Nachruf

Er liebte den Skandal und die Moral: Autor Rolf Hochhut ist tot

Rolf Hochhuth, 89, der streitbare Autor und Dramatiker, starb am Mittwoch in Berlin.

Rolf Hochhuth, 89, der streitbare Autor und Dramatiker, starb am Mittwoch in Berlin.

Mit der Papstkritik «Der Stellvertreter» hat er sich einen Platz in der deutschen Literaturgeschichte gesichert. Und mit seinen Dramen Politiker geärgert.

Eines lässt sich Rolf Hochhuth nicht vorwerfen: Er hätte keine Meinung gehabt. Immer wieder, bis ins hohe Alter, hat er sich in öffentliche Debatten eingemischt, oft auch welche angestossen. Manchmal lag er daneben. Was soll’s? «Sei auch mal erheitert, wenn du gescheitert!/ Und zu viel bedenken heisst – nichts wagen», schrieb er in einem seiner letzten Bücher, dem 2016 erschienenen «Grundbuch». Am Mittwoch ist der berühmte Dramatiker im Alter von 89 Jahren in Berlin gestorben.

In Hitler-Deutschland aufgewachsen

Als Sohn eines Schuhfabrikanten 1931 im hessischen Eschwege geboren und im Hitler-Deutschland aufgewachsen, machte er nach der Mittleren Reife eine Lehre als Buchhändler, hörte nebenbei als Gasthörer in Heidelberg und München Vorlesungen in Geschichte, Philosophie und Literatur, bevor er sich als Lektor beim Bertelsmann Verlag bewarb.

Weil sich die von ihm betreute Wilhelm-Busch-Ausgabe so gut verkaufte, bekam er drei Monate Sonderurlaub, die er für eine Romreise nutzte. Dort recherchierte er über Papst Pius XII. für sein Début «Der Stellvertreter», das die Mitschuld der katholischen Kirche am Holocaust kritisierte. Schon vor dem Druck sorgte der Text für Kontroversen. Rütten & Löning verwarf das «Skandalstück», das dann 1963 bei Rowohlt herauskam und in Berlin von Erwin Piscator an der Freien Volksbühne inszeniert wurde.

Moralisierender und streitbarer Theaterautor

Bis heute ist Rolf Hochhuth der Autor des «Stellvertreters». Mit ihm schaffte er es in die Schulbücher und sicherte sich einen Platz in der deutschen Literaturgeschichte. Er gilt gemeinsam mit Hans Magnus Enzensberger und Heinar Kipphardt als Begründer des dokumentarischen Theaters. «Der Holocaust kann nie vergeben und vergessen werden», das beteuerte er mehr als einmal. Immer wieder griff er in Stücken wie «Soldaten» (1967), «Guerillas» (1970) und «Wessis in Weimar» (1993) auf reale Ereignisse zurück und setzte damit die Schillersche Tradition des moralisierenden Geschichtsdramas fort. Was ihm nicht nur Freunde einbrachte. Bundeskanzler Ludwig Erhard (CDU) beschimpfte ihn als «Pinscher» und sprach ihm 1965 nach dem Spiegel-Essay «Der Klassenkampf ist nicht zu Ende» das Recht auf Einmischung in politische Fragen ab. Und Hans Filbinger (ebenfalls CDU) musste seinen Hut als Ministerpräsident von Baden-Württemberg nehmen, weil Hochhuths Erzählung «Eine Liebe in Deutschland» 1978 seine Rolle als Richter während des Dritten Reichs hinterfragte.

Streitbar war Hochhuth immer: bei der, wie Heiner Müller sie nannte, «feindlichen Übernahme» und den nicht enden wollenden Kämpfe mit Regisseur Claus Peymann um die Nutzung des Theaters am Schiffbauerdamm, dem Mordaufruf 2004 in «McKinsey kommt» gegen den damaligen Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann (den Hochhuth selbst bestritt), oder bei seinen verunglückten Aussagen über den britischen Holocaustleugner David Irving, den er in einem Interview als «Freund» und «seriösen Historiker» bezeichnete. Mehr als einmal endeten seine Diskurse vor Gericht. «Meist gewinnt, wessen Anwalt gewitzt/ – keineswegs aber die Wahrheit,/ sondern wer finanziell den längeren Atem besitzt,/ sprich: so viel Geld, dass er länger durchhält», heisst es im «Grundbuch», das in 365 Sieben- bis Zwölfzeilern all die grossen Themen Hochhuths noch einmal aufnahm.

Zum Schluss bitter und tragisch

Zeitlebens war er davon überzeugt, dass es die Aufgabe des Dichters sei, sich dort einzuschalten, wo Regierende ihre Macht missbrauchen. Bis zuletzt wetterte er in seinen Versen und Aphorismen gegen den Billiglohn in Prag, Peking oder Chile, der die Arbeiter in Bochum stempeln gehen lasse, damit die Rendite stimme. Er appellierte an die Vernunft, die für Asylsuchende eine «Pflicht auf Unterkunft» verlange. Mokierte sich über die «deutsche Domina» Angela Merkel, die dem BND in Berlin einen riesigen Palast hinstelle, sich aber darüber aufrege, dass sie selbst von den Amerikanern bespitzelt werde.

In den letzten Jahren wurde es zunehmend ruhiger um Rolf Hochhuth. Wenn er im Fernsehen mit Playboy Rolf Eden über Schönheits-OPs diskutierte, nahm das schon mal tragische Züge an. Die Enttäuschung, als Schriftsteller nicht mehr wahrgenommen zu werden, sprach aus vielen seiner Verse. «Niemand will dich mehr, zuletzt/ alle deiner überdrüssig! Du dir selbst überflüssig», heisst es in einem Text mit dem Titel «Das Alter – die Schlussdemütigung».

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