Zürcher Theaterspekakel
Familie Müller im Müll – kennen wir uns?

Die Zeichen für ein erfolgreiches Zürcher Theaterspektakel stehen gut. Mit der Uraufführung von Martin Zimmermanns «Danse macabre» ist das Festival wuchtig gestartet.

Daniele Muscionico
Drucken
Teilen
Die Monster Family (von links): Martin Zimmermann als Kanalratte, Dimitri Jourde als kiffender Opa, Methinee Wongtrakoon als überbeweglich Tochter und der mütterliche Tarek Halaby als «Miss Universe».

Die Monster Family (von links): Martin Zimmermann als Kanalratte, Dimitri Jourde als kiffender Opa, Methinee Wongtrakoon als überbeweglich Tochter und der mütterliche Tarek Halaby als «Miss Universe».

Bild pd

Aus Ruinen ist sie auferstanden, die nächste «Miss Universum». Müll klebt an ihr wie die Eischale am Küken, Toilettenpapier ziert den Schuh, Fetzen am Leib aus der Altkleider-Sammlung – Stilrichtung «born to be wild» – die Dragqueen Tarek Halaby ist ein Bild der Verwüstung.

Doch der Sieg ist ihr gewiss. Für ihre Dankesrede ans Publikum wählt sie die Worte einer Gewinnerin, die fightet, um leben zu können: Darwins Gesellschaftsspiel des Konkurrenzkampfs findet in der Steppenwölfin ein Totschlagargument.

Eine schrecklich zerrüttete Familie

Mit diesem Bild endet «Danse macabre», das neuste Quasi-Familien-Stück von Martin Zimmermann, der irrsten Kanalratte, die sich Künstler nennt. Zumindest der Schweiz irrsten Kanalratte, seit gestern Abend. Denn sein Theater, handlungsarm wie immer, lässt – nicht zum ersten Mal – das Anthropozän hinter sich zurück; die Figuren existieren in Form von (Un-)Dingen, Gemüse und Vieh.

In seinem «Danse macabre» fehlt den Beteiligten, bis auf das Schlussbild Sprache; Zimmermann aber ist das Theater-Tierchen, dem hinsichtlich Bissigkeit und Lust an schmuddeligen Szenerien wenig andere Künstler gleichen. Der Komiker Jango Edwards in den Neunzigerjahren, vielleicht. Als Parodie eines Hardrock-Sängers mit Riesenpenis-Prothese führte er damals Generation unschuldiger Jugendlicher ein in systemrelevante Kunst.

Genderfluid und moralisch verkommen wie die Gegenwart

Martin Zimmermann also, der Spezialist für genderfluides Körpertheater, das gleichzeitig Objekttheater sei. Und das sich in einem dritten Salto existenziellen Exerzitien und bodenlosem Humor verschreibt: Er hat für sich den metaphorischen Ort der Mülldeponie entdeckt und dort die Rolle eines Zeremonienmeisters, der eine der Norm entfallenen, abfälligen Familie zusammenführen will.

Es sind alte Weggefährten, und man merkt das Verständnis füreinander in jeder Tanz- und Gesangsnummer, die aus vielen Soli – nur mit Mühe – einen ganzen Abend machen: der Amerikaner Tarek Halaby als stiefmütterliche Mater Dolores (spätere Miss Universe); der Franzose Dimitri Jourde als schmerbäuchiger Opa – und die wie eine Schlangenfrau sich windende Schwedin Methinee Wongtrakoon als Tochter. Die junge Tänzerin entwickelt mit Hilfe nur eines Kapuzenpullis und ihres Körpers eine ganz neue, abartige Schöpfungsgeschichte: Ein grosser Theatermoment!

Wenn Zimmermann aka Mister Skeleton seinen skurrilen Lieblingsmenschen nicht Herr wird, und natürlich muss es misslingen, spielt er Mäuschen, sprich Ratte in der Tonne, wie sie Becketts Rumpfmenschen bewohnen. Er ist in dieser Position der liebenswürdigste Nacktschwänzer, wie man gemeinhin Ratten nennt, der je ein Zürcher Theaterspektakel eröffnet hat.

Der Fluch des Erfolgs und Futter in der Pandemie

Denn tatsächlich, das Festival, das in Sachen Internationalität und Zusammenarbeit zwischen Süden, Norden, Westen, Osten nichts Vergleichbares hat, findet dieses Jahr statt. Wenn auch in redimensionierter Form in Bezug auf die Anzahl Spielstätten und das kulinarische Angebot. Doch auch so geht auf der Landiwiese niemand hungers vom Platz. Nicht in kulinarisch-gas­tronomischer Hinsicht, immerhin.

Ob der künstlerische Gehalt der Produktionen als Überlebensfutter in spassgebremsten Zeiten ausreichen wird, das wird man erst sehen: Das Urteil über Zimmermanns neuste Show ist jedenfalls vorerst durchzogen. Pro- und Kontraargumente halten sich die Waage. Doch es wird nicht überraschen, wenn im Laufe der internationalen Tourneen, die anstehen, der Abend an dramatischer Qualität gewinnt – und schliesslich überzeugt wie seine letzten Programme, «Hallo» und «Eins, zwei, drei».

Denn das ist der Fluch. Man misst den Künstler an einem superstrengen Mass, dem seinen, eigenen. Zimmermann hat All-in-one-Fähigkeiten als Bühnenbildner, als Choreograf und als Tänzer; seine Ästhetik ist unverkennbar und internationaler Standard.

Doch etwas anderes als das Bekannte in gesellschaftskritischer und formaler Hinsicht ist in «Danse macabre» bedauerlicherweise kaum zu entdecken. Grund genug, enttäuscht zu sein? Vielleicht ja, vielleicht nein. Ein Punkt fällt im Urteil klar aus: Es fehlt dem Abend Aufbau und dramaturgische Entwicklung. Das mag sich ändern, keine Frage. In die Zukunft gedacht wird «Danse macabre» ein kleiner Schritt auf dem grossen Weg gewesen sein, den Zimmermann beschreitet.

«Danse macabre»: Werft, bis 23.8, 19 Uhr.

Aktuelle Nachrichten