Brutalität

Eine Sky-Serie verherrlicht die Generation mit dem Gewalt-Virus

Gewalt ist in «Gangs of London» ein Stilmittel und omnipräsent.

Gewalt ist in «Gangs of London» ein Stilmittel und omnipräsent.

«Gangs of London» ist äusserst brutal – aber spannend. Die neue Sky-Original-Hitserie ist eine Familiengeschichte der anderen Art. Darum geht's.

«Your generation is a virus.» «Deine Generation ist ein Virus», sagt Nasir Afridi zu seinem Vater. «Ein Virus aus Lügen, Gier und Gemetzel.» Nasir kandidiert fürs Londoner Bürgermeisteramt. Der Wahlkampf wird vom Vater finanziert, mit Drogengeld. Geld regiert die Welt, am Finanzschauplatz – Geldwäsche-Schauplatz? – London ganz besonders.

Man könnte das Thema von «Gangs of London», der neuen britischen Sky-Original-Serie, nicht besser zusammenfassen. Gier ist es, was die Figuren antreibt – aber nicht alle –, mit Ehrlichkeit machen die wenigsten viel Kohle, und Gemetzel gibt es en masse.

Zwei Männer, zwei Söhne, eine Familie

Die Ausgangssituation ist einfach: Die Ermordung von Finn Wallace (Colm Meaney) lässt das mächtigste Londoner Verbrechersyndikat ohne Anführer zurück. Albaner, Nigerianer, Kurden, Pakistani, alle haben sie vor ihm gekuscht. Jetzt liegt er noch nicht einmal unter der Erde, melden sie ihre Machtansprüche an. Wallaces Sohn Sean (Joe Cole, John Shelby in «Peaky Blinders») soll in die übergrossen Fussstapfen treten. An seiner Seite: die Familie Dumani.

Ed Dumani und Finn Wallace waren Freunde seit Jugendtagen. Ein afrikanischer und ein irischer Einwanderer, die sich gemeinsam hochgearbeitet haben. Finn ging voran, Ed folgte ihm. Ihre Familien sind eine Familie und die Söhne Sean und Alexander mit je unterschiedlichen Aufgaben im «Unternehmen» betraut. Der ältere Wallace-Sohn ist ein Junkie, die Tochter hat sich von der Familie losgesagt – zumindest von der Mutter (Michelle Fairley). Auch Ed hat eine Tochter und einen Enkel.

Bis der Mörder gefunden ist, will Sean die Geschäfte einstellen – und tritt damit das Chaos los. Was nun zu tun ist? «Whatever it takes.» Was auch immer notwendig ist, ist das Motto der Wallace-Dumani-Familie. Während Sean in der dreckigen Londoner Unterwelt aufräumt, kümmert sich Alexander, stets der cleverste im Raum, in der City um die Investoren. Bald sind die konkurrierenden Clans ihr kleinstes Problem.

So hat man London tatsächlich noch nie gesehen

«Gangs of London» operiert geschickt mit gezielten Rück- und Vorausblenden, die uns eine Zeitlang im Dunkeln tappen lassen, ist aber stark im Heute verankert. Es gibt genug emotionale Konflikte, wobei manche Entwicklungen vorhersehbar sind. Aber sie unterwandern die Erwartungen des Zuschauers, vor allem die Figuren und ihr Handeln. Dieser wiederkehrende Überraschungseffekt, exquisite Schauplätze, Aufnahmen aus der Luft und ein Arsenal an Charakteren, die alle mehr oder weniger ein Profil bekommen, das macht «Gangs of London» so spannend.

Der offizielle Trailer der 1. Staffel:

Gewalt ist hier Stilmittel

So weit, so gut, da werden viele noch mitziehen. Die Serie lebt aber auch von epischen Schiessereien. Leute werden durchlöchert oder regelrecht abgeschlachtet. Es wird gefoltert, Hände werden abgehackt, Köpfe weggeschossen. Zum Vergleich: Es gibt genau eine Sexszene. Wer nichts mit expliziter Gewaltdarstellung anfangen kann, für den ist «Gangs of London» nichts. Gewalt ist hier Stilmittel. Die Filme von Quentin Tarantino wirken im Vergleich fast sanft. Ästhetisierte Gewalt im Film spaltet die Meinungen. Auch diese Serie überzeichnet, insgesamt aber wirkt das Gemetzel realistisch. Die ruhigen Szenen bewirken, dass man der Gewalt nicht völlig überdrüssig wird.

Nach dem Start der Serie am 23. April auf Sky Atlantic sahen innerhalb einer Woche 2,23 Millionen Zuschauer in Grossbritannien und den USA die erste Episode. Nur «Chernobyl» – von HBO koproduziert – lief besser an. Zwar ist «Gangs of London» nicht ganz so gut wie «Peaky Blinders» über die Gangs of Birmingham in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, aber, wie der Produzent Thomas Benski dem Branchenportal «Variety» sagte: «Das ist Eskapismus. ‹Gangs› findet in einer leicht überhöhten Realität statt.» Die erste Episode der zweiten Staffel ist bereits abgedreht.

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