Kunst
«Die Überforderung ist gewollt»: Im Kunstmuseum St. Gallen liegt die Malerei am Boden

Der Zürcher Adrian Schiess legt seine Werke den Betrachtern zu Füssen und bezieht sie damit aktiv ein. Dies zeigt die Soloshow «Malerei 1980 – 2020» des international renommierten Künstlers in St. Gallen.

Christina Genova
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BMA_5434

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Benjamin Manser

In dieser Ausstellung hängt kein einziges Bild an der Wand. Dafür passiert umso mehr auf dem Boden, wo farbig glänzende Platten ausgelegt sind. In drei Räumen nehmen sie gar so viel Platz ein, dass diese nicht betreten werden können. Diese scheinbaren Zumutungen hat Adrian Schiess in der Absicht entwickelt, Malerei neu und anders zu denken.

Der 61-jährige Zürcher ist drei Tage vor der Eröffnung seiner Soloschau «Malerei 1980 – 2020» im Kunstmuseum St.Gallen noch mit dem Feinschliff beschäftigt. Es ist keine Retrospektive, sondern der Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf der horizontalen Malerei, einem zentralen Aspekt von Adrian Schiess’ Schaffen. Der Künstler entschied sich schon früh in seiner Karriere für eine andere Art von Malerei.

Alles begann in den 1980er-Jahren, als er die Fetzen entwickelte – bemalte und zerrissene Papierstücke, die er auf dem Boden auslegte oder zu Stapeln türmte. Später malte er auf Holzbrettern, dann ab 1988 mit Autolackfarben auf Sperrholz. Als er 1990 zu Aluminiumplatten als Trägermaterial wechselte, delegierte er den Farbauftrag an Spezialisten, «aus dem Wunsch heraus, Malerei zu finden und sie nicht selbst zu machen». Fortan bezeichnete er die ­Platten schlicht als «Malerei». In St.Gallen ist nur Letztere zu sehen.

Demütig, aber nicht tot sondern höchst lebendig

Adrian Schiess legt im Foyer bei Aufbau Hand an und platziert Videoarbeiten mit Farbverläufen.

Adrian Schiess legt im Foyer bei Aufbau Hand an und platziert Videoarbeiten mit Farbverläufen.

Benjamin Manser

Seine horizontale Malerei versteht der Künstler als eine ­«Ablehnung des Bildes, das senkrecht an der Wand hängt und aus dieser vertikalen Gegenüberstellung eine Autorität ableitet, die Du einfach nicht wegbekommst», wie in der Publikation zur Ausstellung (siehe Kasten) zu lesen ist. Anders als bei den Neuen Wilden, die Anfang der 1980er ebenfalls neue Wege in der Malerei suchten, liegt bei Schiess die Malerei buchstäblich am Boden, demütig, aber nicht tot, sondern höchst lebendig, weil sie auf die se Weise neu gesehen und weiterentwickelt werden kann.

Affinität zur Architektur

Begleitpublikation zur Ausstellung

In der umfangreichen, beim DCV-Verlag erschienenen Publikation («Das Singende», 360 S., Fr. 75.–) zur St. Galler Ausstellung ist ein längeres Interview enthalten, das der Kunsthistoriker Ulrich Loock mit Adrian Schiess geführt hat. Darin erklärt der Künstler in aller Ausführlichkeit seine künstlerische Position. Im Band sind auch alle Projekte mit Bildstrecken vertreten, die Schiess in Zusammenarbeit mit Architekten wie Herzog & De Meuron oder Gigon /Guyer entwickelt hat. (gen)

Schiess’ frühe Fetzen sind gleich im Foyer zu sehen, daneben Videoarbeiten mit Farbverläufen aus den 1990ern und Bodenplatten – das Auge muss sich an die Fülle von Objekten erst gewöhnen. Diese Überforderung sei gewollt, sagt der zurückhaltende Künstler:

Die ­Betrachter sind aufgefordert, aktiv zu werden.
Das St.Galler Tageslicht-Museum bringt die Malerei von Adrian Schiess wunderbar zur Geltung.

Das St.Galler Tageslicht-Museum bringt die Malerei von Adrian Schiess wunderbar zur Geltung.

Benjamin Manser

Schiess’ Malerei soll man nicht vor Ehrfurcht erstarrt gegenüberstehen, sondern sich als aktiv Schauender seine eigenen ­Bilder davon machen. Man entdeckt sie, indem man sich im Raum bewegt: Im Oberlichtsaal etwa, wo sich einem die feinen Abstufungen der Farben einer Serie von Bodenplatten nur erschliessen, wenn man daran entlang schreitet.

Besonders verführerisch: changierender Lack.

Besonders verführerisch: changierender Lack.

Benjamin Manser

Je nach Standort sieht man Schiess’ Malerei immer wieder anders, in den glänzenden Platten spiegelt sich nicht nur die Umgebung, sondern auch der Betrachter. Auch die Farben verändern sich, besonders augenfällig bei Werken, die mit changierendem Lack versehen wurden: Was eben noch wie dumpfes Braun ausgesehen hat, wird zu einem satten Lila. «Bilder sind etwas Fliessendes, nicht etwas Statisches», sagt Schiess. Nicht alle Platten sind in glänzenden Farben gehalten. In einem Seitensaal ist eine Serie zu sehen, bei welcher ausschliesslich reine Pigmente verwendet wurden.

In einem Seitensaal ist eine Serie von Bodenplatten in matten Farben zu sehen, bei welchen reine Pigmente verwendet wurden.

In einem Seitensaal ist eine Serie von Bodenplatten in matten Farben zu sehen, bei welchen reine Pigmente verwendet wurden.

Benjamin Manser

St.Gallen ist als Tageslicht-Museum für Seherfahrungen à la Schiess besonders geeignet: Das über die Fenster einfallende Licht verändert die Wahrnehmung der Werke je nach Wetter, Tageszeit und Jahreszeit. Wolkenstrukturen, die Bäume des nahen Stadtparks, die Fenster selbst, werden Teil der Malerei. Und weil die Farben der Platten an Wände und Decke abstrahlen, verbindet sich alles mit allem zu einem Gesamtkunstwerk. Schiess versteht seine Malerei als Vehikel, als Mittel zum Zweck: «Kunst ist das, was entsteht. Es gibt sie nicht. Sie kann sich ereignen. Es braucht Sie als Betrachterin.»

Diese Bodenplatten wurde mit einer Chromschicht grundiert. Dadurch erscheinen sie mal fast farblos, mal in perlmuttfarbenem Glanz.

Diese Bodenplatten wurde mit einer Chromschicht grundiert. Dadurch erscheinen sie mal fast farblos, mal in perlmuttfarbenem Glanz.

Benjamin Manser

Trotz ihrer industriellen Herstellung wirkt Schiess’ Malerei niemals technologisch oder technoid. Die Farben, ihr Zusammenspiel mit Licht und Raum, die Spiegelungen, dies alles hat etwas ausserordentlich Sinnliches. Ist Schiess’ Kunst aber auch politisch oder gesellschaftlich relevant? Versteht man darunter die Einsicht, dass Sichtweisen je nach Standort des Betrachters völlig anders geartet sein können, dann wird dies in seiner Malerei eindrücklich vor Augen geführt.

Vernissage 28. August, 18.30 Uhr, Kunstmuseum St.Gallen; Ausstellung bis 7.2.2021.