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Die teuerste Netflix-Serie bringt Hip-Hop aus der Gosse auf die Mattscheibe

Die Geburtsstunde des Hip-Hops: Grandmaster Flash (Mamoudou Athie, links) zeigt Zögling Shaolin (Shameik Moore) die richtigen Kniffe am Turntable.

Die Geburtsstunde des Hip-Hops: Grandmaster Flash (Mamoudou Athie, links) zeigt Zögling Shaolin (Shameik Moore) die richtigen Kniffe am Turntable.

«The Get Down» ist die bisher teuerste Netflix-Serie, die Produktion war Chaos pur. Doch das Resultat fasziniert.

Plötzlich glänzen seine Augen. Ezekiel steht in einem Plattenladen und hat gerade eine seltene Aufnahme entdeckt, mit der er die von ihm angebetete Mitschülerin Mylene beeindrucken will. Doch dann geht alles schnell: Eine Gang fällt im Laden ein, und ein unbeteiligter Typ in roten Turnschuhen, der sich Shaolin Fantastic nennt, nutzt die Verwirrung, um Ezekiel die Platte aus den Händen zu entreissen.

Shaolin haut ab, verfolgt von Ezekiel, verfolgt von der Gang. Angepeitscht von Trommelsounds sprintet er an zerstörten Häuserblocks vorbei eine Treppe hoch und springt dann auf ein gegenüberliegendes Hausdach, das in Flammen steht.

Willkommen in der atemlosen, hyperrealen Welt von «The Get Down». Die brandneue Serie des Streamingdienstes Netflix springt mitten in die Geburtsstunde des Hip-Hops Ende der Siebzigerjahre in der Bronx. Verantwortet hat die Serie kein Geringerer als der australische Kino-König Baz Luhrmann, seines Zeichens Regisseur von gleichermassen überstilisierten Musikfilmen wie «Romeo + Juliet» (1996), «Moulin Rouge!» (2001) und zuletzt «The Great Gatsby» (2013).

Gefährliches Schlaraffenland

«Filme, Kunst, Musik: Alles, was mich als Kind interessierte, hatte seinen Ursprung in New York City», erklärte Luhrmann dem Magazin «Variety» seine Faszination an der Welt von «The Get Down». Schon vor zehn Jahren begann er damit, den Stoff zu entwickeln, zunächst fürs Kino, doch dann entschied sich Luhrmann fürs Fernsehen, und tat es damit Kinoveteranen wie Martin Scorsese («Boardwalk Empire») und David Fincher («House of Cards») gleich.

Der Reiz: schier unlimitierte Mittel, wie sie vor allem Netflix bietet. Ein Schlaraffenland für den notorisch extravaganten Filmemacher Luhrmann, der damit aber nicht richtig umzugehen wusste: Während der zweieinhalbjährigen Produktionsphase wechselte er mehrfach die Crew aus, drohte damit, die Serie zu verlassen, bevor er dann die Entscheidungsmacht erst recht unter seinen Nagel riss.

Statt sich mit routinierten Fernsehmachern rumzuschlagen, holte Luhrmann Hip-Hop-Grössen wie Nas und Grandmaster Flash mit ins Boot, und schickte seine jungen Darsteller bei ihnen in ein mehrwöchiges Bootcamp.

Chaotisch, aber faszinierend

Die Konsequenz: Der Dreh verzögerte sich um Monate und das Budget schoss ins Unermessliche: 120 Millionen Dollar, so kostspielig war noch keine Netflix-Produktion. Von den insgesamt zwölf Folgen von «The Get Down» wurden nun erst die ersten sechs veröffentlicht – um das Wasser zu testen, bevor Anfang 2017 die zweite Hälfte nachgereicht wird, und bevor über eine potenzielle zweite Staffel entschieden wird.

Chaos pur, aber: Nach den ersten sechs Folgen will man mehr. «The Get Down» bietet in seinen besten Momenten einen faszinierenden, verspielten, hoch spannenden Einblick in die Genese einer der kreativsten Musikgattungen.

In einer bemerkenswerten Szene erhält Shaolin DJ-Unterricht beim grossen Pionier Grandmaster Flash höchstpersönlich. Wenn hier der Meister seinem Schüler als erste Lektion nichts weiter als eine Kreide in die Hand drückt, dann filmt das Luhrmann wie eine Hommage an Kung-Fu-Filme – eine ebenso unerwartete wie potente Mischung zweier popkultureller Urgewalten.

Immer wenn Luhrmann seinen Fokus auf die Musik legt, trumpft «The Get Down» gross auf. Keine andere Serie hat je so einleuchtend gezeigt, worin die Innovation liegt, wenn zwei alte Platten gemixt werden und sich ein Sprechgesang über diesen Teppich an Beats und Scratches ausbreitet. Luhrmanns schamlose, fast verklärte Ehrerbietung lässt die Lebenswirklichkeit einer Generation aufleben, die sich mit seiner Kreativität aus der Gosse hievte.

Kein stimmiges Gesamtbild

Doch «The Get Down» merkt man auch seine schwierigen Produktionsbedingungen an. Luhrmanns ausufernder Stil gipfelt immer wieder in einem Durcheinander, in einzelne Puzzleteile, die sich zu keinem stimmigen Gesamtbild zusammenfügen wollen. Wenn sich die gesangsbegabte Mylene beispielsweise mit freizügigen Discosongs von ihrem erzkatholischen Vater zu lösen versucht, kommt «The Get Down» wie eine Telenovela daher. Und wenn kurz darauf im angesagten Club Les Inferno eine halbstarke Gang einen Anschlag auf die lokale Drogenbaronin ausübt, verkommt die Serie plötzlich zu einer unfreiwillig komischen Gangsterfilm-Parodie mit comicartigen Schurken.

Derzeit lässt sich nur schwer abschätzen, ob Netflix mit «The Get Down» weitermacht oder den Stecker zieht. Fakt ist: Es wäre das erste Mal überhaupt, dass der Streamingdienst, der gerade 6 Milliarden Dollar in Eigenproduktionen investiert hat, eine seiner Serien bereits in den Kinderschuhen killt.

The Get Down (USA 2016) Regie: Baz Luhrman, Ed Bianchi u.a. Die ersten
6 Episoden jetzt auf Netflix. 

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