnet. Und Alan Rusbridger verlängerte seine Chopin-Studie von einem ganzen auf anderthalb Jahre, bis er sich fit fühlte, die Ballade Nr. 1 in g-moll, op. 23, einem Freundeskreis vorzuspielen. Einfach, weil er zeigen wollte, dass es geht, auch in einem anspruchsvollen Beruf in einem hektischen Jahr. «I can sort of play it, not more – ich kann es spielen, nicht mehr.»

In seinem Fall mit Tipps von Konzertpianisten wie Alfred Brendel, den er bei einem Empfang trifft, oder Murray Peraiha, der in London bei ihm um die Ecke wohnt. Ein Stück davon ist auf Youtube zu sehen. Und im Buch ist für Amateur-Pianisten in kleinen Portionen eine Menge zu lesen über Klaviertechnik und die revolutionär romantische Musik von Frédéric Chopin.

Alan Rusbridger: Play It Again. Ein Jahr zwischen Noten und Nachrichten. Secession Verlag für Literatur, Zürich 2015.

Aktuelle Nachrichten