Kunst

Drei starke Frauen in Muttenz

Rossella Biscotti gehört zu den Ausstellerinnen.

Rossella Biscotti gehört zu den Ausstellerinnen.

Das Kunsthaus Baselland zeigt Rochelle Feinstein, Rossella Biscotti und Naama Tsabar. Eine kühne Entscheidung, die aufgeht.

Man muss sich auf eine geballte Ladung gefasst machen. Drei Künstlerinnen will das Kunsthaus Baselland zeigen – jede ganz anders, aber alle auf einmal, in drei Einzelausstellungen. Keine einfache Sache, wenn man sich die Namen anschaut: Da ist die Amerikanerin Rochelle Feinstein, bekannt für ihre grossformatigen Leinwände mit grafisch aufbereiteten Phrasen wie «Love your work» oder «This is an evil conspiracy». Dann die israelische Künstlerin Naama Tsabar, die in den USA für ihre grandiosen Soundinstallationen gefeiert wird, in der Schweiz aber noch unter dem Radar ist. Und zuletzt die Italienerin Rossella Biscotti, deren Kunstwerke oft das Resultat jahrelanger Recherchen sind, zu natur- und sozialwissenschaftlichen Themen. Auch sie: grosse Arbeiten, klingende Namen.

Ohne Kommentar

Drei starke Positionen also, die Direktorin Ines Goldbach da ausgewählt hat, und ohne grossen Kommentar nebeneinanderstellt. Das ist auch nicht nötig: Sobald man im Ausstellungsraum ist, ergeben sich die Zusammenhänge glücklicherweise von selbst. Alle drei Künstlerinnen bewegen sich auf politischem Terrain und machen Aussagen zu Gemeinschaft, Sprache und Zugehörigkeit. Alle drei verfolgen dieselbe Frage: Wie hole ich mich rein? Rein ins Geschehen, rein in die Gesellschaft, rein in ein neues Verständnis einer Welt, die immer isolierter und unfreier wird?

Wie fühlt sich Sprache an?

Rochelle Feinstein breitet sich als Erstes und am meisten aus. Sie hat Eingang und oberen Stock für sich und zeigt darin ihr Schaffen seit 2016. Besonders beeindruckt eine grosse Leinwand gleich zu Beginn der Ausstellung, auf der Feinstein mit Farbsprenkeln eine verschwommene Landschaft andeutet. Als würde man auf eine stark verpixelte Naturaufnahme gucken. Die Assoziationen zur Überwachung sind sofort da, besonders in Zeiten des hängigen Referendums gegen die Überwachung von Versicherten.

Das älteste Zentrum der Welt

Davon weiss Feinstein natürlich nichts, aber sie trifft einen Nerv, auch weil es nur die Illusion einer Aufnahme ist und nur die Illusion eines tatsächlichen Ortes. Daran ändern auch die Koordinaten nichts, die sie darunter gedruckt hat. Sie bleiben eine Androhung, vermeintliche Pfeiler einer unsicheren Landkarte. Feinstein nennt sie «Mapped condition». Kartographisch erfasster Zustand.

Auch ihren Phrasen begegnet man wieder, allerdings breit angelegt auf einem hellen, semitransparenten Vorhang. Sie habe darin Sprache «aktivieren» wollen, sagt Feinstein, und meint damit eine Verbildlichung, aber auch die Manifestation eines Gefühls: Wie fühlt sich Sprache an? Auf der gegenüberliegenden Seite hat sie mit schwarzer Farbe auf die Wand geschrieben, ganz nah am Boden, und so, dass man es erst beim Rauslaufen bemerkt: «Ear to the ground». Ohr zum Boden. Der Satz hallt nach, besonders als man Rossella Biscottis «The City» betritt, eine Fünf-Kanal-Videoinstallation über eine Ausgrabungsstätte im türkischen Konya. Biscotti begleitet ein Ausgrabungsteam dabei, wie es die Geschichte des Ortes ausgräbt, Schicht für Schicht, Zeitalter für Zeitalter. 18 verschiedene Ebenen kommen hier zutage, darunter das früheste bis dato bekannte Stadtzentrum der Welt.

Biscotti verwebt diese ausgegrabenen Strukturen mit den Strukturen und Abläufen im Team und setzt sie als Geschichte auf fünf Bildschirmen zusammen. Das ist eine Büez – auch für den Zuschauer, der den Raum mit genügend Geduld betreten sollte.

Klingender Filz

Bedeutend kurzweiliger gestaltet sich der Gang in den unteren Stock. Hier hat Naama Tsabar Skulpturen gehängt, die das Herz eines jeden Musikliebhabers höherschlagen lassen: Einzelteile aus Verstärkern, so arrangiert, dass sie noch als Verstärker funktionieren, aber wie grossformatige Gemälde daherkommen. Statt Farbe trägt die Leinwand Kabel, Knöpfe und Stecker. Das ist raffiniertes Design, als Künstlerin geht Tsabar aber glücklicherweise noch weiter: Im folgenden Raum hat sie grosse Filzstücke aufgehängt, die mit Kohlefasern durchsetzt und von Klaviersaiten zusammengehalten sind – je straffer, desto höher der Pitch. Die Filzmatten kann man wie Instrumente spielen – was die Besucher auch tun sollen. «I want to turn the spectator into an activator», sagt Tsabar und erklärt, wie Filz üblicherweise bei Klavieren eingesetzt wird, um die Lautstärke zu dimmen. Sie aber dreht den Spiess um: Der Stoff bekommt eine Stimme, er zeigt sich komplexer als seine Oberfläche es vermuten lassen würde. Das hat mit Mündigkeit zu tun, mit einer Aktivierung des Zuschauers. Und mit Mut.

Wie hole ich mich rein? Diese drei Künstlerinnen sagen: Indem du dich traust.

Rossella Biscotti, Rochelle Feinstein, Naama Tsabar, 20. April bis 16. Juli, Kunsthaus Baselland, Vernissage: 19. April, 18.30 Uhr.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1