Dave Eggers

«Die Strasse»: ein Wüstenabenteuer

In 12 Tagen sollen 200 Kilometer asphaltiert werden.

In 12 Tagen sollen 200 Kilometer asphaltiert werden.

In seiner neuen mitreissenden Parabel «Die Parade» schickt der Amerikaner Dave Eggers zwei Strassenbauer in ein wahrhaft Beckett’sches Wüstenabenteuer.

Man könnte seine letzten Romane als literarische Versuchsanordnungen bezeichnen. Und wahrscheinlich würde der auf die Beschreibung zwischenmenschlicher oder gesamtgesellschaftlicher Konflikte abonnierte US-Schriftsteller Dave Eggers dem nicht einmal widersprechen.

Denn Eggers, 1970 in Boston geboren und seit Erscheinen seines 2014 auch auf Deutsch erschienenen Social-Media-kritischen Romans «The Circle» weltweit als eine Art «Orwell der Neuzeit» gefeiert, ist bei aller Vorliebe für spannende, gut erzählte Geschichten vor allem ein politischer Schriftsteller; ein Moralist, der seinen Büchern stets eine kritische Botschaft einschreibt – und seine Plots gekonnt als Vehikel nutzt, um diese unters Volk zu streuen.

Auch sein neuer, jetzt auf Deutsch vorliegender Roman «Die Parade» folgt dieser programmatischen Idee. Und wieder ist es nach seinem Buch «Ein Hologramm für den König» von 2013, in welchem Eggers die ebenso abstruse wie amüsante Geschichte des amerikanischen, kurz vor dem Ruin stehenden Geschäftsmannes Alan Clay entrollte, der in der saudi-arabischen Wüste auf den seine Existenz rettenden grossen Deal hofft, ein Wüstenstaat, in dem er sein aktuelles Erzählabenteuer ablaufen lässt.

Diesmal sind es zwei, in einen namentlich nicht näher bezeichneten, von heftigen Bürgerkriegshandlungen versehrten Staat in der arabischen Welt verbrachte ausländische Strassenbauer, die mit ihrer Arbeit den fortschrittlichen Südteil des Landes strassenverkehrstechnisch mit dem eher provinziellen Norden verknüpfen sollen. In ihnen gerade mal zwölf dafür zugebilligten Arbeitstagen soll dies geschehen – hat der Präsident des noch jungen Staates doch die kühne Idee, die geglückte Einstellung der Kampfhandlungen mit einer grossen friedlichen Parade zu feiern.

Ein schwieriges Unterfangen, wie sich bald herausstellen soll. Denn die beiden Männer, die einander vom ersten Augenblick an nicht grün sind – und im Roman konsequent als «Vier» und «Neun» bezeichnet werden, treiben unterschiedliche Ideen bei der Umsetzung des Auftrags um. «Das ist jetzt mein dreiundsechzigster Auftrag» sagte Vier. In acht Jahren hatte er über siebentausendfünfhundert Kilometer auf vier Kontinenten asphaltiert. Und dieser Auftrag hier war einfach. Sie sollten 200 Kilometer einer zweispurigen Strasse asphaltieren.»

Und genau so geht Vier das Ganze denn auch an, nämlich diszipliniert und gewissenhaft. Doch mit jeder Stunde, die er an der Ausführung der ihnen gestellten Aufgabe arbeitet, wachsen seine Zweifel an Neun, der den Aufenthalt als eine Art Urlaub mit gelegentlichen Arbeitseinsätzen versteht.

Auftrag wird zu einem Himmelfahrtskommando

«Sie hatten zwölf Tage Zeit, und abgesehen von Schlafenszeiten und gelegentlicher Nahrungsaufnahme legte Vier während eines Einsatzes nur dann Pausen ein, wenn sie unvermeidbar waren.

«Ist das dein erster Einsatz?», fragte Vier.

«Ja», sagte Neun.

«Dir ist klar, was du machen sollst?»

«Ja, die Strasse räumen, Hindernisse beseitigen.»

«Absurd», dachte Vier.

Tatsächlich entwickelt sich das Ganze bald zu einer Art Himmelfahrtskommando, als Neun sich über die ausdrücklich ausgesprochenen Warnungen auf nicht selbst zubereitetes Essen zu verzichten, hinwegsetzt, sich bei einem Essen in der Stadt lebensbedrohlich vergiftet – und das ganze Unternehmen damit in ein Wüstenkrimiabenteuer von wahrhaft Beckett’schem Ausmass verwandelt: Neun ringt mit dem Tod und ist transportunfähig, sodass Vier den Auftrag scheitern sieht.

Trotzdem bringt er es nicht übers Herz, Neun sich selbst zu überlassen. «Seine Kehle war trocken, und er hatte nicht mehr geweint, seit er ein Junge war. Aber Neuns Hilflosigkeit überwältigte ihn. Er konnte ihn nicht alleine lassen, aber wenn er blieb und Neun hier starb, was dann?»

Doch Neun erholt sich mit Hilfe von Rebellen, die eine Krankenstation überfallen – und ihm so die für seine Rettung notwendigen Medikamente beschaffen. «Als Vier die Asphaltier-Maschine am Nachmittag ausschaltete, war Neun wach und lächelte. Er hatte Farbe im Gesicht. Und als er Vier sah, schossen ihm die Tränen ins Gesicht. «Mein Retter!», sagte er.

Neun hat überlebt – und Vier gelingt es, trotz aller Widrigkeiten den Auftrag fristgerecht auszuführen. Also Ende gut – alles gut? Mitnichten! Denn hier biegt Eggers’ von immer neuen Volten gelenkte Räuberpistole abrupt in ein ebenso unerwartetes wie literarisch eindrucksvoll inszeniertes Maschinengewehr-Kugelhagel-Finale ab, das man als Leser lange nicht vergisst.

Und so schliesst der Roman als nachdenklich machende Meditation über Solidarität, menschliches Verhalten in Krisenzeiten – und die Halbwertzeit moralischer Grundsätze in Zeiten des Kriegs. Das macht «Die Parade» zwar noch zu keinem wirklich grossen – in seiner gedanklichen Schärfe aber sehr wohl zu einem mitreissenden Roman.

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