Nein, eine Königin wie Maria Stuart oder Elisabeth I. war Queen Anne nicht. Geist- und reizlos soll die letzte Königin aus dem Hause Stuart gewesen sein. Zudem launisch, mit den Staatsgeschäften überfordert und von schwerer Gicht geplagt.

Ein gefundenes Fressen für den griechischen Regisseur Yorgos Lanthimos, auf den sich seit dem Oscar-nominierten «Dogtooth», sicher aber seit «The Lobster» eine riesige Fangemeinde eingeschworen hat. Originell, düster, beunruhigend, schräg, sind Begriffe, die im Zusammenhang mit Lanthimos’ Filmen fallen. Schwarzer Humor findet sich in all seinen Filmen. War der jüngste, «The Killing Of A Sacred Deer», sein wohl bisher finsterster Film, steckt in «The Favourite» eine ganze Schiessladung davon.

«Let’s shoot something», lädt Lady Sarah, Duchess of Marlborough (Rachel Weisz), ihre Cousine Abigail (Emma Stone) zum Taubenschiessen ein. Wie die beiden ungehemmt zu ihrer Zerstreuung in die Luft ballern, ist eine von vielen überzeichneten Szenen, die die Machtverhältnisse am Hof offenlegen: Die Duchess demonstriert ihre Macht, Abigail nimmt die Herausforderung an. Doch für Lady Sarah, seit frühster Kindheit mit Queen Anne (Olivia Colman) befreundet und ihre wichtigste politische Beraterin, geht der Schuss nach hinten los – sie unterschätzt ihre Cousine gewaltig. Es dauert nicht lange, da steht die von der Magd zu Kammerzofe beförderte Abigail in der Gunst der Königin weiter oben als Sarah, zieht in deren Bett ein und im Hintergrund geschickt die Fäden.

Weibliches Triumvirat

Um die wenigen bekannten Fakten herum errichtet Yorgos Lanthimos sein ureigenes Universum. «The Favourite» ist zwar ein Kostümdrama, aber keines mit Anspruch auf historische Korrektheit. Was ihn interessiert, ist dieses weibliche Triumvirat, das Anfang des 18. Jahrhunderts weitestgehend die Geschicke des britischen Königreiches bestimmt. Man merke, mit Blick auf heute, wie wenig die Dinge sich verändert haben, meint Lanthimos: «Die Ähnlichkeiten in Sachen menschliches Verhalten, Gesellschaft und Macht sind verblüffend.»

Der Regisseur selbst bezeichnet seinen Film als Tragikomödie. Im Mittelpunkt drei Frauen, denen man trotz der ständigen Ränkeschmiederei ein Herz attestiert. Sie sind berechnend, aber auch liebenswürdig, sind Täter und Opfer.

Weisz und Colman haben schon für «The Lobster» mit Lanthimos zusammengearbeitet und laufen unter dem Regisseur, dessen Anweisungen laut Weisz «schwer fassbar, wenig konkret, dafür aber auch sehr einfach» seien, zu Höchstform auf. Man schliesst diese träge, ja oft lächerliche Königin ins Herz, denn Colman versteht es, oft nur mit Gesicht und Körperhaltung, ihr persönliches Drama sichtbar zu machen. Diese Königin hat siebzehn Kinder verloren; stellvertretend dafür stehen nur noch die Hasen, die sie in ihren Gemächern hält und die man tunlichst zu begrüssen hat, wenn man den Raum betritt. Die Rolle der toughen, intelligenten und attraktiven Sarah steht Rachel Weisz ausgesprochen gut. Genauso wie die weiche Seite, denn hier geht es um Liebe und Patriotismus und deren jeweilige Grenzen. Die US-Amerikanerin Emma Stone schliesslich spielt Abigail so, als scheine sie selber überrascht, wie gut es ihr gelingt, ihre Moral über Bord zu werfen. Alle drei Darstellerinnen wurden völlig zu Recht für den Oscar nominiert.

Höfische Dekadenz

Natürliches Licht, extreme Weitwinkel und häufige Untersicht setzen düstersatirische Akzente. Auch in der Zurschaustellung höfischer Dekadenz erinnert «The Favourite» tatsächlich an zwei Meisterwerke: Kubricks «Barry Lindon» und Greenaways «The Draughtsman’s Contract». Auch die Musik ist, wie immer bei Lanthimos, einzigartig: mal histo- risch, mal zeitgenössisch, dann wieder nur ein Zupfen, Quietschen, oder eine aufbrausende Orgel.

Nun ist dieses dekadente und frivole, lustige und überraschende, düstere und opulente königliche Vergnügen in zehn Kategorien für einen Oscar nominiert (siehe unten) und gehört damit zu den grossen Favoriten. Man wird an diesen Film garantiert sein Herz verschenken.