Kino
Ein Schweizer Klassiker für die Welt: Heidi, so sehen wir dich gerne

Rührend, aber nicht kitschig, herzerweichend, aber nicht anbiedernd: So erzählen Regisseur Alain Gsponer und Drehbuchautorin Petra Volpe Johanna Spyris Kinderklassiker. Ein starker Film – nicht nur für Kinder.

Sabine Altorfer
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Eine duftende Bergwiese, Sonne, ein Mädchen im langen Kleid streicht über das Gras. Ein Adler schwebt über mächtige Berge. Das Kind lacht, breitet die Arme aus: wegfliegen, abheben möchte es vor Glück!

Doch Ungemach kommt schnell: Tante Dete ruft, sie bringt Heidi auf die Alp zum Grossvater. Doch der will nicht, schwingt grimmig den Spalthammer. Der Tante ist unwohl, aber sie kann das Kind nicht mitnehmen. Heidi steht dazwischen, ratlos.

Knapp sind diese Einstiegsszenen. Gesprochen wird wenig, aber das Drama ist geschickt eröffnet.

Bei den Ziegen im Stall findet Heidi Unterschlupf, immerhin gibt ihm der Grossvater am Morgen beim Melken Milch. Und scheint seinen Zorn zu hinterfragen. Denn wen würde das leise traurige Sätzlein «Die Tante will mich doch auch nicht» kaltlassen?

Trotzdem, der Alpöhi nimmt das Heidi – und uns – mit ins Dorf zum Pfarrer. Er soll schauen, ob er es bei einem Bauern oder in einem Heim platzieren kann. Waisenkind-Schicksal im 19. Jahrhundert. Heidi wie der Kinobesucherin grauts, dem Alp-öhi vielleicht auch.

Dieser Film beschwört nicht die heile Welt. Selbst wenn er uns anderntags die herrlichste Landschaft und Kinderglück auf der Alp vorführt.

Heidi darf mit Peter und den Geissen auf die Weiden hinaufziehen, die Kinder toben herum, schmieren sich Heidelbeeren ins Gesicht und dem hungrigen Buben verspricht Heidi die Hälfte ihres Zmittags, wenn er die Geissen nie wieder schlägt. Von Peter erfährt sie aber auch, warum die Leute Angst vor dem Alpöhi haben.

1880: Mit «Heidis Lehr- und Wanderjahre», erscheint das erste von zwei Heidi-Büchern von Johanna Spyri.
9 Bilder
1937: Hollywood-Kinderstar Shirley Temple spielt die amerikanische Heidi.
1950: Heidi wurde in über 50 Sprachen übersetzt: Ein amerikanisches Buchcover aus den 50ern.
1952: erscheint der erste Schweizer Heidi Film von Luigi Comencini, der nahe am Roman angelegt ist.
1974: Die japanische Adaption versetzt das Land in eine Heidi-Hysterie, die bis heute nicht nachlässt.
1978: Das Schweizer Fernsehen produziert eine 26-teilige Heidi-Serie.
1993: Walt Disney bringt eine ungeniessbare Kitschversion von Heidi ins Kino.
2007: In Walenstadt wird «Heidi – das Musical» aufgeführt.
2015: Der neue Walt Disney mit Anuk Steffen und Bruno Ganz, diesmal mit weniger Kitsch, dafür mit viel Herz.

1880: Mit «Heidis Lehr- und Wanderjahre», erscheint das erste von zwei Heidi-Büchern von Johanna Spyri.

Keystone

Kann sie ihm trauen? Soll sie ihn fürchten? «Du musst nicht alles glauben, was die Leute sagen», brummt er nur, als er das Zweifeln des Kindes spürt. Heidi muss selber, muss ganz allein entscheiden, wie sie sich verhalten soll.

Keine Kinderidylle

Solche Schlüsselszenen haben Regisseur Alain Gsponer und Drehbuchautorin Petra Volpe subtil und wirkungsvoll gebaut. Die Konflikte und Vorgeschichten haben sie gegenüber der literarischen Vorlage von Johanna Spyri etwas gekürzt und bringen sie so pointiert, aber glaubwürdig auf den Punkt.

Ihr «Heidi» ist keine harmlose Kinderidylle, sondern ein berührend erzähltes und gesellschaftlich bestens verankertes Schicksal.

Denn ist die Verpflanzung von Heidi nach Frankfurt, ins herrschaftliche Haus Sesemann, seine Stellung als Gespielin der kranken Klara nicht doch eine Chance, wie es die Tante sieht?

Es ist doch besser als das arme Leben im Dörfli. Und auch besser als das Schicksal auf Frankfurts Strassen. Wie schmutzig es ist, wie bettelarm die Leute sind, sehen wir, wenn Heidi mit Klara im Rollstuhl ausbüxt.

Und doch drückt die Engnis der gesellschaftlichen Normen, das strenge Fräulein Rottenmeier, das Leben hinter den dicken Vorhängen Heidi aufs Gemüt. Aber sie muss schweigen.

Ein grossartiges Heidi

Wie die achtjährige Anuk Steffen diesen Konflikt darzustellen vermag, wie sie Unbeschwertheit, Kummer und das gehorsame Mädchen verkörpert, das überzeugt. Körperhaltung, Mimik, ihre mal offene, mal verhaltene Sprechweise sind verblüffend gut.

Aber auch Bruno Ganz ist ein Alpöhi nach unserem Gusto: Er ist knorrig, aber nicht aufgesetzt kurrlig, er ist zupackend, aber nicht theatralisch.

Das Casting-Team hat also gute Arbeit geleistet, auch beim Geissenpeter (Quirin Agrippi) und ebenso bei der Frankfurter Grossmama mit Hannlore Hoger.

Sie und der Herr Doktor sind Schlüsselfiguren in diesem Drama. Denn wenn sie sich nicht mit Empathie über gesellschaftliche Vorurteile hinwegsetzen würden, wäre auch ein so herzensgutes und Herzen öffnendes Kind wie Heidi machtlos den Gegebenheiten ausgesetzt.

In der Zeichnung der gesellschaftlichen Bedingungen setzen Gsponer/Volpe andere Prioritäten als ihre Vorgänger. Vor allem andere als der harmlose Animationsfilm aus den 1970ern, und schärfere als die Schweizer Klassiker von Luigi Comencini und Franz Schnyder aus den 1950er-Jahren.

Zur Stimmigkeit tragen glaubwürdige Dialoge, die Musik mit nur leichter Anlehnung an Folklore bei und vor allem die sorgfältige und aufwendige Ausstattung.

Kunstschnee und zwei Lastwagen Dreck haben das bündnerische Latsch ins Dörfli aus dem 19. Jahrhundert verwandelt. Umso prachtvoller ist die Villa in Frankfurt, und selbst die Rhätische Bahn dampft historisch.

Produziert haben den Film Lukas Hobi und Reto Schaerli von Zodiac Pictures zusammen mit deutschen Koproduzenten. Auch ein weltweiter Vertrieb – bis ins Heidi-süchtige Japan – ist gesichert.

Das sind gute Nachrichten für einen guten Schweizer Film. Und wenn Hobi sagt, er habe den Film initiiert, weil er Spyris Geschichte nie ganz und richtig sah, so geben wir ihm recht. Und freuen uns über dieses «Heidi».

Es ist das richtige. Man fiebert mit im Kino, man leidet und freut sich – wie wenn man die Geschichte zum ersten Mal sehen würde.

Heidi (CH/D, 111 Min.), ab 10. Dezember im Kino.

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