Filmtage

Der Nachwuchs der Regisseure macht aus weniger mehr

Mirko (links) und Dario Bischofberger gehören zu den Schweizer Jungregisseuren, die an den Filmtagen gerade für Aufsehen sorgen.

Mirko (links) und Dario Bischofberger gehören zu den Schweizer Jungregisseuren, die an den Filmtagen gerade für Aufsehen sorgen.

Fördergelder sind an den Jungen nicht verschwendet, beweisen die Brüder Bischofberger. Ihr Science-Fiction-Film «Dog Men» wird an den Solothurner Filmtagen gezeigt.

Sie alle haben Jahrgang 1975 oder noch jünger und erobern die Solothurner Filmtage gerade im Sturm: Regietalente wie Simon Jaquemet («Chrieg»), Mathieu Urfer («Pause»), Claudia Lorenz («Unter der Haut») sowie die Brüder Mirko und Dario Bischofberger («Dog Men»), die fernab von biederer Routine und aalglattem Feinschliff frische Geschichten mit Ecken und Kanten erzählen. Eine Kampfansage an etablierte Semester und Grossproduktionen – die in den Augen vieler Jungfilmer bei der Förderung zu Unrecht bevorzugt werden. Der jüngste Filmemacher in Solothurn ist gar erst 19-jährig: Jann Kessler drehte einen langen Dok-Film über Multiple Sklerose.

Erneuerungsbewegungen und Generationenkonflikte haben in der fünfzigjährigen Geschichte der Filmtage Tradition. 1984 etwa proklamierten Nachwuchsregisseure, der auch Christoph Schaub angehörte, provokativ: «Wir wollen reich und berühmt werden». Die heutige Generation gibt sich da bescheidener – aber nicht weniger zielstrebig.

Auch kleine Filme fördern

Allen voran Mirko und Dario Bischofberger. Unter dem Label «Swiss Fiction Movement» haben die beiden im August eine Bewegung gegründet, die sich für eine stärkere Nachwuchsförderung einsetzt. Der hiesige Filmnachwuchs habe viel Potenzial, aber kein Geld; also fordert die Bewegung einen jährlichen Zustupf des Bundes für Low-Budget-Produktionen. «Mit etwas Kleinem kannst du Grosses erreichen», sagt Mirko Bischofberger.

Der 34-jährige Mirko ist das Sprachrohr der Bewegung. Mit wie viel Herzblut er dahinter steckt, hört man dem schnell redenden Zürcher mit italienischen Wurzeln an. Er und sein fünf Jahre älterer Bruder Dario sind erfreut, dass Solothurn ein starkes Zeichen für den Nachwuchs setzt. Im Rahmen der Filmtage hatten sie die Gelegenheit, ihre Anliegen mit Ivo Kummer, dem Filmchef beim Bund, zu besprechen. Zudem wurden sie mit ihrem siebzigminütigen Science-Fiction-Film «Dog Men» ins Programm aufgenommen. Unheimlich schmeichelnd, findet das Dario Bischofberger.

Ihr Film lebt das Prinzip der «Swiss Fiction Movement» vor. Zwar flossen keine öffentlichen Gelder in die Produktion, die schon vor der Gründung der Bewegung auf Hochtouren lief. Doch Dario und Mirko Bischofberger ist es gelungen, mit nur 60 000 Franken (zu zwei Dritteln eigenfinanziert, der Rest via Crowdfunding) eine charmant-trashige Filmperle auf die Leinwand zu zaubern. «Dog Men» erzählt von jagen und gejagt werden, von beobachten und beobachtet werden am Ende der Zivilisation. Er tut dies angenehm entschleunigt, mit wenig Dialog und in poetischen Schwarzweissbildern, die bewusst mit den bombastischen Zukunftsvisionen aus Hollywood brechen.

60 000 Franken würden nicht mal einen halben Tageslohn eines Hollywoodstars decken – wie macht man mit diesem Mini-Budget einen ganzen Film? «Wir könnten den ganzen Tag über unsere vielen Spartricks reden», lacht Dario Bischofberger. Ihre Mutter habe alle Kostüme selber geschneidert. Und die kleine, passionierte Crew wurde mit einem schönen Drehort entlöhnt, der Ferienstimmung versprühte.

In Pradas Garten gedreht

Tatsächlich ist der Schauplatz von «Dog Men» eine Wucht: ein riesiger, verlassener Steinbruch, der in seiner verwilderten Regelmässigkeit so anmutet, als lamentiere er eine vergessene Zivilisation . Wurde hier mit Computereffekten nachgeholfen? «Nein, das sieht dort wirklich so aus», versichert Mirko Bischofberger. Gedreht haben sie auf einer Insel bei Sizilien. Dort habe eine Kultur des Steinabtragens geherrscht, sodass in der Inselmitte, fernab der Touristenstrände, eine riesige Wanne entstand. Das perfekte Setting für ihren Film. «Das Licht dort ist einzigartig», schwärmt Dario Bischofberger.

Pikant: Erst am letzten Drehtag erfuhren die Brüder, dass der abgeschottete Drehort in Privatbesitz ist: «Ein Typ kam auf uns zu und fragte uns, ob wir eigentlich wissen, wo wir sind. Er riet uns, schleunigst zu verschwinden.» Wie sich herausstellte, gehört die Wanne – und noch viel mehr der Insel – Italiens berühmtester Modedesignerin Miuccia Prada. Die Brüder lachen. «Sollte sie jemals erfahren, dass wir in ihrem Garten gedreht haben, wäre das gut. Das hiesse nämlich, unser Film ist entweder bekannt – oder ein Skandal.» Geht es nach Mirko und Dario Bischofberger, soll «Dog Men» nun an internationalen Arthouse-Festivals für Furore sorgen. «Je mehr Anlässe der Film hat, desto mehr spüren wir anhand des Publikums, was uns gelungen ist.»

Um solche wertvollen Erfahrungen geht es der «Swiss Fiction Movement». Sie möchte Nachwuchsfilmern den nötigen Platz bieten, um auszuprobieren und eine eigene Handschrift zu entwickeln. Betrachtet man Filme wie «Dog Men», «Chrieg» oder «Unter der Haut» an den Filmtagen, muss man emphatisch eingestehen: Ja! Diese Nachwuchsgeneration verdient unsere Aufmerksamkeit. Sie ist es, die dem Schweizer Film neue Impulse verleiht. Und dieses Potenzial gilt es zu fördern.

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