«The Purge»

Dieser Horrorfilm prophezeite die wüsten Szenen auf US-Strassen – die Geschichte nimmt kein gutes Ende

Wie im Horrorfilm «The Purge»: Das Ehepaar McCloskey verteidigte im Juli seine Villa im amerikanischen St. Louis mit Schusswaffen gegen Demonstranten.

Wie im Horrorfilm «The Purge»: Das Ehepaar McCloskey verteidigte im Juli seine Villa im amerikanischen St. Louis mit Schusswaffen gegen Demonstranten.

Der Hollywood-Schocker «The Purge» hat vorweggenommen, was Amerika heute blüht – mit beängstigender Präzision.

Zwischen dem Geburtstag von Charlie Chaplin (16. April 1889) und jenem von Adolf Hitler (20. April 1889) lagen gerade mal vier Tage. Obs daran lag, ist schwer zu sagen. Jedenfalls aber hat Chaplin den ungleichen Altersgenossen durchschaut wie kein anderer seiner Zeit. In seinem Film «Der grosse Diktator» hat der Jahrhundertschauspieler bereits 1940 die ganzen Schrecken des Nazi-Regimes vorweggenommen.

Mit unheimlicher Präzision prophezeite der Streifen, was unter Hitlers Herrschaft dann tatsächlich geschah. Den Horror, die Zerstörung, die Gestik des Diktators: All das bannte Chaplin auf Zelluloid, bevor es auf der Weltbühne seine ganze Grausamkeit offenbarte.

Heute erleben wir eine nicht minder eindrückliche cineastische Realitätsvorwegnahme. Verantwortlich für die prophetische Leistung ist diesmal nicht Charlie Chaplin (der verstarb an Weihnachten 1977, 32 Jahre nach dem Diktator), sondern der Filmproduzent James DeMonaco. Der hat zwischen 2013 und 2018 die Filmserie «The Purge» («Die Säuberung») auf den Markt gebracht.

Sie spielt in einem Amerika, in dem jedes Jahr einmal für kurze Zeit alle Verbrechen legal sind. Das Land erzittert unter den umherirrenden Banden gewalttätiger Menschen, die ganze Quartiere niederbrennen und Mitbürger töten. Unter der meuchelnden Meute leiden primär die Armen, oft Schwarze, die sich der Gewaltorgie nicht entziehen können. Wer es sich leisten kann, schliesst sich in seinem Bunker ein. «Lockdown», heisst das in den Filmen.

In den Köpfen wirre Ideologien, in den Läufen tödliche Munition

Die maskierten Menschen, die brennenden Städte, der Lärm und die unheimlichen Figuren, die durch die Strassen stolpern: All das ist nicht nur Teil des Filmplots. All das passiert genau jetzt in Amerikas aufgekratzten Städten.

© Bild Keystone 27.7.20

Sieben Jahre nach der Uraufführung des ersten «Purge»-Movies hat der Lockdown in den USA zum Zusammenbruch der Wirtschaft geführt. Die Mordrate steigt, die Proteste gegen Polizeigewalt arten ihrerseits in gewaltsame Orgien aus, an deren Rändern schwerbewaffnete Teenager Menschen erschiessen. In den Köpfen wirre Ideologie, in den Läufen tödliche Munition. Alles wie im Film.

Wie eine Parodie auf die Hollywood-Blockbuster wirkt auch das Paar Mark and Patricia McCloskey aus St. Louis. Die beiden stellten sich im Juli vor ihre Villa und richteten ihre durchgeladenen Schusswaffen auf maskierte Demonstranten.

© Keystone

Vergangene Woche wurden sie von Donald Trump an die Parteitage der Republikaner eingeladen. Dort sagte Patricia McCloskey:

Patricia und Mark McCloskey am Parteitag der Republikanischen Partei 2020

Patricia und Mark McCloskey am Parteitag der Republikanischen Partei 2020

Wäre die Szene einem «Purge»-­Film entliehen, würde einen das metaphysische Gruseln packen. Doch die Szene stammt aus dem realen Leben. Wegzappen lässt sich dieses Amerika nicht. Vorwärtsspulen? Fehlanzeige. Der Horror ist echt.

Es sind allerdings nicht nur die McCloskeys mit ihren polierten Gewehren, die einen sofort an die säubernden Bürger der «Purge»-Filme denken lassen. Auch die Chaoten, die derzeit Amerikas Innenstädte mit Fluch und Flammen überziehen, gleichen den meuchelnden Meuten der Horror-Serie bis hin zu den schwarzen Masken im Gesicht.

In mindestens einem Fall sind den gewaltsamen Demonstranten die ­Parallelen zwischen ihrem Trauerspiel und der Filmserie offenbar selbst aufgefallen. Auf einem Video aus den brennenden Strassen von Minneapolis ist zu hören, wie jemand den Soundtrack aus den «Purge»-Filmen abspielt – als akustische Kulisse für die realpolitische Säuberung, die die Chaoten dem System verpassen wollen.

Der Titel des letzten Films macht einem Angst

Der dritte Film der Serie wurde 2016 unter dem Titel «Die Säuberung: Wahljahr» veröffentlicht. Er dreht sich um eine Präsidentschaftskandidatin, die den alljährlichen Horror stoppen will. Das ist schwierig, weil die herrschende Partei politisch von den Gewaltorgien profitiert.

Die Angst, die der wiederkehrende Ausnahmezustand im Wahlvolk auslöst, kommt ihrer toughen «Recht und Ordnung»-Rhetorik entgegen. Die Tatsache, dass mehrheitlich Schwarze und Arme unter den Säuberungsaktionen leiden, spielt ihnen in die Karten. Letztlich gewinnt die Präsidentschaftskandidatin trotzdem und schafft den «Purge» ab. Im Abspann des Filmes ist noch zu hören, dass die Anhänger der Gegenpartei das nicht tolerieren und einen gewaltsamen Aufstand anzetteln.

Inwieweit «The Purge» auch hier von prophetischer Qualität ist, wissen wir erst am 3. November. Dann finden in Amerika die Präsidentschaftswahlen statt. Immerhin in einem Punkt aber weicht die Gegenwart vom Filmplot ab. In den Horrorstreifen endet die Säuberung jeweils exakt zwölf Stunden nach ihrem Ausbruch. Das politische Purgatorium im Amerika des Jahres 2020 aber dauert an – seit vielen Wochen.

Und übrigens: James DeMonaco hätte am 10. Juli dieses Jahres eigentlich den fünften und letzten Film seiner Serie ins Kino bringen wollen. Die Uraufführung wurde verschoben – wegen des herrschenden Notstands im grossartigen Land. Bekannt ist bereits, welchen Titel der neue Film Trägt: «Die Säuberung endet nie.»

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