Musik

Der Aargauer Pianist Benjamin Engeli programmiert neu die Kammermusikreihe in Brugg

«Ich bin nicht der Typ, der mit einem einzigen Programm durch die Welt reist», sagt Benjamin Engeli zu seiner musikalischen Breite.

«Ich bin nicht der Typ, der mit einem einzigen Programm durch die Welt reist», sagt Benjamin Engeli zu seiner musikalischen Breite.

Benjamin Engeli zählt zu den vielseitigsten Pianisten der Schweiz. Neu wird er das Programm der renommierten Kammermusikreihe im Zimmermannhaus Brugg mitbestimmen – und dabei einen weiten Bogen von Beethoven bis Astor Piazzolla schlagen.

«Auf Wiedersehen Jürg Lüthy, willkommen Benjamin Engeli.» Mit diesen Worten erfolgte im Februar die Stabübergabe von einem während 30 Jahren in der Programmkommission Kammermusik Zimmermannhaus wirkenden Mitglied zu einem Neuling. Ein völlig Neuer ist der Pianist Benjamin Engeli allerdings nicht, kennt er doch das Zimmermannhaus sehr gut. «Meine Auftritte hier waren jeweils so schöne Erlebnisse, dass ich gerne ja gesagt habe, als mich Jürg Lüthy fragte, ob ich an seine Stelle treten wolle.»

Der 42-Jährige ist glücklich, dass er mit dem Musikwissenschafter Martin Neukom einen Partner zur Seite hat, der die Kammerkonzerte seit langem mitprägt. Das Duo Engeli/Neukom zeichnet nun für den nächsten, den 27. Zyklus verantwortlich, der nicht wie bisher mit sechs, sondern mit sieben Konzerten aufwartet. Ist das nicht zu viel?

Benjamin Engeli kann die mit leiser Skepsis gestellte Frage verstehen. «Sicher ist das Neuland für uns, aber wir wollen in die Breite gehen. Nicht nur stilistisch, sondern auch örtlich. Deswegen findet das erste Konzert im September nicht im Zimmermannhaus, sondern im Salzhaus statt.» Zu diesem grösseren, atmosphärisch reizvollen Raum passt das Colores Trio, ein junges Schweizer Perkussionsensemble, das keine Berührungsängste kennt: Kompositionen von Camille Saint-Saëns finden sich ebenso im Programm wie zum Beispiel solche von Astor Piazzolla, Claude Debussy oder Kiril Stoyanov.

«Beethoven war schon immer ein Favorit von mir»

Spricht Benjamin Engeli von «Breite», ist das kein Wort, das er einfach so fallen lässt. Nicht umsonst wird das breite Wirken dieses Schweizer Pianisten gerühmt. Er selbst schätzt «einfach die Vielfalt und das Musizieren mit ganz vielen verschiedenartigen Musikerinnen und Musikern». So etwa während Jahren im preisgekrönten, später freundschaftlich aufgelösten Tecchler Trio oder in dem mit Violine, Klarinette, Violoncello und Klavier ungewöhnlich besetzten Ensemble Kandinsky sowie im Gershwin Piano Quartet.

Was die vier Pianisten spielen, improvisieren und arrangieren, kommt jedes Mal schierer Hexerei gleich. Nicht mit Hexerei, sondern mit Entdeckerlust hat Benjamin Engelis Arrangement von Ludwig van Beethovens Septett Es-Dur op. 20 zu tun, das er mit dem Kandinsky Ensemble im Zimmermannhaus spielen wird. Das sei keine leichte Sache, müsse man hier doch versuchen, orchestrale Fülle und Transparenz zu verbinden.

Beethoven – natürlich, der muss sein im Beethoven-Jahr. Aber auch sonst, «denn dieser Komponist», sagt Engeli, «war immer schon ein Favorit von mir». Daneben ist der Pianist ebenso sehr Johannes Brahms sowie der Musik, die am Beginn des 20. Jahrhunderts steht, verbunden: «Die finde ich extrem spannend.»

Nicht zuletzt deshalb freut ihn die Rückkehr eines jungen deutschen Pianisten nach Brugg: Fabian Müller wird im Januar 2021 zwei grosse Sonaten von Franz Schubert spielen – was in den Konzertbesuchern wohl Erinnerungen an Müllers denkwürdigen Auftritt 2018 im Zimmermannhaus wecken dürfte. Damals interpretierte der Pianist Charles Ives’ selten aufgeführte Klaviersonate Nr. 2, «Concorde», die hauptsächlich 1911 bis 1915 entstand.

Auch als Pädagoge ist Engeli ein gefragter Mann

Immer wieder fällt im Gespräch mit Benjamin Engeli das Wort «vielseitig». Und so zeigt sich der in Aarau lebende Ostschweizer nicht nur als gefragter Solist und Kammermusiker, sondern auch als Pädagoge. Während acht Jahren war er Dozent für Kammermusik an der Hochschule für Musik in Basel, seit 2013 leitet er eine Klavierklasse am Vorarlberger Landeskonservatorium im österreichischen Feldkirch.

Somit bewegt er sich vornehmlich unter jüngeren Menschen. Weshalb das wichtig ist? Weil im Zusammenhang mit Kammermusik oft diese Frage zu hören ist: Ist das Publikum überaltert? Benjamin Engeli hat dazu eine dezidierte Haltung. «Weshalb sprechen wir stets von einem älteren Publikum? Ich bin froh, solange es überhaupt ein Publikum gibt.»

Egal, wie alt die Konzertbesucherinnen und -besucher sind: Sie wollen mit qualitativ hochstehenden Programmen und hochkarätigen Künstlern gewonnen werden. In Brugg sind dies neben den genannten I Salonisti, die eine musikalische Reise quer durch Mitteleuropa unternehmen, das Merel Quartett, das zwei grosse Streichquartette von Beethoven mit Anton Weberns Sechs Bagatellen op. 9 kontrastiert und das Quartett Musique en route, das traditionelle Volksmusik aus der östlichen Welt neu interpretiert.

Auch auf das letzte Konzert mit dem russischen Geiger Ilya Gringolts und dem Schweizer Cembalisten Vital Julian Frey ist die Vorfreude gross. Überborden ist gewiss nicht Benjamin Engelis Sache, doch eines möchte er dazu unbedingt sagen: «Was diese beiden machen, ist genial.» Das sagt einer, dessen Besonnenheit im Erschliessen eines vielfältigen Repertoires und dessen Neugier auf unterschiedlichste Musikpartner ausgesprochen sympathisch wirkt: «Ich bin nicht der Typ, der mit einem einzigen Programm durch die Welt reist. Ich bin happy so, wie es ist.»

www.zimmermannhaus.ch

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