Kunsthaus

Ein Künstler der Extreme: Julian Charrière arbeitet bei minus 30 Grad in der Arktis und auf radioaktiv verstrahlten Inseln

Julian Charrière mit einem aufgebohrten Findling aus dem Maggiatal im Aargauer Kunsthaus. Das Foto dahinter zeigt, wie er einen Eisberg mit einem Bunsenbrenner traktiert.

Julian Charrière mit einem aufgebohrten Findling aus dem Maggiatal im Aargauer Kunsthaus. Das Foto dahinter zeigt, wie er einen Eisberg mit einem Bunsenbrenner traktiert.

Der 32-jährige Westschweizer Künstler Julian Charrière hat weltweit Erfolg. Süffig sind seine Werk, ernst die Themen: Klimawandel, Umweltschäden und Ausbeutung der Erde. Bald sind sie im Aargauer Kunsthaus zu sehen.

Auf Rollis werden schwere Steine herangekarrt, auf fahrbaren Gerüsten wird gebohrt, in jedem Raum hängt ein Bauplan, Metall- und Holzplatten verstärken den Boden. Mittendrin treffen wir Julian Charrière. Die ganze Woche ist er mit den Equipen am Aufbauen. «Eigentlich möchte ich in der Aare schwimmen gehen», sagt er. Und schon sprechen wir nicht über Kunst, sondern über Badeerlebnisse. Von der Be­gegnung mit einer Wasserschildkröte oder vom Schwimmen in einem See mit biolumineszentem Plankton und Krokodilen in Mexiko erzählt er.

Das passt zu Julian Charrière, dem Künstler der Extreme, der in die Arktis und zu radioaktiv verseuchten tropischen Inseln reist, der in Lugano Brunnen anzündet oder in Asien nach seltenen Erden gräbt. Es sind gewaltige und beängstigende Themen, die er beackert: Klimawandel, Atombombentests oder die Ausbeutung der Erde. Doch welche Schönheit entlockt er dem schmelzenden Polareis, den verstrahlten Atollen und den Vulkanen.

Verstrahlte Schönheit: Die Fotoarbeit «An Invitation to Disappear – Kotawaringin», 2018. (Archival pigment print on Hahnemühle Photo Rag, mounted on aluminium dibond, framed (walnut), Mirogard anti-reflective glass, 153.8 × 191.3 cm cm)

Verstrahlte Schönheit: Die Fotoarbeit «An Invitation to Disappear – Kotawaringin», 2018. (Archival pigment print on Hahnemühle Photo Rag, mounted on aluminium dibond, framed (walnut), Mirogard anti-reflective glass, 153.8 × 191.3 cm cm)

Fotos und Filme machten den 32-jährigen Westschweizer zum globalen Kunststar. Von seinem Kunst-KMU in der Berliner Malzfabrik aus organisiert er weltweit Ausstellungen. Jetzt gerade im Aargauer Kunsthaus, wo in wenigen ­Tagen die Ausstellung «Towards No Earthly Pole» eröffnet wird.

Der Künstler Julian Charrière baut seine Ausstellung im Aargauer Kunsthaus auf. Aufgenommen am 25. August 2020 in Aarau.

Der Künstler Julian Charrière baut seine Ausstellung im Aargauer Kunsthaus auf. Aufgenommen am 25. August 2020 in Aarau.

In Richtung der Pole ist er also gereist. Mit seinem Team war er wochenlang bei minus 30 Grad am Filmen. Was lockt ihn? «Die Pole sind magisch. Sie waren die letzten Orte, auf die der Mensch seinen Fuss setzte. Sie sind nicht mehr unerreichbar, aber Sehnsuchtsorte geblieben.» Eine touristische Sehnsucht, weil heute jeder und jede eine Arktisreise buchen kann? «Ja, aber gleichzeitig sind sie Sinnbilder für die Fragilität unseres Ökosystems und den Klimawandel», sagt Charrière, «Viele möchten Grönland sehen, bevor es wegschmilzt». Die Veränderung sei so schnell, dass sie menschlich erfassbar sei. «Ich kenne den Rhonegletscher seit meiner Kindheit und sehe, wie er immer kürzer wird.»

Videostill aus Film Towards No Earthly Pole - Vostok, 2019.

Videostill aus Film Towards No Earthly Pole - Vostok, 2019.

Dunkle Magie, betonte Langsamkeit

Kernstück der Ausstellung ist der Film «Towards No Earthly Pole», 144 Minuten lang, mit zwei Drohnen in Island, in der Arktis, der Antarktis und den Alpen gedreht. Man fliegt im Dunkeln über die Eiswüsten, Schollen und Zacken, Wasserfälle und das Meer tauchen im Scheinwerferlicht auf und zerfliessen. Magie pur. «Ich wollte den gängigen Bildern des ewigen Eises eine andere Wahrnehmung entgegensetzen», sagt Charrière. «Der Film ist langsam, vielleicht sogar mühsam langsam, sodass man sich darin verlieren kann.» Ihn fasziniert zudem, «dass an den Polen unser übliches Zeitmuster von Tag und Nacht aufgehoben ist. Es ist entweder tagelang ganz hell oder nur dunkel.»

Dieses Video zeigt wie Julian Charrière und sein Team arbeiten:

Nicht nur den üblichen Bildern der Eisschmelze setzt er andere Bilder entgegen, sondern sieht sich auch als Gegenpart zur Wissenschaft: «Sie fragt und sucht Antworten – ich erzähle als Künstler.» Das heisst, er schafft bildhafte Gleichnisse. Er lässt Zimmerpflanzen schockgefrieren, um ihnen ewiges Leben zu garantieren – wobei die Ewigkeit abrupt endet, wenn man den Stecker der Kühlvitrine zieht. Wenn er einen Schlitten, wie ihn die Inuit im hohen Norden bauen, mit in Blei gegossenen Kokosnüssen belädt, ihn in Schieflage wie im Boden versinken lässt, wirkt das als Sinnbild für die Klimaerwärmung, die die Erde aus dem Gleichgewicht bringt. «Die Inseln in der Südsee versinken im Meer, Grönland dagegen erhebt sich langsam, weil die Eiskappe leichter wird», erklärt er.

Solche Veränderungen und Widersprüche faszinieren ihn. Ebenso der geologische Kreislauf der Natur: Die schwarzen Brocken mit den spiegelnden Schleifstellen sind eigentlich keine Steine, sondern erstarrte Flüssigkeit aus dem Erdinnern. «Hart und scharf wie Glas. Aus diesem Obsidian haben die ersten Menschen Klingen und andere Werkzeuge geschaffen.» Später hat der Mensch Bronze, Eisen und Gold geschürft, heute seltene Erden für die elektronischen Gadgets. Diesen Kreislauf hat Charrière weitergedacht. Er liess Handys und Laptops in Hochöfen schmelzen und wieder erstarren. Wie erzhaltige Gesteine sehen sie aus, liegen wie Preziosen in Vitrinen. «Hier erkennt man noch den Rest eines Steckers.» Und ja, man könnte aus den «Steinen» wieder die einzelnen Komponenten gewinnen.

Künstliche Steine:  Die «Metamorphism» entstanden aus geschmolzenen und wiedererstarrten Handys und Laptops.

Künstliche Steine: Die «Metamorphism» entstanden aus geschmolzenen und wiedererstarrten Handys und Laptops.

«Eigentlich ist die Erde nie in Ruhe», sagt Charrière. «Diese Findlinge stammen alle aus dem Maggiatal, aber die Gneis- und Marmorbrocken sind von Gletschern von verschiedenen Orten dorthin gebracht worden.» Er hat sie durchbohren lassen, die Bohrkerne liegen wie Rundhölzer davor. «So stellt man sich doch den Transport schwerer Steine in der Antike oder im Altertum vor», erklärt er.

Verantwortung und ökologischer Widerspruch

All die Werke und die Ausstellungen könnte der Künstler nie allein bewältigen. Ein ganzes Team hat er angestellt. So wie er es als Meisterstudent von 2007 bis 2013 bei Olafur Eliasson in Berlin erlebt hat. «Ich brauche Spezialisten. Für Technik und Bau, für die Steuererklärung und für die Adminis­tration. Natürlich habe ich dabei die Verantwortung, dass wir genug Arbeit haben und Geld reinkommt.»

Apropos Verantwortung: Wenn er um die Welt reist oder für spektakuläre Bilder mit einem Bunsenbrenner versucht, einen Eisberg zu schmelzen, benimmt er sich ökologisch nicht gerade verantwortungsvoll. «Diesen Widerspruch muss ich aushalten.» Und zur Aktion auf dem Eisberg meint er: «Ich habe ihn natürlich nicht schmelzen können. Es war minus 15 Grad und windig. Das Wasser ist sofort wieder gefroren.» Der Eisberg sei totes, abgebrochenes Eis, es schmelze sowieso. «Vielleicht habe ich das etwas beschleunigt, aber als einzelner Mensch ist man gegenüber der Natur sehr schwach.»

Der Künstler auf dem Eisberg: Mit einem Bunsenbrenner versucht Julian Charrière den Eisberg zu schmelzen. The Blue Fossil Entropic Stories I, 2013.

Der Künstler auf dem Eisberg: Mit einem Bunsenbrenner versucht Julian Charrière den Eisberg zu schmelzen. The Blue Fossil Entropic Stories I, 2013.

Nach dem ewigen Eis interessiert ihn neuerdings das Wasser. Er erzählt, Wissenschafter versuchten, mit Schall Korallenriffe zu retten. «Wir wissen so vieles nicht. Von dem, was unter Wasser passiert, haben wir Vorstellungen, aber auch da gäbe es wohl andere Bilder zu finden.» Vielleicht sollte sich Julian Charrière doch Zeit nehmen, um in der Aare zu schwimmen.

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