Kultur

Dirigentin macht unbekannte Musik aus der Schweiz berühmt – mit innovativem Konzept

Lena-Lisa Wüstendörfer. Bild: Dominic Büttner

Lena-Lisa Wüstendörfer. Bild: Dominic Büttner

Dirigentin Lena-Lisa Wüstendörfer geht mit ihrem Swiss Orchestra auf Tournee. Mit bekannter klassischer und unbekannter heimischer Musik.

In der Ferne ist der Dirigentin Lena-Lisa Wüstendörfer die Idee für ein sehr schweizerisches Projekt gekommen, mit dem sie jetzt auf Schweizer Tournee geht. Nach Bangkok eingeladen zu einem Konzert mit dem Thailand Philharmonic Orchestra, sollte sie dort im zweiten Teil des Abends eine Tschaikowsky-Sinfonie dirigieren.

Für die erste Hälfte wünschten sich die Veranstalter «etwas Schweizerisches». Sie war «wie vor den Kopf gestossen», erzählt sie. Denn wenig nur ist ihr in den Sinn gekommen, was gepasst hätte. «Gibt es so wenig spannendes sinfonisches Repertoire aus der Schweiz?», hat sie sich gefragt. «Oder kennen wir es einfach nicht?»

Das weckte den Entdeckergeist der 36-Jährigen. Gerüstet ist sie. Denn nach der Dirigierausbildung hat die ausgebildete Geigerin auch Musikwissenschaften studiert. Sie weiss also, wo sie nach vergessenen Schätzen suchen muss. Sie wird fündig. «Aus der Zeit der Klassik und Romantik bin ich auf wahre Trouvaillen aus der Romandie wie der Deutschschweiz gestossen», sagt sie. «Sie zeigen eine neue Facette der Schweiz.»

Musikalisches Erbe der Schweiz in Konzertform

Ihre Entdeckungen sind zum Startpunkt des Swiss Orchestra geworden – eines ungewöhnlichen Projekts, das auch ein grosses Wagnis bedeutet. Denn Lena-Lisa Wüstendörfer will nicht nur Vergessenes wiederfinden, sondern das reiche musikalische Erbe unseres Landes auch in einem attraktiven Konzertformat zum Klingen bringen.

Attraktiv bedeutet: In den Programmen des Swiss Orchestra wird immer zur Hälfte Unbekanntes aus der Schweiz zu hören sein, das kombiniert wird mit dazu passenden Stücken grosser Komponisten. So startet die erste Konzertreihe mit der Ouvertüre zur Oper «Jugend und Leichtsinn» des Genfers Jean Baptiste Edouard Dupuy, der als Dirigent und Komponist vor allem an den Königshöfen in Schweden und Dänemark gewirkt hat und ein Zeitgenosse von Beethoven war. Dessen Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur erklingt anschliessend mit dem Schweizer Pianisten Oliver Schnyder als Solist.

Im zweiten Teil stehen sich Hans Hubers aus der Blütezeit der Romantik stammende Serenade «Winternächte» und Mozarts «Eine kleine Nachtmusik» gegenüber. Und bereits ist eine zweite Tournee geplant, mit dem Oboisten und Komponisten Heinz Holliger und Werken von Frank Martin, Johann Carl Eschmann – einem Winterthurer Klassiker – und Johannes Brahms. Auf diese Tour gehen wird das Swiss Orchestra: ein extra für dieses Projekt geschaffenes Orchester, mit dessen vorwiegend jüngeren Musikerinnen und Musikern Lena-Lisa Wüstendörfer bei ihren vielen Auftritten schon gearbeitet hat.

«Zum Teil spielen sie in etablierten Sinfonieorchestern, zum Teil haben sie sich als Kammermusiker einen Namen gemacht.» Letztere haben besonders gut gelernt, aufeinander zu hören. Dass dies wesentlich den Erfolg eines Klangkörpers entscheidet, hat Wüstendörfer als Assistentin beim Weltklassedirigenten Claudio Abbado gelernt.

Ein Brückenschlag zwischen den Landesteilen

Bei ihren künftigen Musikerinnen und Musikern hat die Dirigentin offene Ohren gefunden. «Mich reizt das Neue, denn das Neue hat es nie leicht», sagt etwa die Flötistin Andrea Lötscher, die mit Lena-Lisa Wüstendörfer studiert hat. Und über die sie sagt: «Sie ist mit viel Leidenschaft und einem sehr fundierten Fachwissen bei der Sache.»

Ähnlich tönt es von der in St. Gallen lebenden Geigerin Alexa Andris, die mit ihrem Mann, dem Bratschisten Cristian Andris, zum Orchester stösst. Sie kennt Wüstendörfer vom Orchestra of Europe her – einem Klangkörper aus jungen Profimusikern aus ganz Europa, der mit grossen Chor- und Orchesterwerken immer wieder auch in Schweizer Städten auftritt. «Es ist eine schöne Idee, wir freuen uns sehr», sagt Alexa Andris. «Und wir sind beide sehr gespannt. Denn wir kennen diese Musik auch nicht.»

Das Swiss Orchestra versteht sich als Orchester für die ganze Schweiz. Deshalb, sagt Lena-Lisa Wüstendörfer, «gehören ihm Musiker aus allen Landesteilen an. Wir wollen Brücken schlagen.» Ob das gelingt, entscheidet ein Publikum, das mit Konzerten nicht unterversorgt ist. Vielleicht aber ist es ebenso gespannt auf das Neue wie die Flötistin Andrea Lötscher.

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