Literatur

Der Roman «Mutter aller Schweine» erzählt von einer Schweinezüchterfamilie in Jordanien

Schweinefleisch findet man auf dem Markt in der Altstadt der jordanischen Hauptstadt Amman nicht.

Schweinefleisch findet man auf dem Markt in der Altstadt der jordanischen Hauptstadt Amman nicht.

Die Schriftstellerin Malu Halasa ist Nahost-Expertin. Seit sie über die Region schreibt, haben dort Krieg, innere Unruhen und Diktaturen dominiert. Mit ihrem Romandebüt zeichnet sie ein präzises und satirisches Gegenwartsbild des arabischen Nahen Ostens.

Auch wenn man als Leserin nicht in einer jordanischen Kleinstadt lebt, auch wenn man sich als Leser nicht den Hass der muslimischen Nachbarn auf sich gezogen hat, weil man als Christ sündhafte Schweine züchtet: Jeder hat schon diese benommenen Morgen erlebt, in denen sich alles gegen einen verschworen zu haben scheint. So ist man sofort ganz bei Hussein und fühlt mit ihm, als er verkatert in einen Tag startet, an dem so viel passieren wird, wie sonst in einem ganzen Jahr.

Der Auftakt von Malu Halasas Roman «Mutter aller Schweine» zieht gleich in die Geschichte hinein. Hussein hatte am Vorabend zu viel getrunken. Nun will er sich kaltes Wasser ins Gesichts spritzen, doch da kommt kein Tropfen aus dem Wasserhahn. Die Leitungen sind leer, die Felder rundum halb verdorrt. Sein noch neues Haus zeigt bereits «eindeutige Zeichen des Verfalls». Das klapprige Auto, in dem er zur Arbeit fährt, ist so kurz, dass ein grosser Mann wie er sich die Knie am Lenkrad anschlägt. Es hat einen neuen Kratzer abbekommen, böswillig menschengemacht. Der Lack ist ab: Bei Natur, Gebäuden, Tier, Auto und Mensch: «In Husseins ehemals glatte, schöne Züge haben die Jahre Krähenfüsse gegraben.»

Da steckt viel Wissen über den Nahen Osten drin

Bis die Handlung in Schwung kommt, folgt zuerst Charakter-Exposé auf Exposé: Die Ehefrau, die Mutter, der Onkel, die Schwester, der verstorbene Vater, ein Schwein – und das sind nur die Hauptfiguren. Die Familie Sabas ist weit verzweigt, ihr Stammbaum am Anfang des Buches erweist sich als hilfreich.

Weit verzweigt ist auch Malu Halasas Wissen über den Nahen Osten: Ihre Familie väterlicherseits stammt aus Jordanien. Die Autorin, zwar im amerikanischen Ohio aufgewachsen, schreibt seit vielen Jahren Reportagen und Sachbücher aus der und über die Region. Nun jubelt sie in ihrem Romanerstling den Charakteren in Rückblenden, Erinnerungen und Dialogen sehr viel dieses Wissens unter. Krieg und Flucht, Religion, Unterdrückung von Frauen – diese grossen Themen verschaffen sich weniger als Teil der Handlung, denn in den Gedanken der Protagonisten Raum. So vermittelt die Autorin zwar viel politische, sozio-kulturelle sowie geschichtliche Kenntnisse, bremst aber zugleich die Spannung ab und lässt manches Gespräch etwas forciert wirken. Der Informationsgehalt verdrängt über weite Passagen den Unterhaltungswert.

Satire auf Patriarchat und himmlische Jungfrauen

Dabei hat die Sachbuchautorin durchaus auch das Zeug zur Romanschreiberin. Ihre Charaktere sind eigensinnig, sympathisch und vielseitig. Ihre Frauenfiguren leiden zwar unter dem herrschenden Patriarchat, wissen sich aber dank ihrer Schlauheit einen gewissen Freiraum zu erkämpfen. Malu Halasa beweist dazu Sinn für das universal Menschliche, für schwarzen Humor und sprachliche Komik: Da wird in einem konservativen Kaff heimlich ein Schwein künstlich besamt – dazu noch mit Spermaampullen made in Israel. In Onkel Abu Satars Schnäppchenemporium, «dessen blinkende Leuchttafel noch bis ins All sichtbar ist», gibt es alles zu ergattern. Und Husseins Frau Laila sinniert über die himmlischen Jungfrauen, die muslimischen Männern im Paradies zur Verfügung stehen. Deren Hymen bilde sich nach dem Sex jedes Mal wieder neu: «Diese gazellenartigen Gefährtinnen der Getreuen sind nicht wie versprochen rein und unberührt – lediglich recycelbar.»

Der Roman zeigt die arabische Welt in ihrer Vielfalt und Widersprüchlichkeit. Dazu ist er durchdrungen von der humanistischen und weitsichtigen Haltung der Autorin. So lässt sie Hussein Gedanken wie diesen denken: «Man muss nur ein paar Generationen zurückgehen, und immer flieht irgendwo irgendjemand oder sucht Zuflucht bei Fremden. Die gesamte Region blickt auf eine lange Geschichte der Vertreibung zurück. Die Syrer sind nicht die ersten Flüchtlinge, und sie werden auch nicht die letzten sein.» Zum Schluss hin gewinnt dazu die Handlung derart an Fahrt, dass man, als die Geschichte abrupt zum Ende kommt, gerne weiterläse.

Malu Halasa "Mutter aller Schweine"

Malu Halasa "Mutter aller Schweine"

Malu Halasa: Mutter aller Schweine. Roman, Elster&Salis, 348 Seiten.

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