Jazz

Der Bass-Koloss: Ron Carter am Festival Jazzaar Aarau

Ron Carter: Der Bassist mit den vermutlich längsten Fingern des Jazz.

Ron Carter: Der Bassist mit den vermutlich längsten Fingern des Jazz.

Ron Carter ist eine lebende Legende. Jetzt kommt der 81-jährige Kontrabassist ans Festival Jazzaar Aarau

«Man stelle sich vor, es gäbe keinen Ron Carter. Dann gäbe es auf dieser Welt so viel weniger Kunst», sagte einst Bassist Stanley Clarke über sein grosses Vorbild. Der heute 81-jährige Ron Carter ist unbestritten einer der bedeutendsten Bassisten der Jazzgeschichte. Ein Koloss, eine lebende Legende. Mit den vermutlich längsten Fingern des Jazz überwindet er die Schwerkraft und bringt sein träge wirkendes, schwerfälliges Instrument zum Fliegen. Am Festival Jazzaar kann man den 81-jährigen Bass-Boss und seine Kunst erleben.

1937 in Michigan geboren, wurde Ron Carter 1960 durch seine Zusammenarbeit mit dem Gil-Evans-Projekt «Out Of The Cool» einem breiteren Publikum bekannt. Bahnbrechend wirkte Carter aber vor allem im legendären, zweiten Quintett von Miles Davis (mit Tony Williams, Wayne Shorter und Herbie Hancock) von 1962 bis 1968, wo er bei epochalen Alben wie «E.S.P.», «Miles Smiles», «Nefertiti», «Sorcerer», «Miles in the Sky» und «Filles de Kilimanjaro» beteiligt war.

Er entwickelte dort eine neue Art des Bassspiels, indem er harmonisch offene Linien spielte, die den Mitspielern mehr Raum eröffneten, um ihr Spiel zu erweitern. Vor allem der innovative Schlagzeuger Tony Williams nutzte den Freiraum zu polyrhythmischen und polymetrischen Experimenten. Carter war der Anker, der das Ganze zusammenhielt und den Weg wies.

Meister der Eleganz

Carter ist aber mehr als der ruhende Pol, der solide, verlässliche Mitspieler. Er selbst verfügt über unbegrenzte technische Möglichkeiten. Mit rhythmischen Verzierungen, gedämpften Tönen und perkussiven Techniken erweiterte er das Spektrum des Kontrabasses, setzt seine überragende Technik aber stets wohldosiert ein.

Kontrabassisten waren bis zu den 50ern im besten Fall vorwärtstreibende Tieftöner und erdige Impulsgeber, aber immer begleitend. Die Emanzipation des Kontrabasses zum Soloinstrument schritt nur langsam voran. Was Ray Brown und Charles Mingus begannen, vollendete Ron Carter in den 60er-Jahren.

Dabei profitierte Carter von der Entwicklung des Instruments. So gehörte er zu jenen Bassisten, die in den 60er-Jahren Tonabnehmer und Stahlsaiten mit geringerer Spannung verwendeten. Dadurch konnten die Töne länger klingen, die Melodielinien wurden beweglicher und die Klangmöglichkeiten erweitert.

Carter kultivierte einen klaren, sehr konkreten Sound. Virtuos, feingliedrig, schlank und filigran. Er ist der Meister der Eleganz. Kein Wunder, gehört Carter zu den meistaufgenommenen Bassisten des Jazz. Bis heute ist er bei mehr als 2200 Alben beteiligt. Nicht nur im Jazz-Kontext: Er ist auch auf dem einflussreichen Album «The Low End Theory» (1991) der Hip-Hop-Band A Tribe Called Quest prominent zu hören.

Als Bandleader spielte er mehr als 20 Alben ein. Dabei blieb er dem akustischen Kontrabass (und dem Cello) treu. Im Gegensatz zu vielen anderen Jazz-Bassisten wechselte er nur gelegentlich zum noch beweglicheren Elektrobass. Stattdessen setzte er ab 1976 vermehrt auf den celloartig gestimmten, leichtfüssigen Piccolobass.

Der Weg nach Aarau

Die Verbindung von Ron Carter nach Aarau ist Bob Freedman. Der Musiker und Jazz-Professor hat von 2001 bis 2018 viele Arrangements für das Jazzaar-Festival geschrieben. Er war ein enger Freund von Ron Carter und wollte den Bassisten schon verschiedene Male für Aarau gewinnen. Doch der gefragte Meisterbassist konnte es terminlich nie richten. Als es endlich doch noch zu klappen schien, starb Freedman am 22. Dezember letzten Jahres unerwartet.

Für Ron Carter war Freedman der beste Arrangeur des Jazz. Der Abend bei Jazzaar vom 12. April ist deshalb unter dem Titel «Remembering Bob» dem verstorbenen Freund und Musiker gewidmet. Dazu hat Carter aus der Schatzkiste der Freedman-Arrangements die Stücke ausgewählt, die in Aarau von der Jazzaar Big Band unter der Leitung von Christian Jacob aufgeführt werden. Vor allem Standards. Dazu kommt aber noch ein Stück mit Melodien von Mozart, das Freedman für Big Band schrieb sowie, als Highlight, die Komposition «Opus Five», die Ron Carter speziell für diesen Anlass und für seinen verstorbenen Freund schrieb.

Ron Carter muss nichts mehr beweisen und ist längst der Doyen des Jazz-Basses. Er tritt immer noch regelmässig auf, ist in Europa aber nicht mehr so häufig zu hören wie auch schon. Sein Auftritt in Aarau, wo er neben dem Konzert auch einen Workshop gibt, ist ein Ereignis.

27. Festival Jazzaar:

  • Di 9. 4. 18 Uhr, Alte Reithalle Ost. Workshop mit Ron Carter.
  • Mi 10. 4. 11 Uhr, Aula Alte Kantonsschule. Probe Ron Carter und Jazzaar Big Band.
  • Mi 10. 4. 21 Uhr, Restaurant Einstein. Jamsession.
  • Do 11. 4. 20.15 Uhr, Jazz Club Aarau, Theater Tuchlaube Kappeler – Zumthor «Poesie und Abgründe».
  • Fr 12. 4. 20 Uhr, Aeschbachhalle, Ron Carter & Jazzaar Big Band «Remembering Bob»
  • Sa 13. 4. 20 Uhr, Aeschbachhalle, Jazzaar Global Ensemble «Abraham».

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Autor

Stefan Künzli

Stefan Künzli

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