Probefahrt
Easy Rider in Hollywood – für drei Tage

Molholland Highway, Pacific Coast Highway, Hügel, Kurven und viel Fahrtwind: Harley-Davidson lädt nach Hollywood ein – Eindrücke von einer Pressereise der Superlative.

Walter Brunner, Hollywood
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 Eine Harley-Davidson Forty-Eight in Hollywood. Fotos: Walter Brunner/Lionel Peylot
16 Bilder
 Zwei nagelneue Harleys am Pazifikstrans, inklusive Abendsonne
 Es braucht Arbeit, die Maschinen ins rechte Licht zu rücken
 Stars auf dem Trottoir vor dem Hotel
 Ein Traueraltar für Elizabeth Taylor mitten auf dem Trottoir – für kurze Zeit. bru
 ...und ein Star auf Rädern, die Harley aus dem Film The Green Hornet.
 Eine Rocker in Santa Monica, dem Ziel der berühmten Route 66
 Bartels' hat eine Unmenge Zubehör, und sogar Motorräder
 Harleys lassen sich fast beliebig dem Geschmack anpassen
 Frank Savage, Designer der Harley-Motorräder, gestaltet auch sich selber
 Amerikanische Plakate stehen auf gigantischen Gestellen
Easy Rider: Drei Tage mit der Harley in Holllywood
 Harleys und Kurven auf dem Mulholland Highway – schon ein wenig im Himmel.
 Im Stundentakt lässt sich ein anderes Modell testen.
 Fotograf Lionel Peylot bei der Arbeit.
 Die Pelikane segeln in einer Kette der Pazifikküste entlang.

Eine Harley-Davidson Forty-Eight in Hollywood. Fotos: Walter Brunner/Lionel Peylot

Für Kolumbus war es ein Lebenswerk. Heute braucht es für die Reise nach Los Angeles nur zwölf Stunden – im Flugzeug. Und schon ist man im Hochsommer gelandet, mit 30 Grad Celsius, pardon, 85 Grad Fahrenheit. Den ganzen Tag «California Sun», überall Palmen – Los Angeles liegt auf der Höhe von Casablanca.

Harley-Davidson hat es gerne gross und pompös – nicht nur bei ihren Maschinen: Der Motorradhersteller lädt 30 Journalisten für drei Tage nach Hollywood ein – für ein paar traumhafte Meilen auf einer Harley. Schön und anstrengend. Das beginnt schon bei der Ankunft: Auf den Flug folgt noch fast eine Stunde im Stadtverkehr, heiss und zähflüssig wie Lava, nicht so hektisch wie bei uns. «Das ist der grösste Parkplatz von Los Angeles», sagt der Taxifahrer auf der Autobahn.

Zwei Stunden Stop and Go

Den Stau von Los Angeles erleben wir zwei Tage später auf einer Harley-Davidson während einer Probefahrt. Was in der Schweiz zählt, gilt auch in den USA: Motorrad fahren ohne Fahrtwind ist kein Vergnügen. Nach zwei Stunden im Stop-and-go-Verkehr schmerzen Hinterteil und die linke Hand, die Abgase sind beissend, und einem Kollegen hat der heisse Motor die Unterschenkel angeröstet. Vielleicht hocken deshalb manche Harley-Fahrer wie Frösche auf ihren Maschinen – mit gespreizten oder gestreckten Beinen.

Aber dann gehts über den Mulholland Highway, nicht zu verwechseln mit dem Mulholland Drive, über Hügel und Kurven hinunter zum Pazifik. So muss es im Easy-Rider- Paradies aussehen. Die Kurven haben es in sich, die Harleys können beweisen, was sie draufhaben. Der vorderste Mann fährt gemütlich und ganz auf Sicherheit bedacht. Alle passen sich an. Fahren und geniessen – dafür sind die heissen, verchromten Maschinen ja auch gebaut.

Als BMW-Fahrer ist man erst mal erstaunt, wie laut die Harley startet. Es tönt wie der Schuss einer Schrotflinte. Und in den Kurven berühren die Maschinen schnell den Boden, besonders natürlich die Modelle mit Trittbrettern. Anderseits ist das Trittbrettfahren wirklich cool – auf geraden Strecken. Mit der leichtfüssigen BMW gerät man schnell in Panik, wenn sie aufsetzt. Nicht so auf der Harley: Die Maschine kratzt die Kurve unbeirrt, wird von ihrem Gewicht sicher zu Boden gedrückt.

Es geht zügig voran

Es geht zügig voran – manchmal auch wieder zurück. Die Fotografen wollen Fotos schiessen, die Maschinen ins beste Licht rücken. Kurve rauf, Kurve runter. Nach der Fahrt durch die Hügel führt uns der Harley-Tross hinunter auf den Pacific Coast Highway – die Pazifikküste entlang. Fahrerisch ist diese Küstenstrasse eher langweilig. Aber die Sicht auf den endlosen Strand und das Meer im Abendlicht ist wunderschön.

In Hollywood sind die Stars allgegenwärtig. Schon bei der Ankunft fährt das Taxi einen Umweg, weil die Strasse zum Hotel wegen Filmaufnahmen gesperrt ist. Viele Busse mit offenem Verdeck sind unterwegs: Wie auf Safari können die Touristen hier einen Blick auf die Villen der Schönen und Reichen werfen. Wir essen in einem Restaurant, das der verzweifelten Hausfrau Eva Longoria gehört. «Gestern Abend war sie hier», sagt der Kellner. In Evas Beiz ist es fast so düster wie in der «Blinden Kuh». In einem anderen Restaurant sagen die Kollegen plötzlich: «Hast du gesehen? Jetzt ist gerade Jamie Foxx hereingekommen.» Der Schauspieler hat für seine Rolle als Ray Charles einen Oscar erhalten. Auf der anderen Strassenseite blitzt es mehrmals: Snoop Dogg ist einigen Paparazzi vor die Linsen gelaufen. Und auf dem Walk of Fame stolpern wir fast über die Blumen, die für Liz Taylor niedergelegt wurden. Viele der überlangen Lieferwagen hier tragen das Emblem eines Filmstudios und transportieren Kabel, Scheinwerfer, Tonmaterial und dergleichen.

In Amerika scheint jeder eine Botschaft loswerden zu wollen. Die Leute von Harley-Davidson prägen uns ein, dass Harleys nicht nur Motorräder sind, sondern ein ganzer Lebensstil. Das Zubehörsortiment sei das Grösste aller Motorradmarken. Weitere Botschaften prangen auf Plakaten, so gross wie Lokomotiven. Eine Leuchtanzeige meldet mit einem Zähler die Zahl der Nikotintoten in den USA. Am Strassenrand haben ein paar Personen einen Karton aufgestellt, auf dem sie laufend die Zahl der amerikanischen Kriegstoten nachführen. Und beim gigantischen Sony-Gelände ist ein Mann in eigener Sache unterwegs. «Lächle», hat er auf einen Karton geschrieben. «Es könnte schlimmer sein. Du könntest mich sein.» Und ganz nebenbei, zufällig, fahren wir noch ein paar Meter auf der Zielgeraden der Route 66.

Multikulti in Los Angeles

Es gibt Judenviertel, Tunesierviertel, Little Tokyo, das berühmte Chinatown. Auf einer Strassenseite verkündet eine Kirche in englischer und chinesischer Schrift «Jesus saves» (Jesus rettet), auf der gegenüberliegenden Strassenseite steht eine Moschee mit einem kleinen Minarett. Im Einkaufszentrum ist der Prospekt dreisprachig; Englisch, Spanisch und Chinesisch. Beim Kauf eines Biers am Flughafen steht «Vaya con dios» (geh mit Gott) auf dem Kassenzettel. Los Angeles ist ein Schmelztiegel der Rassen und Nationen.

Das volle Programm und die Zeitverschiebung machen die drei Tage in Hollywood zu einer anstrengenden Sache. Es kommt einem vor wie ein lauter, nicht endender Videoclip auf Grossleinwand. Ein Bombardement mit Eindrücken und Gefühlen. Die Grosszügigkeit der Amerikaner. Die überwältigenden Dimensionen. Die herausgeputzten jungen Leute, als müssten sie in ein paar Sekunden
in eine Kamera lächeln. Die vielen Menschen mit simplen Jobs, die einen Parkplatz bewachen, Kassenzettel kontrollieren, vor einem Restaurant Gäste empfangen oder Raucher auf Distanz halten – wer pafft, muss sich mindestens zehn Fuss von der Beiz entfernen.

«Ihr müsst also Harleys fahren und werdet dafür bezahlt», sagt ein Amerikaner, der wissen will, was wir hier treiben. Er reicht uns ein paar zerknitterte Dollarnoten und meint ironisch: «Hier, ihr habt es wohl nötig.» Wir lehnen dankend ab. Uns fehlt nicht das Geld, sondern die Zeit. Drei Tage reichen nicht aus für Amerika. Auch nicht auf einer neuen Harley-Davidson.