Kultur

Die Ausstellung war ein Erfolg. Nun schliesst «Das Amt für die ganze Wahrheit»

Der Chefbeamte begrüsst die Gäste im Amt für die ganze Wahrheit. Schauspieler Martin Wuttke wirkt dabei so vertrauenswürdig wie Daniel Koch vom BAG.

Der Chefbeamte begrüsst die Gäste im Amt für die ganze Wahrheit. Schauspieler Martin Wuttke wirkt dabei so vertrauenswürdig wie Daniel Koch vom BAG.

Am Sonntag endet im Stapferhaus in Lenzburg die Ausstellung «Fake. Die ganze Wahrheit». Sie wäre aktueller denn je. Eine wahre Bilanz.

Ausgerechnet in dieser Zeit der Unsicherheit – jetzt, wenn man nicht weiss, wem kann man glauben, wer lügt, was stimmt – macht das Amt für ganze Wahrheit zu. «Unsere Ausstellung ist durch Corona nochmals aktueller geworden», sagt Stapferhaus-Leiterin Sibylle Lichtensteiger. «Und vor allem schaut man sie nach den Erfahrungen der letzten Monate nochmals ganz anders an.» Die Abteilung Faktencheck und die inspirierende Lügensammlung hat das Stapferhaus-Team deshalb aktualisiert. Selbst wenn sie nur noch kurz und für weniger Leute zu besichtigen sind.

Wir treffen Sibylle Lichtensteiger auf einen langen Kaffee an einem der auseinandergerückten Tische auf dem Vorplatz unter dem gegen die Lüge mahnenden Pinocchio. Es ist ein Kommen und Gehen, im Vergleich zu Vor-Corona-Tagen allerdings ein ausgedünntes. Die Besucherzahl ist begrenzt, vor einzelnen Räumen im Amt für Wahrheit muss man manchmal kurz warten.

30 000 Eintritte fehlen wegen Corona

Nach drei zaghaften Wochen Ende April zieht der Besuch an, selbst eine Oberstufenklasse besucht an diesem Morgen die Ausstellung. «300 Gruppen mussten wir absagen», seufzt Lichtensteiger, «Corona hat uns vor dem Endspurt ausgebremst.» 250 Leute dürfen jetzt pro Tag maximal hinein, vorher 600 bis 700, und zum Schluss einer Ausstellung kämen normalerweise überdurchschnittlich viele. «30 000 Eintritte fehlen!» Aber Lichtensteiger ist das Gegenteil des Typs Jammeri und betont. «120 000 Menschen haben seit der Eröffnung am 1. November 2018 Fake besucht. Ein toller Erfolg – trotz allem.»

Was heisst das finanziell? «Pro Coronamonat fehlen über 100 000 Franken Einnahmen, mit Kurzarbeit konnten wir nur einen kleinen Teil kompensieren.» Irgendwie werde man dank des Erfolgs diese Lücke stemmen können. «Aber die erhoffte Rückstellung für die neue Ausstellung fehlt.»

Digital ist gut. Analog ist unverzichtbar

Lieber als über Zahlen spricht Lichtensteiger über die Wirkung, über die angeregten Diskussionen, die das Stapferhaus ausgelöst hat. Oder über die Erfahrung, wie wichtig analoge, sinnliche Erlebnisse sind. «Beim Lockdown haben wir digital richtig Gas gegeben. Aber es war klar, wir wollen und können die Ausstellung nicht einfach abbilden.» Die Wahrnehmung, der Effekt müsse stimmen. Nachhaltig. «Sehr gut angekommen sind unsere Unterrichtsmaterialien, etwa die interaktiven PDF, die Lehrpersonen downloaden konnten.» Mit der französischen Version gelang dem Stapferhaus der Sprung über den Röstigraben gar besser als je zuvor, weil sie auch über Lernportale angeboten wurden. Das alles bleibt abrufbar. Ebenso Podcasts und beispielsweise die Lügensammlung, die im Internet weiter zum Stöbern und Beurteilen einlädt. Diesen Aufwand bezahle niemand, aber er sei wichtig, sagt Lichtensteiger.

Ein Lob auf das neue Haus

Der digitale Effort war nur möglich, weil das Stapferhaus mit dem Umzug ins neue Haus 2018, mit dem Wissen, dass es eine Zukunft für die Institution gibt, auch seine digitale Basis neu gebaut hat. Apropos neues Haus: Wie hat sich der Bau von Pool Architekten bewährt – bei Ansturm oder jetzt mit den Schutzmassnahmen? «Wunderbar!» Lichtensteiger holt tief Luft und sagt: «Das Haus ist so flexibel, es funktioniert einfach für alles.»

Nicht nur die Ausstellungsarchitekturen lassen sich nach Bedarf anpassen oder der Veranstaltungsraum unterschiedlichst nutzen, sondern auch Bistro, Empfang und Aussenraum. «Wir haben drei Türen – voilà, das Coronaschutzkonzept mit dem Einbahnverkehr war ja schon vor Corona da. Das ist doch grossartig!»

Das neue Reizwort: Geschlecht

In punkto Eingang werde man bei der nächsten Ausstellung überrascht werden, deutet Lichtensteiger an. «Geschlecht» wird Ende Oktober eröffnet und soll das Minenfeld Gender breit, spielerisch und poetisch erlebbar machen. Biologie und Geschichte, Macht und Liebe, Sexualität und Rollenverhalten sind einige Stichworte dazu. «Die Ausstellung soll auch all jene ansprechen, die das Thema nervt, die es überdiskutiert finden, oder die sich noch nie damit befasst haben.»

Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren, das Konzept steht, den Sommer über sammelt das Team weiteres Material, filmt, bereitet die Fundstücke und Erkenntnisse auf und baut die Ausstellungsräume neu. «Es braucht Orte, wo man das Gespräch findet und Debatten führt – und die Informationen und Anregungen dazu bekommt», erklärt Sibylle Lichtensteiger das Konzept des Stapferhauses.

Noch stehen die letzten Tage von «Fake. Die ganze Wahrheit» an, am Sonntag findet als Finissage «Die letzte Stunde der Wahrheit» statt. Dann schliesst die Ausstellung. Das Bistro bleibt aber offen (abgesehen von den Lenzburger Sommerferien), auch kleinere Veranstaltungen werden stattfinden.

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