Musik

Er hat die Klassik entstaubt: Dieses Jahr würde Leonard Bernstein 100-jährig

Er besass überbordendes Talent: Leonard Bernstein (1918–1990).

Er besass überbordendes Talent: Leonard Bernstein (1918–1990).

Dirigent, Komponist und Pianist Leonard Bernstein würde am 25. August 100-jährig. Die «New York Times» bezeichnete ihn nach seinem Tod am 14. Oktober 1990 als «einen der erfolgreichsten Musiker in der amerikanischen Geschichte».

Vielleicht war es eine seiner spontanen Eingebungen, als Leonard Bernstein sich 1989 dazu entschied, in den berühmten Finalsatz von Beethovens Neunter Symphonie einzugreifen.

Besondere Umstände – die Berliner Mauer war gefallen, das Ende des Kalten Krieges stand bevor – erfordern besondere Mittel, und so dichtete der Dirigent den Text von Friedrich Schillers Ode «An die Freude» kurzerhand um. Die Ode «an die Freiheit» sang der Chor im Ostberliner Schauspielhaus nun. Die wiedervereinte Stadt jubilierte.

Vor 100 Jahren wurde Leonard Bernstein geboren. Sein in mehr als 20 Länder übertragenes Berlin-Konzert dürfte den Deutschen als vielleicht denkwürdigster Moment seiner Karriere in Erinnerung bleiben. Das Orchester hatte er besetzt mit Musikern aus Ost- und Westdeutschland sowie aus Frankreich, Grossbritannien, den USA und der Sowjetunion – den Alliierten, die Hitler-Deutschland gemeinsam besiegt hatten.

Trotz aller Symbolkraft blieb dieses Konzert in Bernsteins Laufbahn fast eine Randnotiz. Der Komponist, Dirigent und Pianist hinterliess seine Handschrift in klassischer Musik, aber auch im Film, Musical und Ballett. Er entstaubte die Klassik, machte sie jungen Menschen zugänglich und rüttelte Konzertgänger auf.

Die «New York Times» bezeichnete ihn nach seinem Tod am 14. Oktober 1990 als «einen der erfolgreichsten Musiker in der amerikanischen Geschichte». Bernstein, so die Zeitung, habe ein geradezu «verschwenderisches» Mass an Talent gehabt.

Leonard Bernstein war zehn Jahre alt, als seine Tante ihr Klavier zum Einlagern in sein Elternhaus im Ort Lawrence, Massachusetts, schickte. «Ma, ich will Unterricht!», rief der Junge, als er die schwarzen und weissen Tasten sah.

Eigenen Aussagen zufolge hörte Bernstein seine erste Symphonie erst mit 16 Jahren – sehr spät für einen professionellen Musiker und den späteren Dirigenten der New Yorker Philharmoniker. Aber schon während seines Studiums in Harvard und nach seiner ersten Symphonie «Jeremiah» zeigte sich, dass der Sohn eines russischen Einwanderers für ein Leben für und mit der Musik bestimmt war.

Vielleicht hatte er so etwas geahnt. Denn als Chefdirigent Bruno Walter von den New Yorker Philharmonikern – Bernstein war dort inzwischen Assistenzdirigent – im November 1943 plötzlich erkrankte, übernahm der junge «Lenny» das Podium.

An American at La Scala

Die Partituren, darunter Werke von Schumann, Strauss und Wagner, hatte der 25-Jährige für den Fall der Fälle besonders genau einstudiert. Und er glänzte. Bernstein bewies, dass er auch unter schwierigen Umständen technisch selbstsicher war und grosse Kompositionen hervorragend interpretieren konnte. Es folgten Gastauftritte in den USA, Europa und Israel. 1953 dirigierte er als erster US-Amerikaner die Mailänder Scala.

«Ich habe kein Interesse an einem Orchester, das nach sich selbst klingt. Ich will, dass es nach dem Dirigenten klingt», lautet eines von Bernsteins bekanntesten Zitaten.

So verpasste er auch den New Yorker Philharmonikern seine ganz eigene Note: Mit informellen Aufführungen rund um Klassik, Themen-Abenden und Avantgarde-Stücken zog er das Orchester als Chefdirigent (1958–1969) aus einem Tief, nachdem sinkende Publikumszahlen und ein eintöniges Repertoire an der Moral der Musiker genagt hatten.

Die deutsch-österreichische Musik und Komponisten wie Beethoven, Brahms, Haydn und Schumann hatten in Bernsteins Schaffen einen besonderen Platz. Seine Aufnahmen von Mahlers Symphonien gelten als die besten überhaupt, und Bernsteins Leidenschaft für den Spätromantiker führte in den USA zu einem Mahler-Boom.

Wer Bernsteins Musik sezierte, erkannte seine Raffinesse und Vielseitigkeit: Er wob Jazz-Elemente und biblische Themen in seine klassischen Stücke, er zitierte seine jüdischen Wurzeln und griff römisch-katholische Motive in seiner «Messe» von 1971 auf.

Darüber hinaus schrieb er Ballette («Fancy Free» und «Facsimile») und Musicals – neben «On the Town» und «Candide» wurde vor allem «West Side Story» zum Hit. Einige von Bernsteins Weggefährten wünschten sich, dass er seine Begabung in Vollzeit doch bitte nur noch der Bildung, dem Ballett oder dem Broadway widmen solle.

Am Karriereende des Klassik-Superstars stand ein ganzer Berg an Grammys, Emmys, Verkaufsrekorden, Ehrendoktortiteln und allerlei Auszeichnungen aus der Welt von Kunst und Kultur.

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