Eigentlich hätte er damals die Reise nach Japan und China verbinden wollen, doch das Leben als junger Pianist, der die grossen Säle erobert, ist kein Wunschkonzert.

Als Bewährungstour sieht der Tessiner seine derzeitigen Engagements nicht. Wenn der 27-Jährige allerdings brav sagt, dass er versuche, egal wo, dem Geist der Komponisten näherzukommen, glaubt man ihm kein Wort. Darauf betont er aber, dass es ihm wirklich gleichgültig sei, ob er in Tenero oder Wien spiele, auch wenn es Unterschiede gebe: «Die Gagen sind natürlich anders, aber für mich macht viel eher der Saal den Unterschied und auch der Flügel ist bei einem grossen Veranstalter meist besser.»

Wien statt Provinz

Womit durchaus erklärt sein kann, warum es sich lohnt, aufzusteigen. Es gibt noch einen Grund, warum er lieber in Wien als in der Provinz spielt. «Dort sitzt ein grosses Klassikpublikum, das gute Musik zu schätzen weiss.» Nervöser ist er deswegen nicht: «In Wien ist der Druck grösser, da der Saal und der Ort mehr Energie von mir fordern. Aber ich bin vielleicht eher in einem kleinen Ort nervös, weil ich dort schlechter vorbereitet bin, als ich es sein sollte.»

Dank deutschem System zu Erfolg

Piemontesi strahlt eine gesunde Gelassenheit aus, und doch ist die Diskussion über seine Auftrittsorte nicht zufällig. Sie führt nämlich darauf, wie er in der Schweiz wahrgenommen wird – nämlich fast gar nicht. Noch kein einziges Mal hat er in Basel, Genf oder Bern gespielt.

Gleich nach dem Studium erkannte Piemontesi, dass er wegmusste. «Kaum war ich zwei Jahre in Deutschland, hatte ich an allen grossen Festivals gespielt.» Piemontesi glaubt, dass es der Schweiz und den Schweizern an nationalem Stolz und an einem Zusammenhalt der drei grossen Regionen fehle, zudem sei es problematisch, dass Kultur nicht dem Bund, sondern den Kantonen überlassen sei. «Kommt hinzu, dass man hier alles gut findet, was aus dem Ausland kommt. Schade. Trete ich mal in der Schweiz auf, sind es grosse Dirigenten, die mich anfragen. Ein Punkt, der mich sehr traurig macht, da es schön wäre, in meiner Heimat zu spielen.»

Kaum Geld in Deutschland

Deutschland kennt Strukturen, die Musiker tatsächlich fördern. Gewinnt ein Schweizer einen Jugendmusikwettbewerb, erhält er ein paar tausend Franken. In Deutschland kriegt der Gewinner von «Jugend musiziert» kaum Geld, aber er tritt an den Festivals von SchleswigHolstein, Mecklenburg-Vorpommern und Schwetzingen sowie in der Kölner Philharmonie auf. «Solche Konzerte ziehen neue Konzerte mit sich», so Piemontesi.

Im Tessin und bald in Gstaad

Immerhin: Im Tessin hatte er auch schon grosse Auftritte – ermöglicht von einer Ausländerin. Piemontesi gehört nämlich zum «Club Martha Argerich». Das heisst: Er ist einer jener Künstler, die ab und zu an ihrem Luganeser Festival Kammermusik spielen dürfen. Über die Organisation des Festivals gibt es wilde Gerüchte. Piemontesi, der mit Argerich einen engen Kontakt pflegt, sagt offen, dass man nie genau wisse, was es zu spielen gebe. «Zwei, drei Wochen vorher, vielleicht auch mal fünf, kriegt man definitiv Bescheid. Aber dieses Festival beruht nun mal auf der Spontaneität.» Interessant für die Künstler ist es, dass die Werke meist auf CD aufgenommen werden.

Doch Piemontesi nimmt auch selbstständig auf. Bei Claves etwa setzt er einen Baustein zu einer Gesamteinspielung von Robert Schumanns Klavierwerk. Und siehe da, «Vol. 4 – Francesco Piemontesi» wurde vor kurzem für den International Classical Music Awards nominiert. Thierry Scherz ist der Leiter des Labels – und jener Mann, der dem «Sommets Musicaux» in Gstaad Schwung gibt. Piemontesi tritt dort am 31. Januar auf.

Und wer weiss: Vielleicht wird ihm dort wie nach einem Konzert in der Heimat Locarno auch ein Schulkollege auf die Schulter klopfen und sagen: «Ich wusste gar nicht, dass du auf diesem Niveau Klavier spielst!»

CD: Robert Schumann, Claves 2010. Konzert: Rougemont, 31.1.