Premiere von Sennentuntschi
Die schöne Rächerin aus dem Kerker

Paukenschlag «Sennentuntschi» von Michael Steiner eröffnete gestern das 6. Zurich Film Festival

Von Hans Jürg Zinsli
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Das Sennentuntschi

Das Sennentuntschi

Rauf und runter, hin und her, rein und raus: So liest sich nicht nur die Vorgeschichte zu Michael Steiners Film «Sennentuntschi», der 2009 wegen Finanzproblemen fast zusammenkrachte. So sieht auch aus, was nach dem ganzen Theater jetzt im Kino zu sehen ist.

Es beginnt mit einer Leiche zur Pilzsaison und führt rasch zurück ins Jahr 1975, wo eine sprachlose Frau (Roxane Mesquida) sowohl in einem Bergdorf als auch bei drei Sennen auf der Alp (Andrea Zogg, Carlos Leal, Joel Basman) für Konfusion sorgt. Dorfpolizist Reusch (Nicholas Ofczarek) ist der Einzige, der sich der Fremden annimmt. Er hetzt rauf auf die Alp und runter ins Dorf, während sich die Sennen im Absinthrausch eine Strohpuppe basteln, die – zu Fleisch geworden – als Rein-und-raus-Vehikel missbraucht wird.

«In ‹Sennentuntschi› fehlt eine sympathische Figur», sagt Co-Drehbuchautor Michael Sauter. Das hat zur Konsequenz, dass sich am Ende die Leichenberge türmen wie Mahnmale der Schuld, zwei Tote werden überdies sorgfältig ausgestopft. Apropos Schuld: Davon ist im Zusammenhang mit «Sennentuntschi» keine Rede mehr. Stattdessen spricht Produzent Bernhard Burgener – dank seiner Hilfe konnte Steiner sein Werk fertigstellen – vom «Film-Gen», das der Regisseur besitze. Steiner selbst erklärt, sichtlich erleichtert nach seinem «Horrorjahr», dass er nie einen Skandal provozieren wollte. «Ich will unterhalten.»

Neue Aufreger

Nun, wie auch immer die Buchhaltung am Ende aussehen mag – publikumsträchtig ist das «Sennentuntschi» auf jeden Fall. Dafür hat der Film schlicht zu grosse Erwartungen geweckt. Doch auch an neuen Aufregern mangelt es nicht: Die Kirche bekommt in Form eines Kanzeltyrannen ihr Fett weg (Drehbuchautor Sauter: «Ich bin Protestant, ich mag Katholiken nicht.»). Dazu wird der Fall Natascha Kampusch bzw. Fritzl im Zusammenhang mit der Titelfigur wiedergekäut. Und wenn ein Senn noch vor dem Frühstück zum Ausbeinen einer getöteten Geiss schreitet, wünscht man allseits einen guten Magen.

Enge Gassen und Kammern

Nebenbei: Wem «Sennentuntschi» zu starker Tobak ist, kann sich am Zurich Film Festival auch das Gegenteil ansehen: Der Schweizer Kinderspitalfilm «Stationspiraten» von Mike Schaerer besteht ausschliesslich aus guten Figuren.

«Sennentuntschi» dagegen besticht als alpiner Genrequirl, als druckvoll herausgerotzter Mysterywestern, der alte Sagenelemente mit Schmackes durch den Fleischwolf dreht. Dabei verzeiht man dem Film auch plumpere Passagen. Gut umgesetzt ist indes die Engstirnigkeit der Figuren, indem Dorf und Alp zu schmalsten Gassen und Kammern gestaucht werden, während sich das Geröllfeld dazwischen zum grauen Endlosband dehnt. Beachtlich auch, dass neben dem Sennentuntschi eine weitere Figur ohne Sprache bleibt.

Ob der Film auch im Ausland auf Resonanz stösst und auf Top-Festivals eingeladen wird, wie Regisseur Steiner hofft? «International geniesst die Schweiz zurzeit wenig Ansehen», meint Carlos Leal, der seit zwei Jahren in Madrid wohnt. Das Ausland werde über diesen Film staunen. Nun, zumindest auf die Reaktionen aus Österreich darf man gespannt sein.

Zurich Film Festival: Bis 3. Oktober. «Sennentuntschi»: Der Film startet in der Deutschschweiz am 14. Oktober.

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