Pop

Der letzte Tango einer Generation

Immer wieder in der Schweiz: Bob Dylan beim Konzert am 1. Juni 1984 in Basler St.-Jakob-Stadion.

Immer wieder in der Schweiz: Bob Dylan beim Konzert am 1. Juni 1984 in Basler St.-Jakob-Stadion.

Veteranen wie Joan Baez (78) und Elton John (72) sind in diesem Jahr offiziell auf Abschiedstournee. Bob Dylan dagegen denkt nicht ans Aufhören. Trotzdem ist sein Auftritt in Locarno ein für ihn sehr besonderes Konzert

Es geschah im Oktober 1987. Bob Dylan war mit Tom Petty unterwegs, fühlte sich lustlos und ausgebrannt. Sein Basler Auftritt kurz zuvor gilt als das umstrittenste Schweizer Konzert. In der Vollmondnacht auf der Piazza Grande in Locarno erlebte er aber einen Zusammenbruch. «Für einen Augenblick fiel ich in ein schwarzes Loch», schrieb er in seinen «Chronicles, Vol. 1». Die Stimme war weg, er wusste nicht mehr weiter, aber schon im nächsten Moment kam die Energie wie durch ein Wunder zurück.

Was war passiert? Wer im Publikum war, hat wohl gar nicht viel bemerkt. Der Schauspieler und Dylan-Kenner Robert Hunger-Bühler hat als erfahrener «Performing Artist» aber eine klare Vorstellung, was damals vorgefallen sein muss. Er spricht von einem Erweckungsmoment: «Ich weiss, dass sich so etwas in Zehntelssekunden abspielt. In so einem Moment gilt es nur noch sich selbst zu übertölpeln, und plötzlich läuft alles überwach, leicht zittrig, aber verwandelt weiter. Dylan hat sich auf offener Bühne verwandelt, und keiner hat’s gesehen.» Hunger-Bühler glaubte es auf einem Mitschnitt des damaligen Konzertes narrensicher zu hören: «Da singt Dylan plötzlich unplugged ‹Tomorrow Is A Long Time›, nur vom Klavier begleitet, und ich höre einen verzauberten Dylan. Es ist wie ein kleiner Augenblick des Sterbens, den niemand bemerkt ausser der Sterbende selbst.»

Start für «Never Ending Tour»

Am Ostermontag kehrt Dylan nach Locarno, an diesen für ihn besonderen Ort, zurück. Wird er an jenen Moment auf der Piazza Grande denken? Vermutlich schon, denn Locarno 1987 hat er immer wieder als Startpunkt zu seiner rastlosen Tour-Aktivität beschrieben, der «Never Ending Tour», die ihn immer wieder in die Schweiz geführt hat.

Diesmal wird der Rahmen in Locarno etwas intimer sein. Im Palazzetto Fevi, den wir vom Filmfestival kennen, hoffen wir auf guten Sound, was beim notorischen Unperfektionisten Dylan mitunter ein echtes Problem sein kann. Aber eines ist garantiert: Dylans Repertoire hat sich gegenüber dem Auftritt in Zürich vor einem Jahr wieder erneuert. Sein umstrittener Ausflug ins «Great American Songbook» mit Songs aus dem Sinatra-Fundus ist Geschichte. Dylan singt wieder seine eigenen Klassiker, und vielleicht staubt er ja die eine oder andere, lange nicht mehr gehörte Perle ab. Vielleicht aus den grossen Zeiten der «Rolling Thunder Revue» (Herbst 1975 und Frühling 1976), die der grosse Filmemacher Martin Scorsese nächstens im Rahmen einer Netflix-Dokumentation auferstehen lässt.

Garantiert ist auch die unveränderte Qualität von Dylans Band mit dem texanischen Spitzengitarristen Charlie Sexton und dem Bassisten und «anchorman» Tony Garnier, der seit 1989 dabei ist. Ob Dylan als Sänger diesen durchweg exzellenten Begleitern immer gewachsen war, darüber kann man streiten. Denn sein Mut zur Spontaneität kann mitunter in Schlampigkeit ausarten. Aber seit er die Lautstärke seiner Konzerte – im Zug des «Sinatra-Experiments» – drosselte, hat er auch wieder einen subtileren Umgang mit der Gesangstechnik gefunden.

Vorbild für Protest-Jugend

Und überhaupt: Schön ist, dass auch im Jahr 50 nach Woodstock Fackelträger der Rock- und Popgeschichte wie Dylan, Joan Baez, Neil Young, Elton John oder Van Morrison immer noch «on the road» sind. Die utopischen Hoffnungen, die einst im Überschwang mit solcher Musik verbunden wurden, mögen naiv und überrissen gewesen sein, und doch bleibt es gerade in diesen Zeiten des Zynismus erfreulich, dass uns einige der alten Heldinnen und Helden so unentwegt daran erinnern. Das ist nämlich nicht nur ein erfolgreiches Geschäftsmodell, um die Nostalgie der alten Hippies und 68er anzusprechen, wie es böse Zungen behaupten. Es ist vielmehr auch ein Versprechen für die kommende Generation, die grad im Begriff ist, den Sinn einer neuen Revolte zu entdecken.

  • Bob Dylan 22. April, Palazzetto Fevi Locarno.
  • Elton John 29. Juni, Stade de la Saussaz, Montreux Jazz.
  • Joan Baez 3. Juli, Montreux Jazz.

Das Gespräch mit Robert Hunger-Bühler über Dylan ist ungekürzt im Band «Robert Hunger-Bühler: Den Menschen spielen» (Limmat Verlag, Zürich) erschienen.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1