Kunst

Ein rätselhafter Vogel

Auch in «Éclosion» (Erwachen) kombiniert Léopold Rabus Alltägliches mit rätselhaften Beigaben wie dem munteren Papageienidyll. Damit schafft er mehrdeutige und unheimliche Stimmungen. aeroplastics Brüssel

Auch in «Éclosion» (Erwachen) kombiniert Léopold Rabus Alltägliches mit rätselhaften Beigaben wie dem munteren Papageienidyll. Damit schafft er mehrdeutige und unheimliche Stimmungen. aeroplastics Brüssel

Fast, aber nur fast heile Welten malt Léopold Rabus. Passt das zu den Impressionisten in der Villa Langmatt Baden?

Darf man das? Den zeitgenössischen Malergast in der grossen Galerie ausstellen und die Impressionisten, die Hausheiligen, in die kleinen Räume im Obergeschoss auslagern. Eingefleischte Langmatt-Fans mögen darüber seufzen. Aber auch sie – gerade sie – werden wohl nach einem Besuch durch die ganze Badener Industriellenvilla das eigenwillige Tun von Direktor Markus Stegmann goutieren. Denn die intimen Räume im Obergeschoss, neuerdings sicherheitstechnisch aufgerüstet, lassen die eher kleinformatigen Impressionisten gefühlsmässig wachsen, selbst auf den Rosentapeten machen sich die dick goldgerahmten Werke bestens. Zudem sind sie hier nach Malern geordnet, das rundet das Bild, schafft Übersicht. Besonders schön: der Cézanne-Raum.

Hinterhöfe statt Boulevards

Aber was ist mit der Galerie passiert?! Irritiert bleibt man beim Eingang stehen. Hat man den Raum kürzer, enger gemacht? Markus Stegmann lacht über die verblüffte Besucherin. «Wir haben die Galerie schrumpfen lassen.» Wir, das meint nicht den Maler Léopold Rabus und den Direktor – die eigentlichen Transformations-Täter sind die grossformatigen Gemälde von Rabus. Obwohl sie Räume zeigen, einmal gar eine weite Landschaft, und damit den Blick perspektivisch in die Tiefe führen, füllen die wenigen Werke mit ihrer Präsenz den Raum. Lassen ihn optisch eben schrumpfen.

Kommt dazu, dass Rabus das grossbürgerliche Gehabe der Galerie und der normalerweise hier domizilierten Salon-Malerei diametral unterläuft. Da ist kein Pariser Boulevard, kein berauschendes Meerstück und kein saftiges Früchte-Stillleben. In einem dunklen Hinterhof schart sich eine verängstigte Hühnerschar um einen Fressnapf, vor einer Bretterbude kniet ein Mann vor einem Tümpel und wäscht (heimlich?) ein weisses Stück Stoff, derweil eine Schnecke über einen weissen Porzellanteller kriecht.

Rabus nimmt uns mit in billige Häuschen, oft seien es Schrebergärten in Neuchâtel, weiss Stegmann. Der Maler gehe dort, in seiner Heimatstadt, oft spazieren, kenne die Leute, fotografiere und komponiere dann aus mehreren Aufnahmen seine Bilder der schäbigen Stuben und Hinterhöfe. Statt nobler Fassaden sehen wir ein Garagentor mit Schneeresten davor: Das Sujet mag banal sein, die Ausführung aber ist gekonnt. Malerische Raffinesse ist kein Prädikat nur einer Epoche.

Rabus sei für ihn einer der besten zeitgenössischen Maler in der Schweiz, sagt Stegmann. In Frankreich und Belgien hat er Karriere gemacht, für die Deutschschweiz ist er eine Entdeckung. Allerdings eine schwer fassbare, vom Typ rätselhafter Vogel.

Das Teuflische steckt im Detail

Was heisst schon einfaches Sujet? Wer näher tritt, findet in jedem Bild kleine Störfaktoren, surreale Zusatzgeschichten. Die saftige Juralandschaft wird durch eine rätselhafte Wäscheleine, auf der menschliche Ohren liegen, zur beängstigenden Gegend. Das Idyll der heimeligen Stube kippt durch heimtückische Details ins Abgründige – denn rational können wir den aufrecht stehenden Fisch, die verwischte Gestalt nicht erklären. Dem erwachenden Frauenakt setzt der Maler ein munteres Papageien-Idyll entgegen und lässt uns über die seltsamen Flugobjekte in einem Bildband rätseln.

Vögel scheinen generell eine Passion des 41-jährigen Westschweizers zu sein. Er hat sie einzeln als Miniaturen gemalt, die Stegmann – inspiriert vom Tun des Malers? – zum Porzellan und den Nippes in die Vitrinen der Sammler-Villa gestellt hat. Alt trifft neu, mal freundschaftlich, mal irritierend – aber im anregenden Dialog.

Léopold Rabus: Villa Langmatt Baden, bis 3. September. 

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