Erbsünde
Sexuelle Gewalt, Sadismus und das Schweigen der Frauen – dieser Roman schaut in die tiefsten Abgründe einer Schweizer Familie

Autorin Gabrielle Alioth verfolgt die Spur einer Schweizer Familie durch Generationen – und stösst auf ein bedrückendes Erbe.

Bernadette Conrad
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Die Basler Schriftstellerin Gabrielle Alioth, 66, schrieb schon zahlreiche erfolgreich Bücher. «Die Überlebenden» ist ihr neustes Werk.

Die Basler Schriftstellerin Gabrielle Alioth, 66, schrieb schon zahlreiche erfolgreich Bücher. «Die Überlebenden» ist ihr neustes Werk.

Bild: zvg

«Wir haben den reinsten Taubenschlag, weil jedes der Kinder zu verschiedenen Zeiten geht und kommt», schreibt Mina in einem Brief an Ehemann Oskar. «Gertrud glänzt in der Schule, Lisbeth macht schöne Fortschritte im Rollschuhfahren… von St.Gallen habe ich eine respektable Bestellung empfangen: 8 Paar Socken, 2 Paar Strümpfe. Arbeit in Hülle und Fülle.» Der Brief ist vom 25. März 1940. Die Welt ist im Krieg.

Die Briefe einer Familienmutter an ihren meist im schwedischen Ausland arbeitenden Mann durchziehen als roter Faden die erste Hälfte von Gabrielle Alioths Roman «Die Überlebenden». In ihnen spiegelt sich der harte Arbeitsalltag einer jungen Schweizerin, die neben Haus und Garten, neben der Betreuung dreier Töchter und bald noch des Pflegesohns Max auch die bürokratischen Aufgaben des Familienvorstands übernehmen muss, denn Oskar nutzt seine patriarchale Macht aus.

Mina im strengen Befehlston mit Arbeit zu beladen, hält ihn nicht davon ab, sie gleichzeitig zu entwerten und kleinzumachen. In welchem Ausmass männlicher Machtmissbrauch in dieser Zeit nicht nur geduldet, sondern womöglich an der Tagesordnung war: Auch das spiegeln die Briefe. Die zum grössten Teil keine dichterische Erfindung sind. Vor 30 Jahren hat Gabrielle Alioth die Briefe einer Tante gelesen, die sie jetzt verwendet hat.

«Ihr ganzes Leben lang hatte sie gehorcht, Vater zuerst, dann Oskar», heisst es im Roman über Mina. Erst als Vater und Ehemann tot sind, und sie selbst alt ist, kommt sie zur bitteren Erkenntnis, dass es nun für vieles zu spät ist. Die eigene Tochter, die von Oskar sexuell missbraucht und von ihr nicht geschützt wurde, hat sie verloren; den Pflegesohn sowieso. Die schaurige Wahrheit, dass, wer sich treten lässt und sich nicht wehrt, in aller Regel weiter nach unten tritt, hat sich hier bewahrheitet: Meist hatte Mina die Auflehnungsversuche des Pflegesohns Max selbst nur mit Gewalt zu beantworten vermocht – ihn in den Keller gezerrt, bei Oskar angeschwärzt.

Gabrielle Alioth Die ÜberlebendenRoman. 260 S., Lenos.

Gabrielle Alioth
Die Überlebenden
Roman. 260 S., Lenos.

Bild: zvg

Max ist eine Art innere Hauptfigur und Bindeglied zwischen den beiden Strängen des Romans. Er, der nicht bei der eigenen, in Amerika lebenden Mutter, Minas Schwester, aufwachsen konnte, wird sich irgendwann von der lieblosen Pflegefamilie losreissen und in ein anderes Leben aufbrechen. Aber entkommt er, als Heli­­kop­terpilot im Vietnamkrieg, dem Grundprinzip Gewalt, begibt er sich nicht vielmehr mitten hi­nein in die äusserste, legalisierte Form von Gewalt, den Krieg?

Es ist Vera, Minas Nichte, die der weiblichen Ohnmachtstradition und, genau wie Max, auch der Schweiz zu entfliehen versucht. Als sie ihrem 17 Jahre älteren Cousin Max begegnet, der dann selbst fast ein alter Mann ist, erkennt sie in ihm die Dringlichkeit wieder, mit der auch sie vor der Enge der Konvention und der strengen protestantischen Ordnung geflohen war. Sie war, wie er, aufgebrochen, hatte nach dem «anderen» Leben gesucht. Haben sie es gefunden?

Zweifellos müssen sie sich auch als tief Versehrte erkennen. Auch durch Veras Leben zieht sich die Spur von heimlicher und verheimlichter Gewalt. «Es gibt keine rein gute Figur in diesem Buch», sagt ­Alioth, «keine positive Art, mit dieser Erbschaft umzugehen, die auch in meine Generation weitergereicht wurde.»

Bis wohin führt sie zurück, diese Schuld? Zunächst klar zum Grossvater und Familienpatriarchen, den Max als Jugendlicher dabei erwischte, wie er im Keller eine 16-Jährige vergewaltigte. «Er ist in diesem Familienkosmos der Urknall der Gewalt, mit der sich alle auf unterschiedliche Weise auseinandersetzen müssen», sagt ­Alioth.

«Natürlich wäre es möglich gewesen, seine Gewalttätigkeit in einen historischen und psychologischen Kontext zu stellen… Aber eine solche Erklärung nützt den Betroffenen nichts. In dem Moment, in dem die Gewalt oder die Wellen, die von der Gewalt ausgehen, sie trifft, sind sie zu jung, zu ahnungslos, zu hilflos, um sie zu rationalisieren. Sie bricht wie eine Naturkatastrophe, wie ein Krieg, über sie herein und formt ihr Leben. Was mich interessierte, war nicht, wie es zu dieser Gewalt kam, sondern eben was ihre Folgen waren, wie die verschiedenen Figuren damit umgingen.»

Sexuelle Gewalt, Sadismus, das Dulden und Schweigen der Frauen, auch wenn es um ihre eigenen Kinder geht: Es ist ein bedrückendes Bild, das der Roman auf eindrückliche Art zeichnet. Und die Frage stellt: Kann es gelingen, dieser «Erbschuld» zu entkommen?

Gabrielle Alioth, Die Überlebenden. Roman. 260 S., Lenos.

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