Humor
Die Zukunft der Gülsha Adilji

Wäre Gülsha Adilji normal, hätte sie jetzt eine Sendung beim SRF. Doch die junge Wilde, die vor sechs Jahren aus dem Nichts beim Jugend-TV-Sender Joiz auftauchte, macht jetzt Kleinkunst. Zum Glück.

Benno Tuchschmid
Drucken
Teilen
Gülsha Adilji hat Bammel vor ihrem Bühnenprogramm: «Ich liefere mich aus.» Mirjam Kluka

Gülsha Adilji hat Bammel vor ihrem Bühnenprogramm: «Ich liefere mich aus.» Mirjam Kluka

«Karriereplanung», sagt Gülsha Adilji, beugt sich über den Tisch im Zürcher Volkshaus und sagt sehr, sehr eindringlich: «Bitte nicht verwenden, dieses Wort». Klingt ihr zu sehr nach dem, was sie nicht sein will. Nach Laufbahnberatung und Säule 3a. Nur: Es geht jetzt tatsächlich um die Zukunft der beispiellosen Karriere der Gülsha Adilji.

Wie die genau aussieht, dazu gleich mehr. Erst einmal kurz etwas dazu, wie sie hätte aussehen können. Wäre Gülsha Adilji normal, hätte sie jetzt eine Sendung beim SRF. Denn so geht das üblicherweise: Man moderiert bei einem kleinen Sender, ist jung und wild und fällt auf, so wie Adilji, die vor sechs Jahren aus dem Nichts beim Jugend-TV-Sender Joiz begann und Zuschauer und Journalisten mit ihrer Schlagfertigkeit entzückte.

Nächste Station wäre dann im Normalfall irgendeine ungefährliche Sendung in den Tiefen des SRF-Programms, wo Gülsha Adilji gerade noch so sehr sich selbst hätte sein können, dass es für die Attribute «frech» und «frisch» in Sendekritiken gereicht hätte – und genug glatt, dass sich die SRF-Verantwortlichen keine Sorgen um ihren Schlaf hätten machen müssen. Nebenbei Weihnachtsanlässe mittelständischer Unternehmen moderieren. Und in fünf bis zehn Jahren vielleicht eine Spielshow in der Prime-Time. Das wäre eine Karriereplanung.

Bindungsfeindlich

Stattdessen ist Gülsha Adilji nun nervös. Am Donnerstag feiert ihr Bühnenprogramm «D Gülsha Adilji zeigt ihre Schnägg» Premiere. Was Gülsha Adilji auf der Bühne präsentieren wird, ist so etwas wie die Quintessenz ihres bisherigen Schaffens. Sie wird auf der Bühne sitzen, ein Laptop vor sich. Einen Beamer hinter sich. Und dann wird sie reden.

Es geht um «Liebes-Issues», wie Gülsha sagt. Genauer um die amourösen Probleme ihrer Generation, dieses bildungsfreundlichen, bindungsfeindlichen Individualisten-Kollektivs, das sich gerade in oder aus der Quarter-Life-Krise manövriert. Es wird lustig, aber auch dramatisch, wohl auch politisch. Vor allem aber ehrlich. «Ich lese da Sachen vor, die ich nie erzählen würde.»

Im Stück geht es auch um sie. Das mache ihr Angst, sagt sie. Und das soll etwas heissen, denn Gülsha Adilji ist bisher nicht durch allzu grosse verbale Zurückhaltung oder ein ausgeprägtes Schamgefühl aufgefallen. Doch nun geht sie in unbekannte Gefilde. «Ich liefere mich aus.»

Die inhaltliche Kompromisslosigkeit des neuen Programms hat auch etwas mit Adiljis persönlicher Entwicklung zu tun. Bekannt wurde sie als junge Frau, die sich einen Deut um Konventionen schert und auch mal leicht angetrunken während der Swiss Music Awards in den Zuschauerrängen tanzt. Alle waren etwas verliebt in diese Gülsha Adilji.

Man wählte sie zur Nachwuchsjournalistin des Jahres 2012, mangels passenderer Kategorie. Eine Journalistin im klassischen Sinne war sie nie. Doch mittlerweile ist sie auch der Rolle der etwas unverschämten, aber allseits beliebten Zeitgeist-Unterhalterin entwachsen.

An den diesjährigen Swiss Music Awards hat sie zwar wieder in den Zuschauerrängen getanzt, aber sie schreibt heute auch Kolumnen in dieser Zeitung und in der «Annabelle», sie tritt in Talk-Sendungen und Podien auf. Sie ist so etwas wie die Chefsprecherin ihrer Generation geworden, oft politisch, manchmal auch wütend, fast immer polarisierend.

Nicht ganz normal

Mitgeprägt hat diese Entwicklung Reeto von Gunten, der Teilzeit-Moderator, Kleinkünstler und Spiritus Rector der Autoren-Agentur Atelieer, bei der Adilji unter Vertrag ist. Sie solle schreiben, hat er ihr geraten. Doch mit dieser Entwicklung nahm auch der Gegenwind zu.

Wer Stellung bezieht, erfährt Widerspruch. Wer in der «Arena» auftritt, ist nicht mehr Everybody’s Darling. Gülsha Adilji wurde angreifbar. Es war denn auch bemerkenswert, wie höhnisch in der Presse ihr eher durchzogener Auftritt in der SRF-Sendung «Focus Blind Date» aufgenommen wurde. Adilji erkannte darin den SVP-Politiker Peter Spuhler nicht und war auch sonst eher «schlecht», wie sie selbst sagt, «aber weisst du was? Ist doch egal!»

Wenn man Adilji fragt, wieso sie so erfolgreich ist, sagt sie: «Weil ich Glück hatte und weil ich nett bin.» Es gebe in allem, was sie mache, 180 Menschen, die besser seien als sie. Was natürlich schon deshalb nicht stimmt, weil niemand macht, was Gülsha Adilji macht. Zum Beispiel auf eine vorgefertigte Karriereplanung pfeifen. Nicht ganz normal halt.

«D Gülsha Adilji zeigt ihre Schnägg» Premiere Miller’s Studio, Zürich Do, 23.2., 20 Uhr; Do, 9.3., Bern, Bonsoir. Weitere Termine unter www.atelieer.ch

Aktuelle Nachrichten