Aargauer Kunsthaus
Eine von vielen Fragen: Was ist eigentlich Kunst?

Grosser Auftritt für die Aargauer Künstlerinnen und Künstler bei der «Auswahl 15». Dabei dürften drei Fragen den Besuchern im Kopf herumschwirren.

Sabine Altorfer
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Sandra Ardizzone

Wann ist ein Stuhl Kunst? Warum können Gewehre hübsch und Turnschuhe politisch sein? Wie kann ein Maler heute noch malen, wenn doch schon alles gemalt worden ist? Drei der vielen Fragen, die einem beim Besuch der «Auswahl 15» im Aargauer Kunsthaus im Kopf drehen.

Die Frage aller Fragen hat man sich beim Besuch der Jahresausstellung allerdings längst abgewöhnt: Was verbindet all die Aargauer Künstler und Künstlerinnen? Denn die Antwort lautet stets: nichts. Nichts, ausser dem Wohnort oder dem Bezug zum Kanton. Denn in einer Zeit, in der nicht mal mehr nationale Eigenheiten die Kunstproduktion prägen, können wir regionale Kategorien sowieso vergessen.

Kunsthaus und Kuratorium

Die Aargauer Kunst ist zeitgenössische Kunst. Punktum. Das bedeutet Vielfalt: technisch, stilistisch, inhaltlich, weltanschaulich. Und die Aargauer Kunst wird von vielen produziert. 188 Künstlerinnen und Künstler haben sich um einen Platz in der «Auswahl 15» beworben. Die Qual der Wahl ist Aufgabe von zwei Jurys. Die eine stellt das Aargauer Kunsthaus unter Leitung von Vizedirektor Thomas Schmutz, die andere das Aargauer Kuratorium, das die Plattform im Kunsthaus nutzt, um Beiträge in der bildenden Kunst zu sprechen. Jury-Präsidentin Eva Bechstein tritt nun nach 12 Jahren im Fördergremium – wie üblich bei kantonalen Kommissionen – zurück. Ihr Fazit: «Das Ausstellungsmodell ist ohne Zweifel noch so attraktiv wie 2004.»

50 Positionen von 58 Kunstschaffenden sind heuer ausgestellt. Ein Thema, ein roter Faden lässt sich zwischen ihnen nicht spinnen. Aber nach einem Rundgang kristallisieren sich doch Schwerpunkte heraus. Die wichtigste ist wohl die Frage der Künstler nach der eigenen Position in einer Zeit, in der die Kunstgeschichte irgendwie schon alles geliefert hat.

Bei der Skulptur demonstriert Roman Sonderegger, dass man mit einer raumgreifenden, klug konstruierten Riesen-Geste sehr wohl überzeugen und beeindrucken kann. Anne Nelson mit ihren kleinen – bewusst zu grünen – Wiesen- und Waldstückchen und Florian Gasser mit seinen Ton-in-Ton gemalten Silhouetten beweisen, dass selbst Landschaftsmalerei noch einen Boden hat.

Zwischen den vielen raumgreifenden, installativen Arbeiten können sich Gemälde und Zeichnungen generell gut behaupten. Es ist wohl kein Zufall, hat das Kunsthaus bei seinen Ankäufen drei malerische-zeichnerische Werke ausgewählt: eine atmosphärisch abstrakte Arbeit von Barbara Müller, das neo-expressive Bild einer Frau im Zug von Milena Beatrice Seiler und eine in Kleinstarbeit gestrichelt grossformatige Zeichnung von Mette Stausland.

Pink und grün

Cosimo Gritsch sampelt frech die Malerei-Geschichte. Damit ist er ein typischer Vertreter der jungen Generation, die viel über die Vergangenheit weiss – und sie benutzt, statt sich von ihr erdrücken zu lassen. Einen mutigen, aber rätselhaften Mix aus Sprechblasen, Kunstgeschichtszitaten, Bautafeln, Herzchen und Quadraten präsentiert der 31-jährige Flurin Tuor in seinem «narrativchen vor grün».

Dass man selbst zeitgenössisch Misslungenes recyceln kann, zeigt Nici Jost. Sie hat das, was Künstlerkollegen ausgemustert haben, mit pinker Farbe – ihrem eigenen Markenzeichen – überzogen und in einem Raum versammelt. Paff, das knallt (obwohl genau dieses Rosa laut Psychologen beruhigen soll). Und es regt natürlich zur Überlegung an, was denn (gelungene) Kunst sei. Und woraus sie besteht.

Womit der Turnschuh aus der Ausgangsfrage in den Fokus gerät. Sechs Paar hat Thomas Galler in einer Vitrine platziert. Alle nigelnagelneu, irritierend sind lediglich ihre Farben. Grün, Rot, Weiss und Schwarz. Das erinnert an Flaggen. Galler hat seine Turnschuhe in den panarabischen Farben fertigen lassen – nicht, um das Symbol mit Füssen zu treten. Aber um zu zeigen, wie konditioniert wir auf solche Farbkombinationen reagieren und wie (Sport-)Kleidung unterschwellig Inhalte transportiert. Denn Nike ist eine US-Weltmarke. Wird hier also hintergründig eine Geschichte über wirtschaftliche Inkonsequenz oder politische Konfliktpotenziale erzählt? Darüber, wer wen beherrscht, kauft oder infiltriert?

Unpolitisch und süss

Politische oder gesellschaftliche Aktualität muss man in der «Auswahl 15» allerdings suchen. «Ich will Krieg», schreit zwar Pat Noser von einem plakatähnlichen Bild und Christian Kuntner führt uns mit seinem Förderband im Hof buchstäblich vor, wo Kohle gemacht wird. Aber beides wirkt fast so harmlos wie die Wand mit akkurat geordneten grünen Zuckerfäden von Lara Russi.

Hübsch und harmlos, denkt man zuerst auch bei Agatha Zobrists Zeichnungen. Sie hat Waffen, wie sie Kinder in Lego- und Playmobil-Spielzeug finden, eins zu eins abgezeichnet und die kleinen Blättchen mit Zeichnungen von kruden Holzstücken ergänzt, die Kinder ebenfalls als Waffe sehen. Schön ist die Form, gefährlich und zwiespältig der Inhalt. Irritation erzeugen auch Philipp Hängers seltsame Stelen. Seine «Sleeping Menhirs», in Beton gegossene Schlafsäcke, verquicken nicht nur Wanderlust und Asterix, sondern wecken auch Assoziationen an Flüchtlinge und archäologische Funde.

Und dann wäre da noch der Stuhl, der Kunst sein soll. Eigentlich ist er ein bieder-bünzliges, bereits einmal geflicktes Einrichtungsstück. Mehr nicht. Aber Marc Hartmann hat beschlossen, dieses Stück soll sich während der nächsten Wochen in der Cafeteria unter die Designer-Stühle mischen. Wie man sich selber in einer solchen Rolle fühlen würde? Wohl als Störenfried und Aussenseiter.

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