Film
«Diese Stille ist etwas ganz Schreckliches»

Der in Basel lebende Regisseur Nicola Bellucci wagt für den Tschetschenienfilm «Grozny Blues» viel, sehr viel. Denn wer über Missstände in Tschetschenien berichtet, gar vor Ort Menschenrechtsaktivistinnen trifft, begibt sich automatisch in Gefahr.

Susanna Petrin
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Die Konterfeis von Putin und Achmat Kadyrow, dem verstorbenen Vater des amtierenden Präsidenten, sind in Tschetschenien allgegenwärtig. Filmstill Grozny Blues

Die Konterfeis von Putin und Achmat Kadyrow, dem verstorbenen Vater des amtierenden Präsidenten, sind in Tschetschenien allgegenwärtig. Filmstill Grozny Blues

Nicola Bellucci, dieser Tage schauen alle Richtung Syrien, warum sollte die Welt sich jetzt mit Tschetschenien befassen?

Nicola Bellucci: Zum Beispiel, weil Putin auch in Syrien agiert. Und nehmen wir Isis: Viele Tschetschenen haben sich der Bewegung angeschlossen. Oder der Konflikt in der Ukraine: Auch darin sind Tschetschenen verwickelt. Die Männer haben jahrelang nichts anderes getan, als Krieg zu führen. Man hat vergessen, was ein normales Leben ist. Man hat nicht versucht, eine neue Gesellschaft aufzubauen mit neuen Strukturen, mit Versöhnung. Aber es ist wahr: Heute spricht man fast nur von diesen Migranten, schaut auf diese Bilder, wird berührt – und vergisst es am nächsten Tag wieder. Tschetschenien halte ich für interessant, weil die Konflikte und Probleme dort schon lange und bis heute andauern. Es ist ein totalitärer Staat innerhalb eines pseudodemokratischen Staats. Es ist ein besonders anschauliches Beispiel für die negative Entwicklung, wie sie derzeit weltweit vielerorts geschieht.

Inwiefern?

Ähnliches passiert seit einigen Jahren in den arabischen und muslimischen Ländern, auch in der Türkei zum Beispiel: Auf der Basis einer Pseudodemokratie baut man eine Diktatur auf. Mit ähnlichen Mitteln: Die Religion wird als Vorwand benutzt, als politisches Mittel eingesetzt. Die Opposition wird vernichtet. In Tschetschenien gab es einmal bei Wahlen sogar 101 Prozent Zustimmung.

Also nordkoreanische Zustände?

Es gibt Parallelen. Tschetschenien ist ein Teil der Russischen Föderation, theoretisch sollte dasselbe Gesetz gelten. Trotzdem gilt dort nicht die russische Verfassung, sondern nur, was Präsident Ramsan Kadyrow sagt. Es ist ein Moloch, ein Apparat, den Putin benutzt hat, um die Situation dort zu beruhigen.

Sie begleiten in der Hauptstadt Grozny drei Frauen, die seit Jahren die Kriegsverbrechen, all die Gräueltaten und Missstände mit der Kamera dokumentieren. Aber diese Menschenrechtsaktivistinnen sagen selber: Niemand will das sehen.

Das ist das Tragische. Wer erinnert sich an die 160 000 Kriegstoten von Tschetschenien? Die Tausenden von verschwundenen Menschen? Und wen kümmert es, was dort immer noch passiert? Ich habe den Film nicht nur gemacht, um an die Vergangenheit zu erinnern. Für mich war wichtig, dass man sich für die heutige Situation interessiert. Ich habe zwei Zeitachsen vermischt. Ich wollte keine konventionelle Reportage drehen, sondern heute und gestern zusammenführen. So, dass fast eine Art Explosion entsteht.

Sie hätten leicht noch viel drastischere Szenen zeigen können.

Ich wollte das Gegenteil von einem Betroffenheitsfilm machen. Ich wollte nicht das klassische Bild von diesen weinenden alten Frauen wiederholen. Ich wollte stolze, mutige Frauen zeigen, die sich nicht verbiegen, die ihre Würde behalten, die kämpfen. Der Film ist zwar ein Blues. Aber innerhalb dieses Lamentos soll eine Haltung gegenüber dem Leben gezeigt werden, die für mich die richtige Haltung ist. Deshalb habe ich anhand dieser Menschen gezeigt, wie man sich in so einer Situation aufrecht halten kann. Ihre stille Hartnäckigkeit. Denn leider ist es so, dass man dort kein Wort sagen darf. Diese Stille ist etwas ganz Schreckliches.

Haben Sie all diese Archivaufnahmen gesehen, die diese Frauen im Laufe der Jahrzehnte aufgenommen haben?

Sie haben Hunderte von Stunden gefilmt, ich habe mir vielleicht die Hälfte angeschaut. Die Idee am Anfang war, mehr mit diesen Archivbildern zu arbeiten. Aber dann reichte weniger, um das Wesentliche zu erzählen. Es ist eben kein Film über die Vergangenheit, sondern, wenn schon, darüber, wie diese Vergangenheit sich in der Gegenwart spiegelt. Das Archiv ist ein Teil des Lebens dieser Frauen. Es ist alles noch präsent. Wenn sie aufpassen müssen, was sie sagen, wenn sie überlegen müssen, ob sie ein Kopftuch anziehen, wenn sie Menschen bei der Suche nach vermissten Verwandten helfen.

Wie haben Sie diese Frauen gefunden?

Über die in Basel lebende Autorin und Tschetschenien-Kennerin Irena Brežná. Sie hat mich mit vielen wichtigen Menschen bekannt gemacht, unter anderem mit der Menschenrechtsaktivistin Zajnap Gaschajewa. Sie ist die Leiterin des Tschetschenien-Archivs in Bern, in dem all diese Videoaufnahmen gelagert werden. Die Frauen, die ich zeige, passen nicht in unser klassisches Bild von Menschenrechtlerinnen . Wir denken da eher an Intellektuelle wie Anna Politkowskaja. Ich wollte relativ normale Frauen begleiten, die vielleicht nicht so supergebildet sind, aber durch ihr Leben etwas ausdrücken, das mir wichtig ist. Wie kämpft ein Mensch, um ein Mensch zu bleiben? Das ist für mich immer wieder ein wichtiges Thema.

Werden die Filme dieser Frauen auch sonst öffentlich gezeigt?

Man hat Angst, dieses Material zu veröffentlichen. Vor wenigen Tagen ist eine Gruppe von Journalisten und Menschenrechtsaktivisten auf dem Weg nach Grozny von Maskierten festgehalten und verprügelt worden. Auch die einzige Gruppe russischer Menschenrechtsanwälte, die dort aktiv ist, wird ständig attackiert, ihr Büro wird immer wieder in Brand gesetzt.

Und in Bern hat man auch Angst?

Alle Tschetschenen, die im Ausland leben, haben Angst.

Und Sie hatten keine Angst, dieses Projekt zu machen?

Natürlich. Es war kein Spaziergang. Ich hatte und ich habe immer noch Angst – um mich, aber vor allem um diese Leute. Man denkt hier, in Tschetschenien laufe es nun mehr oder weniger gut. Das ist das Bild, das seit einigen Jahren medial verbreitet wird. Aber in dieser Zeit sind die wenigen oppositionellen Stimmen zum Verstummen gebracht worden. Die Leute werden ständig bedroht. Man darf nicht mal sagen, dass es einen Krieg gab. Parallel dazu wurde ein Teil der Bevölkerung gekauft. Die Propaganda ist sehr aktiv, die Leute werden mit Parolen bombardiert.

Sie zeigen immer wieder diese merkwürdige Stadt. Das Zentrum ist ein Trümmerfeld, aus dem hochmoderne Wolkenkratzer aus Glas emporwachsen. Und in der Mitte steht eine riesige Moschee.

Die Wolkenkratzer im Zentrum gehören alle Kadyrow – aber es gibt nicht mal eine Fabrik, es gibt nichts, keine Wirtschaftspläne. Die alten Häuser der Stadt sind mit Plastikwänden renoviert worden. Darunter sind noch die alten, von Kugeln durchsiebten Mauern.

Gibt es eigentlich einen schönen Ort in Grozny?

Ja, einen Ort der Blues Brothers heisst, einen Club. Dort, wo im Film diese Band spielt. Dort hat man noch einen anderen Geist getroffen, Spuren einer anderen Zeit, als Grozny noch eine multikulturelle Stadt war, in der Juden, Armenier und Russen sich getroffen haben. In den 80er-Jahren wurde da sogar Punk gespielt, es gab alles Mögliche. Heute wird die Religion betont, Frauen werden unterworfen.

War es schwierig für Sie, so viel Ungerechtigkeit und Ohnmacht auszuhalten?

Die Leute fühlen sich allein gelassen, sie glauben selber nicht mehr, dass man etwas machen kann. Das ist tragisch. Wenn die Hoffnung komplett weg ist, wie will man etwas Neues aufbauen? Ich habe mit diesen Leuten mitgelebt. Und wie so oft, wenn man sich mit Krieg und Leiden beschäftigt: Davon kannst du nicht mehr wegkommen.

Sie beschreiben eine Situation ohne Hoffnung.

Ich hoffe, dass es immer eine Hoffnung gibt, man kann fast nicht leben ohne. Aber es ist in diesen Ländern sehr schwierig, eine zivile Opposition aufzubauen. Es geht nicht um Blut, Hass und Krieg, davon gab es genug. Es geht um andere Wege und Mittel.

Sie setzen sehr viel voraus in Ihrem Film, erklären nichts. Verlangen Sie nicht etwas viel Vorwissen von den Zuschauern?

Gewisse Informationen sind für alle schnell zu finden. Ich wollte keine Zeit verlieren mit Erklärungen. Für mich war etwas anderes wichtig: Es geht nicht nur um Tschetschenien. Es geht um einen Zeitgeist, der uns alle betrifft: Von oben wird entschieden. Es werden demokratische Institutionen kreiert, die gar nicht demokratisch sind. Mafiöse, korrupte Gruppen ziehen die Fäden. Und das alles passiert, ohne dass wir uns fragen: Wie ist das passiert? Was können wir dagegen tun? Sind wir auch verantwortlich? Ich will mir lieber nicht Donald Trump als US-Präsident vorstellen. Er sagt, er mag Putin. Natürlich. Er ist der gleiche Typ, à la Americaine.

Aber der Westen ist demokratisch.

Wir leben alle in einer gefährlichen Zeit, in der ein paar wenige multinationale Kräfte extrem viel kontrollieren. Wir denken, dass wir in einer gewissen Freiheit leben, und merken nicht, dass diese bedingt ist. Wir müssen uns fragen, ob es nicht an der Zeit ist, dass jeder von uns als politisches Wesen wieder aktiv wird.

Was sollte passieren?

Man muss schauen, dass man nicht gleichgültig wird. Wir können nicht alle Leute retten, einfach so. Aber in schwierigen Zeiten muss man eine Haltung einnehmen. Vielleicht sollten wir uns fragen, unter welchen Bedingungen die Leute leben. Dann erfahren wir auch etwas über die Gründe der Flüchtlingskatastrophe, die wir jeden Tag vor Augen haben. Wir müssen die Ursachen bekämpfen. Ich bin erstaunt, wenn ich sehe, wie man heute im Westen Putin rehabilitiert. Er wird behandelt wie ein Unberührbarer. Es gilt als gegeben, dass man gegen Russland sowieso nichts tun kann. Der Film fragt implizit: Wäre es nicht an der Zeit, etwas zu tun?

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