Jazzaar Festival
Das Unmögliche wurde möglich gemacht

Heute beginnt das erste virtuelle Jazzaar Festival mit Workshops und Konzertprogrammen zu Weather Report und Maynard Ferguson.

Stefan Künzli
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Miroslav Vitous: Bass-Virtuose.

Miroslav Vitous: Bass-Virtuose.

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Bill Evans: Einer der besten Funk-Saxofonisten.

Bill Evans: Einer der besten Funk-Saxofonisten.

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Peter Erskine: Einer der gefragtesten Schlagzeuger.

Peter Erskine: Einer der gefragtesten Schlagzeuger.

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Grégoire Maret: Genfer Musiker von Weltformat.

Grégoire Maret: Genfer Musiker von Weltformat.

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Eine Absage des 29. Jazzaar Festivals schien unumgänglich als der kulturelle Lockdown beschlossen wurde. Wie sollte die Zusammenarbeit von ausgewählten jungen Musikern mit Jazzprofis unter Corona-Bedingungen funktionieren? Wie sollten Workshops abgehalten werden? Wie sollten die 5er-Regel und die Abstandsvorschriften bei den Proben der fast 20-köpfigen Grossorchestern eingehalten werden. Und was ist mit dem Publikum? Und überhaupt: Die eingeladenen amerikanischen Profis stecken ja in den USA fest. Ausreise unmöglich.

Von Anfang an war klar, dass es keine Livekonzerte mit Publikum geben wird. Und doch: Heute beginnt das Jazzaar Festival Ausgabe 2021. Die Festivalleitung um Fritz Renold hat das Unmögliche möglich gemacht, neue Wege beschritten und ein Festival der virtuellen Art auf die Beine gestellt. Ab heute werden nacheinander vier Workshops mit dem Saxofonisten Bill Evans, dem Schlagzeuger Billy Cobham, dem Harmonika-Spieler Grégoire Maret und dem Posaunisten Tom Garling im Netz aufgeschaltet, die gratis gestreamt werden können. Dazu kommen in zwei Teilen die kostenpflichtigen Konzertprogramme zu Ehren des kanadischen Trompeters und Bandleaders Maynard Ferguson sowie zur wegweisenden Rock-Jazz-Combo Weather Report.

Streaming-Konzerte oder auch Streaming-Festivals, mit all ihren Vor- und Nachteilen, sind während der Coronakrise zum Standard geworden. Daran war bei Jazzaar unter den gegebenen Voraussetzungen aber nicht zu denken. Entstanden ist deshalb eine Live-Produktion, ein dezentral eingespieltes Konzert über den Atlantik und über zwei Kontinente.

Doch wie ist das möglich geworden? Wie sind die Konzertprogramme zustande gekommen? In einem ersten Schritt sind die einzelnen Stimmen der Partitur als Audio-Files zum Üben an die Teilnehmenden verschickt worden. Die Profis wurden an ihren jeweiligen Wohnorten von Videografen gefilmt und Tontechnikern aufgenommen. Zuerst die Rhythmusgruppen, danach die Bläser. Die Aufnahmen wurden an die Jazzaar-Zentrale gemailt, welche die Aufnahme an den nächsten Musiker weiterleitete. Dieser spielte seine Stimme zur Aufnahme des zuvor aufgenommenen Kollegen ein. Und so weiter.

Mit den Studenten in der Schweiz wurde gleich verfahren. Vor ihrem Aufnahmetermin wurden sie zuvor aber noch von den Jazz-Profis via Zoom individuell gecoacht, aber auch kollektiv in den jeweiligen Instrumentengruppen instruiert. Im Jazzaar-Studio in Schönenwerd mussten sie ihren Part schliesslich innerhalb von vier Stunden einspielen und wurden dabei gefilmt.

«Innerhalb von zwanzig Tagen wurden alle Stimmen und alle Soli für das Konzert komplett eingespielt», sagt Renold, «es war ein unglaublich kompliziertes, logistisches Manöver und ein ständiger Wettlauf mit dem Internet», sagt Renold. Denn allein der Datentransfer stellte die Macher vor grösste Herausforderungen. Das Internet wurde zum Co-Produzenten der Festivalausgabe 2021.

Am 10. März sind alle Files eingetroffen und wurden darauf in mühsamer Kleinarbeit mit Tontechnikern und der Video Crew editiert, gemixt, gemastered und synchronisiert. Geholfen hat dabei die Aargauer Produktionsfirma BBM mit ihrer jahrelangen Erfahrung aus unzähligen Pop-Produktionen für das Schweizer Fernsehen. «Ohne BBM hätten wir es nie geschafft. BBM hat uns aus dem Schlamassel gezogen», sagt Renold.

Neben den Workshops sind nicht einfach zwei Konzertproduktionen entstanden, sondern ein Film mit Drehbuch und Interviews über die Entstehung des ambitionierten Projekts. Jetzt ist alles im Kasten, das virtuelle Festival kann beginnen und Renold kann aufatmen: «Der Aufwand war viel grösser als ein normales Jazzaar Festival, dafür sind die Kosten kleiner».

«Funky Weather» mit Weather Report

Ein Programm zu Weather Report, der wegweisenden Rock Jazz-Band von Joe Zawinul und Wayne Shorter, war überfällig. Umso erfreulicher ist, dass mit dem virtuosen tschechischen Bassisten Miroslav Vitous und dem Schlagzeuger Peter Erskine zwei ehemalige Mitglieder der berühmten Band gewonnen werden konnten. Schlagzeug spielt aber hier Billy Cobham, ein anderer Architekt des Jazz Rock der 70er-Jahre und treuerBegleiter von Jazzaar. Dazu kommt gesellen sich mit Bill Evans, einer der besten Saxofonisten des aktuellen Funk Jazz und der Genfer Harmonika-Spieler, dessen jüngste Produktion für einen Grammy nominiert wurde.

Das Programm mit dem Titel «Funky Weather» besteht aus vier Originalkompositionen von Joe Zawinul, Wayne Shorter, Miroslav Vitous und Jaco Pastorius sowie aus Eigenkompositionen von teilnehmenden Musikern. Die Arrangements für das 12-köpfige Swiss Youth Funk Ensemble hat Gil Goldstein, ein alter Bekannter bei Jazzaar, im Geist des grossen Jazz-Arrangeurs Gil Evans geschrieben.

Film und Konzert zu Ehren von Maynard Ferguson

Der 2006 verstorbene, kanadische Trompeter Maynard Ferguson war bekannt für seine Wolkenkratzerkaskaden. Für das Jazzaar-Projekt wurden deshalb gleich drei Trompeter engagiert, die sich ebenfalls in diesen Stratosphären bewegen können: Wayne Bergeron, Ryan Quigley und Louis Dowdeswell. Hier treffen wir auch auf Peter Erskine, der vor seinem Engagement bei Weather Report in Fergusons Big Band den Takt angab. Dazu gibt es ein Wiedersehen mit dem Posaunisten Tom Garling und dem Pianisten Christian Jacob, die beide lange mit Ferguson unterwegs waren. Jacob ist der Schwiegersohn von Ferguson und hat viele Arrangements für die Big Band geschrieben.

Fritz Renold hat mit Wilder, der Tochter von Maynard Ferguson, und Ehefrau von Jacob studiert und ihn 1998 kennen gelernt. «Schon damals haben wir abgemacht, dass wir ein Programm mit ihm machen werden. Doch dann ist er gestorben», sagt Renold, «jetzt können wir unser Versprechen doch noch einlösen». Dazu hat Wilder speziell für Jazzaar noch einen stündigen Film über ihren Vater gedreht. Die Premiere von «A Few Things About My Dad» musste aufgrund der Covid-Bestimmungen auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden.

Was kaum jemand weiss: Der im Februar verstorbene Pianist Chick Corea hat noch als Teenager auch bei Maynard Ferguson gespielt. Ihm zu Ehren werden seine Stücke «La Fiesta» und «Spain» in den Arrangements von Ferguson gespielt. Das 30-Jahr-Jubliäum des Jazzaar Festivals in einem Jahr hätte mit dem Star-Pianisten über die Bühne gehen sollen. Renold bedauert das natürlich sehr: «Alle waren einverstanden, alles war schon zugesagt, dann ist er gestorben».

Programm Jazzaar Festival 2021

Workshops:
12.4. Bill Evans: Jazz Improvisation
13.4. Billy Cobham: Music Business
14.4. Grégoire Maret: Performance
15.4. Tom Garling: Arranging
Die Workshops können ab den angegebenen Daten gratis gestreamt werden. jazzaar.com/festival-2021

Konzerte:
16.4. Funky Weather, Teil 1
17.4. Tribute To Maynard Ferguson, Teil 1
20.4. Funky Weather, Teil 2
21.4. Tribute To Maynard Ferguson, Teil 2
Streaming-Codes sind unter www.vimeo.com/ondemand/jazzaar2021 erhältlich.