Dancemakers voller Überraschungen: Elegant, dynamisch, kreischend

Zum Saisonfinale wartet das Ensemble von Tanz Luzerner Theater jeweils mit eigenen Choreografien auf. Die Premiere von «Dancemakers Series #10» im Südpol war schlicht und doch spannungsvoll.

Edith Arnold
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«The Party was not great». Hayleigh Smillie, Emelie Söderström, Aurélie Robichon in der Choreografie von Janne Boere. (Bild: Ingo Höhn/LT)

«The Party was not great». Hayleigh Smillie, Emelie Söderström, Aurélie Robichon in der Choreografie von Janne Boere. (Bild: Ingo Höhn/LT)

Man könnte «Une autre petite Soirée» von Zach Enquist gleich nochmals reinziehen. Die mysteriöse Cocktailparty, inspiriert von Agatha Christie, fand erstmals bei «Dancemakers Series #9» statt. Nun wurde sie um einen Charakter erweitert: eine alte Frau, die herumgeistert und möglicherweise Ursache der Ereignisse ist.

In einem blutroten Etablissement im Stil der fünfziger Jahre erscheint jedenfalls ein eleganter Herr. Kaum entspannt dieser auf dem Fauteuil, fällt ein Kleiderständer um. Eine Frau im Blumenkleid betritt den Ort, gefolgt von einem Mann im Anzug. Die Szene wiederholt sich und führt immer eine Spur weiter. Bald sind drei Frauen und drei Männer in Affären verwickelt – die eigentlich aus dem Nichts entstanden. Mit dem ganzen Körper wird geblöfft, geflirtet, intrigiert. Dann beginnt jener Typ, der in den Apfel gebissen hat, zu husten. Er fällt zu Boden. Ist er tot? Hysterische Schreie! «Oh my good», kommentiert seine Frau gleichgültig.

Geschmeidige Leichen

Der Bewegungslose wird auf den Sessel geworfen. Selten sieht man so akrobatische und geschmeidige Leichen. Eine zusätzliche wird unter den Teppich gekehrt. Das 15-minütige Kriminalstück endet mit «O Fortuna» von Carmina Burana. Die Zeugen respektive Zuschauer reagieren begeistert.

«Une autre petite soirée»- ein skurriles Kriminalstück von Zach Enquist. Bild Ingo Höhn

«Une autre petite soirée»- ein skurriles Kriminalstück von Zach Enquist. Bild Ingo Höhn

Auf dem Boden liegen auch Lilien, frische Äpfel, eine Krawatte in Schlangenform. Alles wird fürs Stück von Valeria Marangelli und Carlos Kerr Jr. entfernt. Es geht um Dualität, Schwarz-Weiss in Bezug auf Licht, Geschlecht, Kleider. Die hellhäutige Marangelli trägt schwarze Kniesocken, schwarze Shorts, weisses Shirt, der dunklere Kerr weisse Kniesocken, weisse Shorts, schwarzes Shirt.

Interessante Effekte entstehen

Durch das Zusammenspiel entstehen interessante Effekte. Gehören die schwarzen Beine, die nach links gehen nicht zum schwarzen Shirt, das sich nach rechts bewegt? Schöne Täuschungen auch hier: so ineinander verschlungen und übereinander gelegt, werden die Beine und Arme zu jenen des anderen. Manchmal zieht das Duo synchron über die Bühne. Dann blitzt es auf einmal, die Choreografie ist zu Ende.

Vor einem Monat haben die Proben begonnen. Dazwischen standen «Crescendo!»- und «Orfeo ed Euridice»-Aufführungen an. Das Spontane gehört zur «Dancemakers»-Serie, welche die künstlerische Direktorin Kathleen McNurney vor zehn Jahren gestartet hat. Experimentelle Atmosphären können zu einmaligen Szenen führen, die von einem hochdynamischen Ensemble performt werden.

Pure Tanzlust

Das Stück «Collecting Time» von Andrea Thompson ist, als würde es gerade entstehen, aus purer Tanzlust heraus. Wiese, Wald und Berg sind auf die Bühne projiziert. Davor bewegen sich Thompson, Hayleigh Smillie, Emelie Söderström und Janne Boere – immer weiter auch in die eingeblendete Landschaft hinein, bis sie nur noch dort sind. Oder an beiden Orten. Die Wiese wird zur Spiel- respektive Tanzwiese. Ja, Frühling ist! Nach der Aufführung die Allmend neben dem Südpol testen? Emelie Söderström entzückt später mit ihrem Rücken. Im raffinierten Oberteil inszeniert sie die Muskulatur zu «Lullaby of Birdland» von George Shearing.

Duo in Schwarz-Weiss mit Valeria Marangelli und Carlos Kerr Jr. (Bild Ingo Höhn)

Duo in Schwarz-Weiss mit Valeria Marangelli und Carlos Kerr Jr. (Bild Ingo Höhn)

Krönender Abschluss

Sieben Choreografien werden gezeigt. Einige Kostüme und Kulissen könnten noch experimenteller sein. Den krönenden Abschluss bildete Zach Enquist mit «Can I give you some Advice?»: Ein grosses Bett wird auf die Bühne getragen, davor ein Flachbildschirm für Sportübertragungen installiert. Im öffentlichen Schlafzimmer zofft sich bald ein Paar (Giovanni Insaudo und Sandra Salietti Aguilera). Daneben beginnt ein Typ in Freizeitkluft (Louis Steinmetz) Bälle zu jonglieren. Zach Enquist nähert sich ihm an. Zwei Szenen spielen sich gleichzeitig auf der Bühne ab, mit unterschiedlichen Tanzsprachen und Rhythmen. Das Ehepaar geht auch mal mit Füssen zur Sache. Einmal werden auch die Schauplätze getauscht.

«Dancemakers Series #10» im Südpol, weitere Vorstellungen am 24. & 29. Mai, 6., 7., 12. und 13. Juni 2019.