Montagsinterview

Jörg Schneider: «Ich bin stets fröhlich geblieben»

Volksschauspieler Jörg Schneider (80) in seiner Wohnung in Wetzikon: «War ich auf einem Tiefpunkt, habe ich mir gesagt: ‹Chumm grüble nid dra ume.›»

Volksschauspieler Jörg Schneider (80) in seiner Wohnung in Wetzikon: «War ich auf einem Tiefpunkt, habe ich mir gesagt: ‹Chumm grüble nid dra ume.›»

Der 80- jährige Schauspieler erklärt, wie er und seine Frau Romy «auf den Hund» kamen, was er im bündnerischen Rabius erlebt hat und was ein Volksschauspieler ist.

Vor zehn Tagen hat «Usfahrt Oerlike», ein sehr berührender Film über das Alter, seine Gebrechen, Einsamkeit und das Sterben, an den Solothurner Filmtagen den Publikumspreis gewonnen. In der Hauptrolle stellt Jörg Schneider packend und eindrücklich unter Beweis, was für ein grossartiger, an Facetten überaus reicher und differenzierter Schauspieler er ist. Vor zwei Tagen ist er 80 geworden. In der modernen Wohnung von Romy und Jörg Schneider in Wetzikon hat er bei einer Tasse Kaffee aus dem Nähkästchen geplaudert – trotz seiner schweren Krankheit lebhaft, munter und zwischendurch mit Augenzwinkern.

Herr Schneider, «Usfahrt Oerlike» hat in den Kinos einen fulminanten Start hingelegt.
Jörg Schneider: Wirklich? Das freut mich enorm. Dieses wunderbare Gefühl, das man empfindet, wenn man Erfolg hat, teile ich wohl mit allen Kunstschaffenden. Darüber hinaus freut es mich aber auch generell für den Schweizer Film, ist es doch sehr wichtig, dass er ein grosses Publikum findet.

Auf der Bühne konnten Sie sich selbst nie sehen – im Kino schon. Wie war das?
Beim ersten Mal habe ich «Usfahrt Oerlike» einfach so als Film angeschaut. Beim zweiten Mal habe ich darauf geachtet, wie ich gespielt habe, was ich an mir gut finde, was weniger. Ganz unbescheiden sage ich, es ist ein guter Film und ich bin auch nicht schlecht (lacht). Vor allem war auch die Zusammenarbeit mit Mathias Gnädinger grossartig. Dass er ein toller Kollege und hervorragender Schauspieler ist, hatte ich gewusst. Überrascht hat mich, was für ein feinfühliger Mensch Mathias ist.

Als Hans spielen Sie im Film Saxofon. Selber?
Nein (lacht laut)! Ich spiele kein Instrument. Das höchste der Gefühle war, dass ich einmal ein paar Griffe auf einer Gitarre beherrschte. Umso lieber hören meine Frau Romy und ich Musik. Vor allem klassische Musik bedeutet uns sehr viel, Dvorak zum Beispiel. Oft waren wir, wenn ich mal an einem Abend keine Vorstellung hatte, in der Tonhalle oder im Opernhaus, wo Mozart und die Italiener zu unseren Favoriten zählen. Dazu kommt: Ich bin ein totaler Musical-Fan. Obwohl speziell Romy, aber auch ich nie grosse ‹Reisefüdle› waren – für Musicals sind wir oft nach London und sogar nach New York geflogen.

Trailer «Usfahrt Oerlike»

Trailer «Usfahrt Oerlike»

Miller, Ihr Filmhund, stirbt gleich zu Beginn. Wie sind Sie privat «auf den Hund» gekommen, und haben Sie jetzt keinen mehr?
(Seufzt). Das ist ein Drama für sich. Jetzt, wo wir beide im Rollstuhl sind, können wir ja nicht mehr spazieren gehen. So lebt unser Vierbeiner nun bei «Adoptiveltern», kommt uns aber oft besuchen. Auf den Hund gekommen waren wir – wie könnte es anders sein – durchs Theater. Anfang der 1980er-Jahre habe ich zusammen mit Hans Möckel nach dem Kinderbuch «Ringgi und Zofi» ein Musical geschrieben. Ich war für die Rolle von Ringgi gesetzt, aber wo war ein begabter Hund? In einem Zirkus, wo gerade «Rodolfos internationale Hundeschau» gastierte, wurden wir fündig. Rodolfo konnte einen Vierbeiner entbehren unter der Bedingung, dass er ganz bei uns bleibe. Ich habe Romy angerufen, sie hat Ja gesagt und seither waren wir nie mehr ohne Hund. Das Musical haben wir zunächst im Corso-Theater gespielt und später, leicht aufgemotzt, unter dem Intendanten Claus Helmut Drese im Opernhaus.

Sind Kinder das bessere Publikum als Erwachsene?
Auf eine Art sind sie kritischer, muss man sie doch ständig bei der Stange halten und dafür sorgen, dass ihr Interesse nicht erlahmt. Kinder haben nicht wie Erwachsene den Anstand, eine Vorstellung still anzuschauen, auch wenn sie ihnen nicht gefällt. Kinder werden rasch unruhig, ranken in den Stühlen herum.

Gibt es Unterschiede zwischen einem urbanen Publikum und einem eher ländlichen?
Nein, viel mehr spielt die Zusammensetzung des Publikums eine Rolle: Sitzen zwei, drei laute Lacher im Saal, so reissen sie die übrigen Zuschauer automatisch mit. Wenn nicht, müssen wir oben halt ein bisschen mehr arbeiten (lacht). Da kommt mir grad ein aussergewöhnliches Gastspiel im Bündnerland in den Sinn: Der legendäre Produzent und Direktor des Bernhardtheaters, Eynar Grabowsky, war von der Gemeinde Rabius in der Surselva angefragt worden, ob wir eine Benefizvorstellung zugunsten des dringend benötigten Kindergartens spielen würden. Er hat zugesagt – welches Stück weiss ich nicht mehr. Wir sind hingefahren und wurden zum Essen eingeladen. Danach wollte die Kollegin Melitta Gautschi sich schon mal schminken gehen. Sie kam umgehend aufgelöst zurück: Grabo hatte zwar uns Schauspieler nach Rabius geschickt, der Technik aber keinen Bescheid gegeben. Wir hatten also keine Kulissen, keine Kostüme, keine Requisiten – nichts. Als ich vor den Vorhang trat und verkündete, dass wir deshalb nicht spielen können, lachten die Zuschauer schallend. Ich habe nochmals mein grosses Bedauern ausgedrückt – wieder grosses Gelächter. Schliesslich musste ich klar und deutlich sagen, dass dies kein komischer Anfang des Lustspiels sei, sondern eine traurige Absage.

Jörg Schneider spricht im «TalkTäglich» über seinen Alltag und die Dreharbeiten zum Kinofilm «Usfahrt Oerlike»

«Ich bin krank, aber ich kämpfe»: Jörg Schneider spricht im «TalkTäglich» über seinen Alltag und die Dreharbeiten zum Kinofilm «Usfahrt Oerlike».

Sie waren auf Tournee sehr viel unterwegs und wenig zu Hause.
Wir sind nach der Vorstellung mit dem Tournee-Bus immer nach Hause gefahren, ausser wenn wir mit einem Stück im Wallis oder ganz hinten im Bündnerland gastierten. Nach 23 Uhr ist die Schweiz ja nicht mehr gross (schmunzelt). Die Hinfahrten tagsüber hingegen haben einige Nerven gekostet.

Spielen, inszenieren, Tonaufnahmen machen, Stücke schreiben – hatten Sie überhaupt Zeit und Musse für Erholung?
Das Phänomen ist, dass die Faszination Theater für mich immer so allumfassend war, dass sie mich nie losgelassen hat. So bin ich, wenn ich selber keine Vorstellung hatte, auch als Zuschauer ins Theater gegangen. Man kann also sagen, dass ich mit meinen einseitigen Interessen ein eingleisiger Mensch bin.

Kein bisschen sportlich?
No sports! – ich halte es wie Churchill, bloss ohne Zigarre im Mund. Ich habe zeitlebens nie geraucht, einfach weil ich keine Lust darauf hatte.

Es heisst, Komödianten seien nur auf der Bühne oder im Film lustig, privat aber ernst und nicht selten bärbeissig. Auf Sie trifft das überhaupt nicht zu: Ihr Geheimnis?
Es gibt kein Geheimnis. Es wurde mir, erneut ganz unbescheiden gesagt, wohl in die Wiege gelegt, dass ich ein sympathischer Mensch sei (lacht laut). Bei allem Auf und Ab des Lebens bin ich stets fröhlich geblieben, habe allerdings Unangenehmes gerne verdrängt. War ich auf einem Tiefpunkt, habe ich mir gesagt: «Chumm grüble nid dra ume.»

Sie sind ein Volksschauspieler. Was genau ist das?
Ein Schauspieler, der nicht in abgehobenen Regionen thront, sondern für die Zuschauer da ist und auch privat Kontakt zu ihnen hat. Ich werde oft auf der Strasse angesprochen, allermeistens auf sehr anständige Weise. Wenn mal jemand allzu sehr fraternisiert, bremse ich ihn nett, aber bestimmt. Zu einem so grossen Schauspieler wie Bruno Ganz sagt kein Mensch auf der Strasse «du bisch denn geschter huere guet gsi». Dabei tut ein solches Kompliment doch einfach gut.

Haben Sie noch Kontakt zu Ines Torelli, die nach Kanada ausgewandert ist?
Wir telefonieren oder mailen ab und zu. Mit Ines habe ich wunderbare Zeiten erlebt. Es gibt nur wenige Kollegen und Kolleginnen, mit denen ich so oft auf der Bühne stand und zugleich freundschaftlichen Kontakt gepflegt habe. Der leider viel zu früh verstorbene Paul Bühlmann ist mir ebenfalls sehr nahe gestanden.

Hat das Dialekt- respektive Volkstheater noch Zukunft?
Irgendwie wird es wohl nie ganz untergehen, obwohl sich das Unterhaltungsbedürfnis stark gewandelt hat. Die Jungen wollen heute nicht mehr zwei Stunden lang ein Stück ansehen. Sie ziehen eine halbe Stunde mit Comedians, die ihre Show abziehen, vor. Diese erfüllen die Erwartungshaltung nach total lockerem Vergnügen, indem der Zuschauer meistens schon weiss, welcher Gag als Nächstes kommt.

Sie haben unzählige Rollen gespielt. Gab es eine Lieblingsrolle?
Gar so viele sind es nicht gewesen, weil wir die meisten Stücke ja 100 oder 150 Mal en suite gespielt haben. Ich habe jede Rolle gerne gespielt, jedenfalls keine einzige ungern. Ach ja (schmunzelt), einmal hatte ich einen kapitalen Hänger. Das war 2002 bei einem Gastspiel mit Becketts «Aendspiil» in Aarau. Ich hatte ein totales Blackout und mein Bühnenpartner Walter Andreas Müller musste textlich ganz schön rudern, denn bei Beckett hilft kein logisches Denken.

Zum Schluss noch eine brennende Frage: Was ist das Geheimnis von Kasperli, dass er Kinder seit Generationen fasziniert?
Weil er ein Held ist, aber kein perfekter – ein Lausbub, der auch mal lügt und auch mal aufs Dach bekommt. Er ist politisch zwar unkorrekt, aber man kann sich mit ihm identifizieren, genau betrachtet auch wir Erwachsenen.

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