«Die Akustik dieser Kirche in Seon ist einzigartig»

Cellist Benjamin Nyffenegger und SeetalClassics-Präsident Andres Joho stellen eine neue Kammermusikreihe vor. Start ist am 23.August.

Elisabeth Feller
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Benjamin Nyffenegger, künstlerischer Leiter der neuen Kammermusikreihe der SeetalClassics.

Benjamin Nyffenegger, künstlerischer Leiter der neuen Kammermusikreihe der SeetalClassics.

Bild: pd

Für die vier Herren, die mit ihren Instrumentenkästen von Seon nach Lenzburg wanderten, spielte das Wetter keine Rolle. Ob sonnig oder regnerisch: Sie mussten diesen Weg einfach zurücklegen, weil sie nur so wieder in die Normalität eintauchen konnten. Zuvor hatte das Alban Berg Quartett grosse Werke der Streichquartett-Literatur in der reformierten Kirche Seon eingespielt – weil dort, so der Primarius Günter Pichler, ein «klangliches Erlebnis» möglich sei. Klangliche Erlebnisse soll es künftig an gleicher Stelle viele geben, denn die Kirche Seon wird als Konzertraum zu neuem Leben erweckt. «Ihre Akustik ist einzigartig», sagt Benjamin Nyffenegger, stellvertretender Solocellist im Tonhalle Orchester Zürich sowie Musikpartner im Julia Fischer Quartett und Oliver Schnyder Trio.

SeetalClassics heisst die neue, von ihm und Andres Joho in den letzten Monaten erdachte Kammermusikreihe, die am 23.August 2020 mit dem Duo Calva beginnt und am 12.Dezember 2021 – vorerst – mit Franz Schuberts «Winterreise» endet. Weshalb noch eine weitere Kammermusikreihe, will man Benjamin Nyffenegger fragen: Im Aargau gibt es einige. Doch wer sich ins Programm mit den fantasievollen Mottos wie «Himmlisches Leben», «Vergnügt» oder «Luftklänge» vertieft, kennt die Antwort im Voraus: Klar, es muss sein.

SeetalClassics als Konzertreihe für die Region

Die neue Reihe weist ein originelles, eigenständiges Profil auf, weil sie originale Kammermusik und sinfonische Werke in kleiner Besetzung vorstellt – wie etwa Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 4 in einer Bearbeitung für Sopran und Kammerorchester von Klaus Simon. Oder Antonin Dvoraks Cellokonzert. Da treibt Paul Handschke seine Bearbeitung dieses Ohrwurms auf die Spitze: Er kippt das Orchester. Was allerdings nicht ganz stimmt, weil eben doch eines vorhanden ist: Ein Cello-Quartett übernimmt den Orchesterpart und begleitet den Cellisten Maximilian Hornung; für Benjamin Nyffenegger «eine tolle Sache». Was Maximilian Hornung für Dvorak, sind die Sopranistin Rachel Harnisch und die Dirigentin Yi-Chen Lin für Mahler – «ein Glücksfall».

Welche Glücksgefühle Mozarts Oper «Le Nozze di Figaro» beim Publikum auslösen kann, ist hinlänglich beschrieben worden. Aber wann hat man dieses Werk schon je in einer Fassung für Streichquartett (Arriaga Streichquartett) und Sprecher (Walter Küng) gehört? Man wird seinen Ohren nicht trauen. Bis man auf den Geschmack kommt und danach noch weitere, überraschende Hörerfahrungen bei bekannten Werken machen will. «Für mich ist dies alles ein Lernprozess», sagt Benjamin Nyffenegger, der in vielen Konzerten selbst mitwirkt. Ob er sich zu viel aufbürdet? Nein. Er möchte unbedingt eine nahe Beziehung zum Publikum aufbauen, «was in Zeiten des Social Distancing freilich ein Widerspruch ist». Dem Publikum nahe sein, heisst für den Cellisten auch: Die SeetalClassics wollen in erster Linie eine Konzertreihe für die Region sein. Und: Sie wollen mit dem Engagement von zahlreichen, «in Zugdistanz» lebenden Musikerinnen und Musiker zeigen, dass niemand eingeflogen werden muss. Stars? «Die gibt es», sagt Nyffenegger und verweist auf Maximilian Hornung, Yulianna Avdeeva, Martin Grubinger und Daniel Behle.

Im Juli 2021 startet auch die neue Sommerakademie

Familiär und freundschaftlich soll die Atmosphäre sein. Ob sie mitentscheidend für das Interesse junger Menschen an klassischer Musik ist? Oder braucht es mehr? Auf jeden Fall ein vielseitiges Programm, das nicht nur für Erwachsene konzipiert ist, sondern in Zusammenarbeit mit den Schulen in Seon und Umgebung auch Konzerteinführungen anbietet, die auf junge Zuhörer zugeschnitten sind. Weiter haben die SeetalClassics in petto, was Benjamin Nyffenegger als «Highlight» bezeichnet: Die Musikalische Sommerakademie Seetal, die von Fränzi Frick geleitet wird. Diese richtet sich im Juli 2021 an Kinder und Jugendliche, die begeistert musizieren, den Austausch mit Gleichgesinnten suchen und Lust haben, ein Projekt innert Kürze zu stemmen.

Erfahrene Musikerinnen und Musiker leiten den Einzelunterricht sowie die Arbeit in den Streich-Ensembles und Orchestern. Die jüngeren Teilnehmer werden spielerisch an die Kammermusik und das Orchesterspiel herangeführt; die Fortgeschrittenen erhalten gezielte Förderung in Meisterkursen sowie viele Auftrittsmöglichkeiten als Kammermusiker und Solisten mit einem professionell geführten Kammerensemble. Die SeetalClassics haben sich viel vorgenommen, doch wo so viel Kreativität und Spontaneität zu spüren ist, wird einem um die Zukunft dieser neuen Reihe nicht bange.

www.seetalclassics.ch

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