Böhmermann-Debatte

Die Provokation fragt nicht, ob sie darf – und darum war das «Schmähgedicht» keine Satire

Weil nicht möglich ist, dass man über sein «Schmähgedicht» einfach hinweggehen kann, ist es Provokation, nicht Satire.

Weil nicht möglich ist, dass man über sein «Schmähgedicht» einfach hinweggehen kann, ist es Provokation, nicht Satire.

Satire darf alles, weil sie offenlässt, ob sie beachtet werden will. Provokation hingegen will genau das.

Was darf die Satire? Alles.

Tucholsky hats gesagt und es bleibt wahr. Weil die Satire Satire ist.

Zu unterscheiden ist die Satire von der Provokation. Auch wenn beides auf die Römer zurückgeht – und von der ursprünglichen Bedeutung bei beiden Begriffen nichts mehr übrig geblieben ist. «Satira» (oder «satura») war Beiwort zum griechischen Wort «lanx», was «Schale» bedeutete. Zusammen soll man darunter «eine mit irgendwas gefüllte Schale» verstanden haben. Aber bereits bei den lateinischen Altmeistern war die Satire, was sie – unter anderem heute noch ist: ein Schmähgedicht. Und «provocatio» war ursprünglich das Recht jedes römischen Bürgers, sich an die Volksversammlung zu wenden, wenn er zu Prügeln oder zum Tod verurteilt wurde.

Wenn Kritik keine Chance hat

An der Provokation kann man den Unterschied festmachen. Die Provokation zielt auf eine Reaktion ab. Nichts ist schlimmer, als wenn eine Provokation ungehört verhallt. Die Provokation soll eine Kritik ausdrücken, die als Kritik geäussert, keine Chance hat. Weil sie gegen etwas zielt, das so allgemein anerkannt ist, dass Kritik davon abperlt. Provokationen sind dort angesagt, wo eigentlich keine Diskussion stattfindet. Das nennt man Tabus. Also in den neueren Zeiten bei Sex oder bei der Kirche. Heute gibt es kaum mehr Raum für Provokationen. Wenigstens bei uns. Da ist alles Hans, was Heiri. Und man darf ja auch fast alles. Sogar an der Armee rumkritteln. Denn es gibt nichts Heiliges mehr.

Kritisch war auch schon immer die Haltung der Satire. Meist zielte sie auch voll auf den Mann. Erdogan, der in seinem Land «Präsidentenbeleidigung» als Straftatbestand zuoberst auf die Hitliste katapultierte, wäre dafür schon die richtige Adresse. Trotzdem gehört Böhmermanns «Schmähkritik» in die Schublade «Provokation». Warum und mit welchen Folgen dazu später mehr.

Jan Böhmermann übt Kritik

Satire gehört darum in den mehr oder weniger rechtsfreien Raum, weil bei ihr der Anspruch mitschwingt, dass man sie nicht ernst nehmen muss. So, wie der Narr am Königshof ungestraft Majestätsbeleidigung praktizieren durfte. Das funktionierte. Die restlichen Höflinge wussten, dass sie derlei nicht durften. Im Klartext: dass es bei ihnen sofort geahndet würde. Der Narr durfte, weil klar war, dass auf das, was er sagte und tat, keine obligate Reaktion der Autorität nötig war. Der Monarch musste beim Narr nicht zum Schwert greifen und seine Ehre verteidigen. Bei allen anderen aber schon. Höflingen solches durchzulassen, hätte seine Reputation ernsthaft beschädigt.

Satire darf alles, weil sie nicht satisfaktionspflichtig ist. Satirische Beleidigungen mögen schmerzen, gegen Anstand, Geschmack und alles Mögliche verstossen, aber man muss sie nicht rächen. Obwohl durchaus vom Recht geschützte Güter tangiert werden können. Und Strafklagen deshalb auch hin und wieder erfolgen.

Gefährlich leben mit B.

Böhmermann machte keine Satire. Weil er mehrmals erklärte: «Das darf man nicht.» Er forderte den Rechtsapparat heraus. Seine Absicht war, den nicht gerade appetitlichen Artikel 103, der das Beleidigen ausländischer Autoritäten ausdrücklich härter bestraft als den Rest, zu diskreditieren.

Provokation will ein Echo. Böhmermann dürfte sich dessen bewusst gewesen sein. Kaum je war ein Wald williger, laut zurückzurufen als dieser deutsche im Frühling 2016. Die Umstände sind bekannt. Erdogan muss gehätschelt werden, damit das mit den Flüchtlingen klappt usw.

Satire kann auf harmlos machen, ist an sich nicht gefährlich. Provokation aber schon. Giacobbo/Müller tun sich manchmal richtig schwer beim Provozieren. Eben weil wir in der Schweiz nicht mehr so tabuversessen sind. Die Deutschen waren auch schon humorloser. Jetzt wird es halt eine Staatsaffäre, weil Bundeskanzlerin Merkel mit dem Erdogan ein Projekt abwickeln will. Ein ziemlich wichtiges für sie sogar.

Andere wussten, dass Provokation nicht der beste Weg ist, dem an sich Guten den Weg zu bahnen. Kant und Spinoza verzichteten auf Konfrontation. Der Meisterdenker von Königsberg wand sich und vernebelte die Brisanz seiner Gedanken mit verwirrendem Wortgeplänkel um öffentlichen und privaten Vernunftgebrauch. Und Spinoza liess postum publizieren, damit der öffentliche Zorn sich nicht an seiner – an sich unwichtigen – Person abreagierte, sondern am Wichtigeren: am Werk.

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