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Filme auf Deutsch sparen Zeit und Kosten

In der Krise liegen Verzweiflung und Kreativität nahe beieinander. Vier neue Phänomene in der gegenwärtigen Kinolandschaft.

Es ist Sommer, und den Kinos geht es schlecht. Wie immer in dieser Jahreszeit. Nicht ganz. Gerade jetzt ist nichts wie immer. Aber anstatt zu jammern, werden gewisse Kinos und Verleiher selber aktiv.

Neue Lancierungsstrategien: Auf Christopher Nolans «Tenet» liegen die Hoffnungen der Kinobranche.

Neue Lancierungsstrategien: Auf Christopher Nolans «Tenet» liegen die Hoffnungen der Kinobranche.

Phänomen 1: Filme nur in der deutschen Synchronfassung

Sie wagen Experimente wie das Kult.Kino Basel, das «The King of Staten Island» in der englischen Originalversion mit französischen Untertiteln zeigt – die französische Variante. Die Tragikomödie von Judd Apatow, doch weiss Gott ein Name, wurde gleichzeitig auf Video-on-Demand und nur in einer deutschen Synchronfassung im Kino lanciert. Und man fragt sich, ob Universal das Potenzial des Films für den Arthouse-Bereich verkannt hat. «The King of Staten Island» über einen Mittzwanziger, der nichts auf die Reihe kriegt, ist ein eindeutig ein Crossover-Film. Einer, der sowohl im Mainstream- als auch im Arthouse-Kino funktioniert: Man macht die Entwicklung mit dem Antihelden, gespielt vom jungen Komiker Pete Davidson, gerne durch, weil die Geschichte auf eigenen Erlebnissen fusst und Herz hat. Der Humor ist geistreich und auch der weitere Cast mit Marisa Tomei und Steve Buscemi wunderbar.

Phänomen 2: Kinos werden selber aktiv

Die Neugass Kino AG mit Arthouse-Kinos in Zürich und Luzern holt Filme ins Programm, die in der Schweiz gar nicht hätten gezeigt werden sollen. «Waves» war so einer. Ein formal aufregendes Drama über eine afroamerikanische Familie, das besonders in der zweiten Hälfte eine grosse emotionale Kraft entfaltet, und ein indirekter Beitrag zur «Black Lives Matter»-Bewegung. Es ist eine Festivalentdeckung der Programmleitung.

«Waves» lief in Luzern eine Woche, in Zürich etwas länger. Kein Publikum. Obwohl bei Universal im Verleih, keine Werbung. Muss man einem solchen Film, wenn man ihm schon eine Chance geben will, nicht ein bisschen Anlaufzeit lassen? «Wir wollen anderen Filmen mit Schweizer Verleih nicht den Platz wegnehmen», erklärt Martin Aeschbach, Fachverantwortlicher Programm bei der Neugass Kino AG. Im Kult.Kino Basel hingegen läuft «Waves» immer noch. Dass ein Film bereits nach einer Woche wieder abgesetzt wird, gibt’s nicht. Zwei, drei Wochen sind das Minimum. «Das Niveau der Eintrittszahlen ist so tief im Moment, dass man nicht gross von Verdrängen sprechen kann», sagt Tobias Faust von der Geschäftsleitung. «Uns fehlen die grossen Zugpferde, die auch die nötigen Mittel in die Kasse spülen.»

Ein bisschen besser läuft’s für «The Souvenir». Das Drama lief letztes Jahr an der Berlinale und wurde direkt über den englischen Verleih importiert. Der Film, der das Gefühl einer jungen, naiven Studentin, der das Leben eine erste, richtig harte Lektion erteilt, exakt einfängt, hatte zumindest ein bisschen Presse und zieht mit einem bekannten Namen: Tilda Swinton.

Phänomen 3: Unabhängige ­Verleiher werden selber aktiv

Seit einer Woche läuft «Ava» im Kino, auch nur auf Deutsch. Ein solider Actionthriller mit Jessica Chastain als Profikillerin mit Suchtproblemen, John Malkovich als Mentor und Colin Farrell als Widersacher. Dahinter steht der in Steinhausen, Zug, beheimatete unabhängige Verleih Impuls Pictures. «Einen Film selber untertiteln zu lassen, ist mit erheblichen Kosten verbunden. Und wir wollten den Film möglichst schnell ins Kino bringen. Die Multiplexe brauchen dringend Futter im Actionbereich», sagt der Marketingverantwortliche. Die Rechte an «Ava» hat Impuls Pictures von der amerikanischen Produktionsfirma Voltage Pictures erworben. «Wenn ihr eine Möglichkeit seht, den Film zu spielen, dann macht es», hätte es von dieser Seite geheissen. In den USA startet er erst am 25.September. Mit einem grossen Studio wäre ein solcher Alleingang nicht möglich gewesen.

Rein der Namen wegen hat «Ava» auch ein gewisses Crossover-Potenzial, aber Actionfilme funktionieren in Mainstreamkinos gut auf Deutsch. Es geht um Aufwand und Ertrag. Der deutschsprachige Raum ist klein, und man fragt sich in der Branche gerade jetzt, ob es sich lohnt, für die Schweiz eigens eine Version mit deutschen und französischen Untertiteln herzustellen, wenn aus Deutschland eine Synchronfassung bezogen werden kann. Das ist mit Einsparnissen von mehreren tausend Franken verbunden. Man darf zu Recht mutmassen, dass auch Universal für «The King of Staten Island» aus Kosten- und Zeitgründen auf eine Untertitelung für die Schweiz verzichtet hat.

Die grossen Kinoketten wie Kitag oder Pathé haben in der gegenwärtigen Situation kaum Spielraum. Sie warten immer noch auf die grossen Blockbuster der US-amerikanischen Major Studios. Wird’s «Tenet» richten?

Phänomen 4: Neue Lancierungsstrategien

Für «Tenet», Christopher Nolans Actionthriller (lesen Sie die Besprechung in der «Schweiz am Wochenende»), hat Warner Bros. eine bisher einzigartige Strategie gewählt: Der US-amerikanische Grossplayer verzichtet auf einen gleichzeitigen globalen Start. Während der Film, der das Kino retten soll, am 26. August in europäischen Ländern, der Türkei oder Südkorea anläuft, gehören die USA erst zur Etappe vom 3. September – zusammen mit Kuwait und Qatar. Damit kommt Warner Bros. dem weltweiten, verzweifelten Ruf nach Blockbustern Made in US nach, geht aber auch ein erhebliches Piraterie-Risiko ein.

Man muss das Kino neu denken. Es gibt sie nicht mehr, die eine Lösung.

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