Beste Hauptdarstellerin
Die scheue Oscar-Gewinnerin Brie Larson katapultiert sich in die Liga der Stars

Brie Larson gewinnt als beste Hauptdarstellerin den Oscar. In ihrer Karriere musste sie sich lange durchbeissen, ehe ihr mit einer Rolle als Sozialarbeiterin in einem Jugendheim der Durchbruch gelang.

Lory Roebuck
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Wird sich nun damit anfreunden müssen, im Rampenlicht zu stehen: Die frischgebackene Oscarpreisträgerin Brie Larson.

Wird sich nun damit anfreunden müssen, im Rampenlicht zu stehen: Die frischgebackene Oscarpreisträgerin Brie Larson.

Evan Agostini/Keystone

Brie Larson mag es recht gewesen sein, dass in der Oscar-Nacht alle Kameras auf Leonardo DiCaprio gerichtet sind, auf den Superstar, der seine jahrelange Durststrecke endlich beendet hat. Dabei schreitet sie nur wenige Minuten vorher selbst auf die Bühne, um den Oscar für die beste weibliche Hauptrolle in Empfang zu nehmen.

Anders als DiCaprio hat Larson gleich mit ihrer allerersten Nominierung reüssiert. Doch nicht nur bei uns, auch in den USA ist die 26-Jährige noch weitgehend eine Unbekannte. Lange hatte sie sich im Schatten der Stars bewegt – und das nicht ganz unfreiwillig.

Brie Larson, die mit bürgerlichem Namen Brianne Sidonie Desaulniers heisst, nennt sich selbst eine scheue, introvertierte Person. Als in den Wochen vor der Oscar-Verleihung das Medieninteresse an ihr explodierte, beschrieb sie das Blitzlichtgewitter der Fotografen als «beängstigend». In einem Interview sagte sie jüngst: «Es macht mir Angst, mich der Welt zu zeigen.»

Brie Larson kurz vor dem grossen Moment, den Oscar überreicht zu bekommen.

Brie Larson kurz vor dem grossen Moment, den Oscar überreicht zu bekommen.

Keystone

Für einen Moment schimmert diese Unsicherheit auch auf der Oscar-Bühne durch. Larson holt nicht zur grossen Ansprache aus, sondern dankt pflichtbewusst ihren Produzenten und Co-Stars – und verschwindet dann mit einem schüchternen Lächeln hinter die Bühne. Erst dort, abseits des Publikums und der Kameras, wirkt sie befreiter. Den Journalisten verrät sie, der Oscar sei ein Kindheitstraum, auf den sie zwanzig Jahre lang hingearbeitet habe.

Lange vom Pech verfolgt

Larson, die mit ihrer Mutter in Los Angeles aufwuchs, stand schon als Achtjährige vor der Kamera. Erst spielte sie Sketches in der «Tonight Show» von Jay Leno, dann versuchte sie sich in Sitcoms. Doch das Pech klebte lange an ihren Schuhsohlen fest: Larsons erste Serie «Schimmel» fiel kurz vor Drehstart ins Wasser, weil der Hauptdarsteller an Krebs erkrankte, ihre nächste Serie «Hope & Faith» schaffte es nicht über eine Pilotfolge hinaus. Dank einer festen Rolle als Tochter von «Full House»-Star Bob Saget in der Serie «Raising Dad» erlangte Larson mit Anfang 20 dann doch etwas Aufmerksamkeit.

Sie schrieb darauf Songs mit Avril Lavigne, veröffentlichte eine CD, sah sich aber eher beim Film. Dort biss sich Larson aber jahrelang an Nebenrollen («Greenberg», «Scott Pilgrim vs. the World», «21 Jump Street») die Zähne aus. «Ich passte in kein Schema», blickte Larson kurz vor den Oscars zurück. «Ich war nie hübsch genug, um das hübsche Mädchen zu spielen, und nie unscheinbar genug, um das unscheinbare Mädchen zu spielen.» Darunter habe sie jahrelang gelitten, und gar mit dem Gedanken gespielt, die Schauspielerei aufzugeben.

Doch dann kam 2013 «Short Term 12» und Larsons erste Kinohauptrolle als Sozialarbeiterin in einem Jugendheim. Ein herzzerreissender Auftritt, Larson oszilliert zwischen stählerner Unerschütterlichkeit und delikater Fragilität. Am Filmfestival in Locarno erntete sie minutenlange Standing Ovations und die Auszeichnung als beste Schauspielerin. Die US-Zeitschrift «Entertainment Weekly» nannte die Newcomerin ein grosses Versprechen für die Zukunft.

Die besten Hauptdarsteller (Brie Larson und Leonardo DiCaprio, Mitte) zusammen mit den besten Nebendarstellern Mark Rylance ("Bridge of Spies") und Alicia Vikander ("The Danish Girl").

Die besten Hauptdarsteller (Brie Larson und Leonardo DiCaprio, Mitte) zusammen mit den besten Nebendarstellern Mark Rylance ("Bridge of Spies") und Alicia Vikander ("The Danish Girl").

Keystone

Dieses Versprechen hat Brie Larson nun mit «Room» (ab 17. März im Kino) bereits ein erstes Mal eingelöst. Im Independent-Drama spielt sie eine junge Frau, die jahrelang in ein kleines Zimmer eingesperrt und misshandelt wird. Dort hat sie einen Sohn zur Welt gebracht, dem sie zum Schutz erzählt, dass ausserhalb des Zimmers nichts anderes existiert. Die beiden entkommen – doch die Integration in den normalen Alltag ist alles andere als einfach. Mit dem erschütternden, aber auch hoffnungsvollen Auftritt macht Larson das Grauen von realen Entführungsopfern wie Natascha Kampusch weit abseits der Schlagzeilen spürbar.

Dankbar für Entbehrungen

In Interviews zum Film spricht Larson von ihrer eigenen Kindheit, als sie jahrelang mit ihrer Schwester und ihrer alleinerziehenden Mutter in einem winzigen Apartment mit Ausklappbett ausharrte, das kaum grösser war als jenes in «Room». Heute sei sie dankbar für jene Entbehrungen, und für ihren steinigen Karriereverlauf, denn das alles hätte sie geformt.

Im Rampenlicht zu stehen, damit wird sich Brie Larson jetzt anfreunden müssen. Nach dem Oscar-Erfolg stehen ihr in Hollywood alle Türen offen. Bereits hat sie eine Hauptrolle im Blockbuster «Kong: Skull Island» ergattert, der momentan in Vietnam gedreht wird. Dieser Rolle verdanke es Larson auch, dass sie in der Oscar-Nacht nicht komplett von ihren Nerven überwältigt wurde: Die frischgebackene Gewinnerin verriet, sie sei direkt aus Asien eingeflogen – und habe nur dank Jetlag einigermassen entspannt gewirkt.

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