Künzlis Playlist

Die schönsten Mundart-Popsongs – eine Schweizer Musik-Reise zum 1. August

Stefan Künzli

Stefan Künzli

Popsongs sind identitätsstiftend wie Landeshymnen. Zum 1. August eine Reise durch die Geschichte des Schweizer Mundart-Pop.

«Trittst im Morgenrot daher» wird nie eine Landeshymne werden, die vom Volk auch wirklich getragen und mit Freuden gesungen wird», ereiferte sich schon 1972 der Berner SVP-Nationalrat Rudolf Etter. Trotzdem wurde der «Schweizerpsalm» 1981 vom Bundesrat zur offiziellen und alleinigen Landeshymne ernannt.

Doch das Lied des Wettinger Paters Alberich Zwyssig und erst recht der deutsche Text des Zürchers Leonhard Widmer blieben bis heute umstritten und konnten bei den Schweizerinnen und Schweizern nie ein wirkliches Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln.

Immer wieder gab es deshalb Vorstösse für die Erneuerung der Hymne (siehe Artikel unten). Wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, morgen Samstag schon bei der zweiten Strophe aufgeben, müssen Sie kein schlechtes Gewissen haben.

Sie sind in bester Gesellschaft! Und gemeint ist hier nicht einmal die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft. Lieder und Schnulzen, Balladen und Songs aus der Schatztruhe der Schweizer Popularmusik haben längst die Rolle von eigentlichen Hymnen übernommen.

Diese Lieder, ob Pop-Songs oder Schweizer Schlager, wecken nostalgische Erinnerungen, Kindheits- und Jugenderinnerungen, Gefühle des Glücks und der Freiheit, der Geborgenheit und der Zusammengehörigkeit. Aber auf jeden Fall haben sie, je nach Generation und Alter, eine identitätsstiftende und identitätsbildende Wirkung.

Die Schweizer Popularmusik ist ja relativ jung und abhängig von medialer Massenverbreitung durch Tonträger, Radio und Fernsehen. Zuvor, also bis in die 1920er-Jahre war der Musikkonsum lokal geprägt. Erst die Gründung der SRG und der Sendestart 1931 schufen die Voraussetzungen für die landesweite oder zumindest sprachregionale Verbreitung eines Musikrepertoires und die Entwicklung einer Schweizer Popularmusik.

Auch internationale Pop- und Rockmusik kann eine identitätsstiftende Wirkung haben. Hier, aus Anlass des Nationalfeiertags, wollen wir uns auf jene Songs konzentrieren, die einen Bezug zur Schweiz haben. Und weil Identität und Identifikation am stärksten über die Sprache geschieht, konzentrieren wir uns in dieser Playlist zum 1. August auf Mundart-Lieder. Es ist also eine Deutschschweizer Playlist. Und eine musikalische Reise durch die Geschichte des Schweizer Mundart-Pop.

Zwei Grössen der Schweizer Popmusik: Polo Hofer und Francine Jordi bei der TV-Sendung "Die grössten Schweizer Hits" (2006) .

Zwei Grössen der Schweizer Popmusik: Polo Hofer und Francine Jordi bei der TV-Sendung "Die grössten Schweizer Hits" (2006) .

1938 ist das Geburtsjahr der Schweizer Popularmusik mit dem Schlager «Guete Sunntig mitenand» von Walter Wild. Bis Mitte der 1950er-Jahre folgten eine ganze Reihe von Schlager von Komponisten wie Robert Barmettler, Teddy Stauffer und Artur Beul, die thematisch stark von der geistigen Landesverteidigung der Kriegsjahre geprägt war.

So konservativ die Inhalte auch waren, musikalisch darf die Kombination von Elementen der Volksmusik mit damals moderner Musik durchaus als neu und gewagt bezeichnet werden. Die Schlager waren erfolgreich, aber auch höchst umstritten. Die Vertreter des echten Jodels sprachen von einer Verhunzung des Jodelliedes, die Jazzfreunde betonten, dass das mit echtem Jazz nichts zu tun habe.

Als Reaktion auf den Landigeist folgte eine Zeit, in der der Schweizer Schlager – mit wenigen Ausnahmen – verschwand. Das Schweizerische war bis in die zweite Hälfte der 1960er-Jahre verpönt. Gefragt waren englisch und möglichst originalgetreue Kopien der internationalen Trends.

Das änderte sich erst wieder mit den Berner Troubadours um Mani Matter, dem Erfolg der Minstrels, dem Trio Eugster sowie der neuen Gattung des Mundart-Pop in den 1970er-Jahren. Toni Vescoli und vor allem Polo Hofer haben internationale Pop- und Rockmusik mit Schweizer Mundarttexten verbunden und damit ein Genre begründet, das bei allen stilistischen Veränderungen die Schweizer Popmusik bis heute prägt.

Der Schweizbezug ist hier aber meist nur durch den Dialekt gegeben. Ein Rückgriff auf volksmusikalische Traditionen blieb, wie etwa bei Polos «Kiosk», die Ausnahme. Die Wende kam mit «Daneli» von Florian Ast 1996: Die Verknüpfung von Pop und Rock mit Elementen der Schweizer Volksmusik.

Was aber heute Trauffer, die Büetzer Buebe, die Chöre von Wiesenberg und Heimweh machen, ist im Grunde nichts anderes als ein Rückgriff auf die Geburtsjahre des Schweizer Schlagers. Dabei profitieren sie von einer allgemeinen Besinnung auf das typisch Schweizerische und seine Werte. «Zämehäbe» singt der Chor von Heimweh und beschwört den Zusammenhalt. 60 Jahre danach hat sich der helvetische Kreis geschlossen.

> Walter Wild/Sepp Israng: Guete Sunntig mitenand (1938)

> Robert Barmettler/Marthely Mumenthaler: Landidörfli (1939)

> Paul Weber: Guggerzytli (1940)

> Geschwister Schmid: I han en Schatz am schöne Zürisee (1941)

> Teddy Stauffer/Geschwister Schmid: S’Margritlilied (1942)

> Artur Beul/Geschwister Schmid: Stägeli uf, Stägeli (1944)

> Artur Beul/Geschwister Schmid: Übere Gotthard flüged Bräme (1945)

> Artur Beul/Marthely Mumenthaler-Vrenely Pfyl: Nach em Räge schint Sunne (1945)

> Paul Burkhard/Ruedi Walter: De Heiri hät es Chalb verchauft (1951)

> Paul Burkhard/Ruedi Walter: Mir mag halt niemer öppis gunne (1951)

> Bossbuebe: S’Träumli (1958)

> Druosbärg-Büeblä: De Seppel (1963)

> Mani Matter: I han es Zündhölzli azündt (1966)

> Minstrels: Grüezi wohl, Frau Stirnimaa (1969)

> Trio Eugster: Oh läck du mir…(1970)

> Toni Vescoli: Susann (1974)

> Ines Torelli: Gigi vo Arosa (1975)

> Rumpelstilz : Kiosk (1976)

> Taxi: Campari Soda (1977)

> Rumpelstilz: Stets in Truure (1977)

> Span: Louenesee (1982)

> Peter Reber: E Vogel ohni Flügel (1985)

> Polos Schmetterband: Alperose (1985)

> Maja Brunner: Das chunt eus spanisch vor (1987)

> Stephan Eicher: Guggisberglied (1989)

> Salvo: Losed Sie Frau Küenzi (1989)

> Stephan Eicher: Hemmige (1991)

> Patent Ochsner: Bälpmoos (1991)

> Baby Jail: Tubel Trophy (1992)

> Züri West: I schänke dr mis Härz (1994)

> Sina: Där Sohn vom Pfarrer (1994)

> Florian Ast: Daneli (1996)

> Patent Ochsner: W. Nuss vo Bümpliz (1996)

> Gölä: Schwan (1998)

Subzonic: Titelgschicht (1999)

> Mash: Ewigi Liäbi (2000)

> Stiller Has: Walliselle (2000)

> Hanery Amman: Chasch mers gloube (2002)

> Plüsch: Heimweh (2002)

> Baschi: Bring en hei (2006)

> Ruedi Rymann: Dr Schacher Seppeli (2007)

> Francine Jordi & Jodlerclub Wiesenberg: Das Feyr vo dr Sehnsucht (2008)

> Bligg: Musigg i dä Schwiiz (2008)

> Adrian Stern: Amerika (2010)

> Sina & Büne: Ich schwöru (2011)

> Züri West: Göteborg (2012)

> Steff la Cheffe: Ha keh Ahnig (2014)

> Trauffer: Geissepeter (2017)

> Nemo: Du (2017)

> Hecht: Kawasaki (2017)

> Lo & Leduc: 079 (2018)

> Patent Ochsner: Für immer uf di (2019) > Stiller Has: Umgang (2020)

>Troubas Kater: Dini Schwöschter (2020)

> Heimweh: Zämehäbe (2020)

Autor

Stefan Künzli

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