Songwriting
Neues Album von Sängerin Lea Maria Fries: Der eigene Ausdruck ist alles

Mit ihrer Band 22° Halo verfeinert die Schweizer Sängerin und Komponistin Lea Maria Fries ihre musikalische Vision.

Pirmin Bossart
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Die in Paris wohnhafte Luzernerin Lea Maria Fries nutzte den Lockdown zur Standortbestimmung - und zum Komponieren.

Die in Paris wohnhafte Luzernerin Lea Maria Fries nutzte den Lockdown zur Standortbestimmung - und zum Komponieren.

Bild: HO

Zu den überzeugenden Qualitäten von Lea Maria Fries gehört, dass sie anspruchsvolle Songs schreibt und sie einem mit ihrer ausdrucksstarken Stimme auch nahebringen kann. Das ist auf dem Débutalbum mit ihrer Band 22° Halo zu hören, das coronabedingt mit einem Jahr Verspätung nun erschienen ist. «Light At An Angle» leuchtet mit dunklen Tönungen, Innigkeit und klarer Expression. Die Musik lebt von jazznahen Vokals und gewissen Klangbildern, wie wir sie von experimenteller Elektronik und modernem R’n’B kennen.

Mit dem französischen Pianisten Gauthier Toux sowie den Schweizern Lukas Traxel (Bass) und Valentin Liechti (Schlagzeug) hat die Sängerin eine Band im Rücken, die souverän ihren feinsinnigen Spuren folgt. Je nachdem, was der Song braucht, wird mal das Reduzierte und Repetitive oder das Sinnliche und latent Melodramatische betont. Die Songs gehen eigenwillige Melodiewege und lassen auch filmische Atmosphären und experimentierfreudige Nuancen aufleuchten.

Singen, was man fühlt

Das Coronajahr hat die Luzerner Sängerin und Musikerin vor allem an ihrem neuen Wohnort Paris verbracht. «Ich hätte zwischen März und August 2020 rund 40 Konzerte spielen können, aber dann wurden alle abgesagt. Da fühlte ich mich zuerst wie in einem Vakuum», sagt sie. Es folgte eine Phase der Standortbestimmung, in der sie begann, Musik zu schreiben und kleine Sessions zu machen. In dieser Zeit entstand ein Duo-Album, das sie zu Hause in Paris mit ihrem Partner, dem französischen Bassisten Julien Herné, komponiert und aufgenommen hat.

Im Lockdown viel Musik gehört

Es blieb auch viel Zeit, um sich durch ein breites Musikspektrum von Motown über Blues und Country bis Free Jazz zu hören. «Ich wollte herauszufinden, warum mich etwas berührt.» Diese Hörsessions hätten sie mehr denn je bestärkt, dass der eigene Ausdruck zähle und technisches Handwerk und erlerntes Wissen einfach Hilfsmittel seien. Fries:

«Viel wichtiger ist, das zu singen, was man wirklich fühlt, und den Song aus dem Inneren heraus zu formen und zu leben.»

Mit dem Album macht Lea Maria Fries auch klar, dass sie nicht nur eine ausdrucksstarke Sängerin und Komponistin, sondern auch eine leidenschaftliche Songschreiberin ist. Sie legt Wert auf gute Texte. Sie handeln vom Alltag und von Beziehungskram, von Wahrnehmungen in der Natur und von universellen Zusammenhängen. «Oft gehe ich von ersten Impressionen aus und schärfe sie weiter, bis ich mir die Worte so zu eigen gemacht habe, dass ich den Song erleben und leben kann», so die Künstlerin.

Teaser zum neuen Album «Light at an Angle».

Quelle: Youtube

Lea Maria Fries hatte als Jugendliche fünf Jahre Klavier gespielt, bevor sie an der Kantonsschule Willisau ihr Gesangstalent entdeckte. 2014 schloss sie ihre Ausbildung an der Jazzabteilung der Hochschule Luzern–Musik mit dem Master «Gesang und Performance» ab. Später machte sie in Zürich noch den Master Pädagogik an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHDK). Dann verlegte sie ihren Lebensmittelpunkt mit dem Gitarristen David Koch nach Berlin, wo die beiden ihr Avant-Pop-Duo Vsitor entwickelten und zum Trio erweiterten.

Lea Maria Fries blieb dran, komponierte Songs, schrieb Texte, übte Bass und Schlagzeug, arbeitete an ihrer Stimme. Neben Vsitor und 22° Halo ist sie seit 2017 Jahren in einer weiteren Band aktiv: For A Word entstand am Festival Cully an einer Bühnensession mit dem Trio von Gauthier Toux. «Das ging so gut ab, dass wir unbedingt weitermachen wollten.» In diesem von rockigen Beats und Keyboard getriebenem Quartett ist sie nun die Leadsängerin und schreibt Texte.

In Frankreich Wurzeln schlagen

Dass sie mit der Band For A Word die Möglichkeit bekam, mit dem bekannten norwegischen Musiker Nils Petter Molvaer zu arbeiten, ist ein weiterer Höhepunkt ihrer noch jungen Karriere. «Wir haben dafür neue Kompositionen geschrieben und können dieses Jahr an mehreren grösseren Festivals auftreten, sofern sie stattfinden», sagt sie. Auch sonst ist die Sängerin daran, in ihrem neuen Umfeld in Frankreich mit Sessions und Networking kleine Wurzeln zu schlagen. «Ich bin langsam am Ankommen. Mein Netzwerk wird grösser und es gibt auch Anfragen. Da tut sich etwas.»

22° Halo: Light At An Angle (Prolog Records). Live: 22° Halo (Plattentaufe) und Konzert mit For A Word im Neubad Luzern, 16. April 2021. www.neubad.org

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