Prix Goncourt
Mein Double und Ich: Der Bestsellerautor Hervé Le Tellier ist ein Fantast unmöglicher Spekulationen

Hervé Le Tellier erhielt für seinen spektakulären Roman «Die Anomalie» den Prix Goncourt. Das ist aussergewöhnlich, denn der Autor ist Mitglied einer Gruppe besonders eigenwilliger Literaten

Valeria Heintges
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Hervé Le Tellier am 15. April in Barcelona anlässlich der Vernissage seines neusten Romans «Die Anomalie».

Hervé Le Tellier am 15. April in Barcelona anlässlich der Vernissage seines neusten Romans «Die Anomalie».

Quique Garcia / EPA EFE

Blake führt zwei Leben. Er leitet einen Lieferdienst für vegetarische Mahlzeiten mit Sitz in Paris und Filialen in Bordeaux, Lyon, New York und Berlin. Und er ist ein gewiefter, messerscharf denkender Auftragskiller, der es versteht, seine Spuren zu verwischen, viele Identitäten und noch mehr Pässe zu haben und niemandem aufzufallen.

Von ihm erzählt Hervé Le Tellier mit knappen, kurzen Sätzen, voller Action und Tat und Nonchalance, auch in der flüssigen deutschen Übersetzung von Romy und Jürgen Ritte. Ein Auftrag führt Blake nach New York. Auch den erledigt er, natürlich ohne Spuren zu hinterlassen. Allerdings: Der Air-France-Flug Paris–New York hinterlässt Spuren. Blake sieht sein letztes Stündlein gekommen, aber er überlebt. Was er noch nicht weiss: Er überlebt verdoppelt.

Literaten sind Ratten, und erstmals gewinnt eine von ihnen

Hervé Le Telliers Roman «Die Anomalie» hat in Frankreich Rekorde gebrochen. Seit das Werk Ende November den Prix Goncourt 2020 zugesprochen bekam, schossen die Verkaufszahlen in die Höhe. Der bedeutendste Literaturpreis Frankreichs ist nur mit zehn Euro dotiert, zahlt sich aber finanziell aus, weil er eine Auflage von 300 000 Exemplaren garantiert. «L’Anomalie» wurde über eine Millionen Mal verkauft.

Das Werk ist auch ein Phänomen, weil sein Autor seit 2009 Präsident des renommierten Clubs Oulipo ist und noch nie eines ihrer Clubmitglieder den Goncourt gewann. Oulipo ist eine Abkürzung von «Ouvroir de littérature potentielle», Werkstatt für potenzielle Literatur. Die Autoren um Raymond Queneau, Italo Calvino und Georges Perec beschreiben sich als «Ratten, die sich selbst das Labyrinth bauen, aus dem sie dann einen Ausweg suchen», weil jedes Werk einer selbstgesetzten Regel folgen muss. Berühmt geworden ist Queneaus Werk «La Disparition», in dem der kein «e» verwendet. Der deutsche Übersetzer Eugen Helmlé hielt sich an die Vorgabe für seine Fassung von «Anton Voyls Fortgang».

Hervé Le Tellier studierte Mathematik, promovierte in Linguistik, arbeitete erst als Wissenschaftsjournalist, später als Autor von mittlerweile rund 25 Werken, von denen fünf auf Deutsch erschienen sind. Er bekannte, «L’Anomalie» wäre anders geworden, wäre er nicht Mitglied bei Oulipo gewesen. Er liess aber nicht blicken, welchen Regeln er folgt. Es scheint, als habe er sich jeder Schubladisierung entwinden und für beinahe jedes Kapitel ein neues Genre gesucht. «Die Anomalie», ist Thriller, Science-Fiction, Wissenschaftsroman, ist Liebesroman, philosophische Abhandlung und Krimi. Es gibt Gesprächsprotokolle, einen Zeitungsartikel, Briefe, E-Mails, Liedstrophen, Gedichte und am Ende sogar ein visuelles Poem. Sie ist voller literarischer Zitate und Anspielungen auf andere Oulipo-Werke.

Zu viele Doppelgänger, zu viel Geist

All das nutzt der Autor, um dem Leben von neun Insassen des Flugs Air France 006, Paris–New York zu folgen. Und zusätzlich dem von zwei Wissenschaftern, von denen einer den staatlichen Notfallplan 42 entworfen hat für komplett unwahrscheinliche Fälle, als würde etwa eine Münze – in die Luft geworfen – dort hängenbleiben.

Der aktuelle Fall ist ähnlich unmöglich: Denn das Flugzeug landet zweimal, am 10. März sowohl als auch am 24. Juni 2021, mit den komplett identischen Passagieren und mit der komplett identischen Besatzung: mit komplett identischen Insassen.

Le Tellier folgt seinen neun Passagieren ins Flugzeug hinein und allen 18 wieder heraus. Sie werden – soweit möglich – sogar mit ihrem Doppelgänger konfrontiert, wenn ein Ego March und ein Ego June aufeinandertreffen. Mit der Effizienz des Mathematikers nutzt der Autor alle Möglichkeiten, die es geben kann: Einer beging in der Zwischenzeit Selbstmord, einer liegt schon im Sterben, eine wurde schwanger, eine hat geheiratet. Eine Gruppe Philosophen versucht, das Phänomen zu erklären. Geheimdienstler diverser Nationen überlegen, wie sie mit den Doppelgängern umgehen sollen. Ein Autor schreibt sogar ein Werk mit dem Titel «Die Anomalie». Im Dialog mit einer Verlegerin sodann kann Le Tellier mögliche Vorwürfe an das eigene Oeuvre vorwegnehmen. Etwa den durchaus berechtigten Einwand, elf Hauptfiguren in einem Buch seien schlicht zu viele.

Das alles kann man, wie viele französische Kritiker, als vielschichtig loben, als hervorragend kombiniert und meisterhaft zusammengestellt. Man kann aber auch konstatieren, dass diese Konstruktion an allen Ecken und Enden durchschimmert und die Figuren zu papiernen Gedankenspielen werden lässt. Das hemmt den Lesefluss enorm und lässt kaum Spannung aufkommen. Etwas weniger Geistesblitz und weniger Kombination, dafür mehr emotionale Nähe und mehr Fantasie – und die Lektüre wäre ein Genuss geworden.

Hervé le Tellier: Die Anomalie, Rowohlt Hundert Augen, 345 S. Erscheint demnächst.

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