Interview

Der St.Galler Tanzchef: «Die Bühne ist wie eine leere Leinwand»

Erst Fussball, dann Foxtrott: Tanzend hat Kinsun Chan seine Schüchternheit überwunden.

Erst Fussball, dann Foxtrott: Tanzend hat Kinsun Chan seine Schüchternheit überwunden.

Kinsun Chan ist seit August Tanzchef am Theater St.Gallen. Hinzugelernt hat er in den letzten Monaten vor allem Multitasking.

Das Foto soll nicht einfach irgendwo am Theater gemacht werden. Kinsun Chan, seit Beginn der Spielzeit neuer Tanzchef in St.Gallen, hat ein Auge für reizvolle Architektur, für Form und Linien. Schliesslich hat er in den USA neben Tanz auch Kunst und Grafikdesign studiert – das prägt seine Stücke ebenso wie die Bühnenausstattung. Wichtig ist dem in Vancouver geborenen Tänzer und Choreografen aber auch ein guter Draht zu den Menschen, mit denen er kreativ arbeitet – junge Tänzerinnen und Tänzer mit ganz unterschiedlichem kulturellem Hintergrund.

Als Tänzer waren Sie ein Spätberufener; den Anstoss dazu gab Ihre Mutter. Wie kam sie auf diese Idee?

Kinsun Chan: Ich war ein sehr sportliches Kind und hatte viel Energie, war aber scheu im Umgang. Mein Vater besass mehrere Restaurants in Atlanta; einer seiner Kellner war ein ausgezeichneter Tänzer. Ihn bat sie, mir Stunden zu geben; da war ich 15 oder 16. Er zeigte mir zu Hause im Wohnzimmer Tanzschritte – das hat meine Körpersprache verändert, aber auch mein Verhalten. Nun sass ich bei Partys und Feiern nicht mehr am Rand, sondern war mittendrin.

Mit Discofox und Walzer wird man noch nicht Solist in Zürich oder in Basel – wie Sie.

Nein, das war natürlich unglaubliches Glück. Viele Kollegen sagen: So etwas gibt es nur im Märchen. Hierzulande wäre es völlig unmöglich; man muss früh wissen, was man will, alles ist sehr strukturiert. Das ist in Amerika anders. Ich habe mit 19 angefangen und dann wirklich sehr hart gearbeitet. Kunst passte zu mir, Tanz war eine Herausforderung. Ich sah die anderen Tänzer, bei denen alles so leicht aussah; an den Punkt wollte ich auch kommen. Und dann war ich einfach zur rechten Zeit am rechten Ort. Es war Zufall. Oder Schicksal.

Wie macht sich das Kunststudium in Ihrer Arbeit als Choreograf bemerkbar?

Ich denke stark in Bildern, sie sind mein Ausgangspunkt. Dann kommt der Raum hinzu. Das beeinflusst die Choreografie, die Position der Tänzer, das Tempo. Ich liebe es, im dunklen Saal zu sitzen und auf die Bühne zu schauen, selbst wenn sie leer ist. Wie ein Maler auf die Leinwand. Das könnte ich stundenlang.

Was fasziniert Sie so daran?

Die Bühne ist ein Zauberkasten. Wie ein neues Blatt Papier: Man kann jeden Blick darauf neu erschaffen, wie es ein Maler mit Farbe und mit der Bewegung des Pinsels tut. Dieser erste Moment ist immer sehr spannend.

Wie bleiben Sie selbst körperlich in Bewegung?

Natürlich mache ich an Proben auch mal Abläufe vor, aber ich nehme nicht am Training der Tänzer teil. Was ich liebe, sind lange Spaziergänge. Das kann bergauf durchaus sportlich sein. Doch es bleibt in einem Tempo, in dem man schauen, nachdenken oder Musik hören kann. Es ist mein Fitnessprogramm, und zugleich inspiriert es mich.

Haben Sie deshalb am ersten Tag der Spielzeit einen Stadtspaziergang mit der Kompanie gemacht?

Ich finde, man muss sehen und verstehen, wo man zu Hause ist. Die drei Spielstätten sind alle toll – und so unterschiedlich. Ein Pferd muss die Bahn kennen, dann läuft es gut im Rennen.

Fast alle Tänzer sind neu in St.Gallen; sie kommen aus vielen Nationen. Wie wächst die Kompanie zusammen?

Die Multikulturalität ist ein Vorteil, fordert aber auch heraus. Es hat sich viel getan seit dem ersten Stück «Rain» in der Lokremise. Die Tänzer sind miteinander vertraut geworden; das ist wichtig, wenn man sich körperlich so nahe ist. Wir verstehen uns auch immer besser im Zwischenmenschlichen. Den unterschiedlichen tänzerischen Hintergrund wird man im neuen Stück auch sehen können.

Wo wird die Kompanie in der nächsten Spielzeit tanzen?

Wir werden sicher auch eine Produktion im Provisorium haben, nicht nur in der Lokremise. Zudem versuche ich, Gastspiele für unsere Kompanie einzufädeln, denn es wird zwischendurch Zeiten geben, in denen wir den Probenraum nicht nutzen können. Da könnten sich die Tänzer auswärts präsentieren.

Gibt es schon Kontakte zur freien Szene in der Region?

Ja, zu Beginn der Spielzeit habe ich mich mit Tanz-Ost und der IG Tanz zusammengesetzt. Wir haben überlegt, wie wir einander unterstützen und uns vernetzen können. Anders als die Oper ist der Tanz eine eher kleine Sparte; wir müssen zusammenarbeiten, nicht gegeneinander. Etwa beim Austausch von Dozenten oder beim Tanzfest.

Was haben Sie als Tanzchef neu hinzugelernt?

Multitasking! Man muss viele Dinge gleichzeitig im Kopf haben und sofort umschalten können. Also von einer Direktionssitzung in die Probe gehen und sofort wieder kreativ sein, auf andere Weise. Die Nähe zu den Tänzern war mir schon als freischaffender Choreograf wichtig. Wenn ich eine Skulptur mache, dann habe ich nur Material vor mir und eine Idee. Im Tanz, am Theater entsteht Kreativität im menschlichen Miteinander.

Sollten wir alle mehr tanzen?

Das wäre schön! Es muss ja nicht professionell sein. Tanzen beeinflusst den Körper, die Persönlichkeit, das Gehirn. Es ist nicht nur Bewegung, sondern auch Mathematik. Das wirkt sich im Alltag aus. Schauen Sie alte Leute an, wenn sie im Altersheim Walzer tanzen: diese Freude im Gesicht! Das sagt doch alles.

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