Jazzfestival Basel

Fieberkurven im dunkelroten Bereich

Adrian Mears auf der Bühne.

Adrian Mears auf der Bühne.

Adrian Mears und Yumi Ito boten im Atlantis ein Doppelkonzert. Das Jazzfestival Basel konnte über 4000 Corona-daten vernichten.

Es ist gut, dass am Freitagabend nur beim Betreten des Atlantis die Temperatur der Besucher gemessen wurde und nicht auch beim Verlassen. Denn nach dem Doppelkonzert im Rahmen des Jazzfestival Basel dürften manche Werte auffällig ausgeschlagen haben: nach unten wegen der Eiskristalle, welche die Wahlbaslerin Yumi Ito in den Saal gezaubert hat; nach oben wegen dem Buschfeuer, das der Exil-Australier Adrian Mears entfacht hat.

Ein Konzertbesuch ist ein Wagnis. Das war angesichts der schwankenden Tagesform der Künstler schon immer so. Und das ist in Zeiten von Corona besonders so, schliesslich droht den erfassten Besuchern die Quarantäne oder gar eine Infektion. Entsprechend bedankt sich Festival-Leiter Urs Blinden­bacher bei den Besuchern für ihr Erscheinen sowie ihre Disziplin beim Tragen der Schutzmasken.

Doch auch eine gute Nachricht darf der Veranstalter verkünden: Über 4000 Kontakt-­Daten, die am Festival erhoben worden waren, konnten ungenutzt vernichtet werden. Es sei bei den bisherigen Konzerten in der Dorfkirche Riehen, im Atlantis, im Volkshaus, in der Martinskirche sowie an den drei Abenden im Stadtcasino zu keinen Corona-Fällen gekommen, freut sich Blindenbacher. Der Mehraufwand bei der Planung und Durchführung der Konzerte habe sich insofern gelohnt.

Dass der untere Teil des Atlantis an diesem Abend bestuhlt ist, habe jedoch nichts mit den BAG-Massnahmen zu tun, sondern sei auf Wunsch des eröffnenden Acts geschehen, erklärt Blindenbacher auf Nachfrage. Damit verringert sich die Kapazität von 240 auf 200 Plätze, die am Freitag bis auf zehn auch besetzt sind.

Album-Vorpremiere und klangliche Meditation

Am Freitag machen die Stühle aber zumindest im ersten Teil des Abends Sinn: Die fragilen Arrangements, welche die elfköpfige und teilweise mit klassischen Instrumenten besetzte Big Band um Yumi Ito darbietet, dürften ihre Wirkung vor einem stehenden Publikum verfehlen. So jedoch gerät die Vorpremiere des im November erscheinenden Albums «Stardust Crystals» zur erhol­samen Klangmeditation, bei der vieles an die frühen Werke von Björk erinnert – wenngleich auch ohne deren sperrige Eigenständigkeit zu ­erreichen.

Doch beim anschliessenden fulminanten Auftritt des Adrian Mears Electric Trio sind die Stühle ein kleines Ärgernis. Denn der am Jazzcampus Basel dozierende Posaunist und seine beiden jüngeren Mitstreiter – Daniel Mudrack am Schlagzeug und Thomas Stieger am E-Bass – lassen in Sachen Groove und Energie schon ab dem ersten Song nichts anbrennen.

«Afro Underground» heisst das eröffnende Stück, das ebenso gut in eine Disco gepasst hätte wie in den Rahmen eines Jazzfestivals. Einem verrückten Wissenschaftler gleich entlockt Mears seiner Posaune, einem Didgeridoo, einem Keyboard und gar seinem iPhone Sounds, die er verfremdet und schichtet.
Dabei verheddert er sich in Kabeln, verliert fast den Kopf­hörer, verschiebt sich beim Schweissabwischen die Brille. Dann steht er für ein Solo kurz auf, um sich sogleich wieder zu seinen Gerätschaften zu bücken.

Freude am anhaltenden Beifall messen

Das alles wirkt wunderbar chaotisch, ist aber klanglich dermassen ausgereift, dass man zuweilen den Ohren nicht trauen mag. Auch weil Mears eine Rhythm­section an seiner Seite weiss, die ihm mit traumwandlerischer ­Sicherheit und enormer Spielfreude auf den Fuss folgt.

Nach dem Doppelschlag aus «On Your Knees, Please» und «Dancefloor Ruby» witzelt der Bandleader, dass er nicht wisse, ob die Besucher unter ihren Masken lächelten oder nicht. Dabei müsste er am lange anhaltenden Beifall erkennen, dass im Saal die Fieberkurve längst den dunkelroten Bereich erklommen hat.

www.offbeat-concert.ch

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