Zurich Film Festival

Melissa Leo: «Jeder kann sagen, ob es feiner Stoff ist oder Mist»

«Wir wollen doch alle das Gleiche: Die Leute dazu bewegen, ins Kino zu gehen: Melissa Leo.Keystone

«Wir wollen doch alle das Gleiche: Die Leute dazu bewegen, ins Kino zu gehen: Melissa Leo.Keystone

Die US-Schauspielerin Melissa Leo sitzt in der Jury der Zürich Film Festival. Als Schauspielerin wisse sie was der Unterschied sei zwischen ihrer Meinung und dem, was man auf der Leinwand sieht.

Als Jurorin beurteilen Sie die Spielfilme im internationalen Wettbewerb des Zurich Film Festival. Haben Sie da ähnliche Kriterien wie bei der Auswahl ihrer Rollen?

Melissa Leo: Nein, eigentlich nicht. Der Jury-Job bedeutet grosse Verantwortung. Als einst «Frozen River» ausgezeichnet wurde – ein kleiner Film, in dem ich die Hauptrolle spiele –, hat das mein Leben verändert. Nun schaue ich mir in Zürich Filme an, und auch wenn einer nicht wirklich gut ist, respektiere ich die Arbeit und das Herzblut. Aber das alles zu beurteilen? Schwierig. Meinungen oder Geschmack zählen nicht. Was zählt, ist Qualität. Die ist unverkennbar. Jeder kann ein Tuch berühren und sagen, ob es aus feinem Stoff ist oder Mist.

Haben Sie eine Strategie, wie Sie als Jurorin vorgehen?

Nein. Kino ist mein Beruf, da schaue ich nicht noch ständig Filme. Aber ich vertrete sehr klare Meinungen und lasse mich nicht von Unsinn beeindrucken. Ob ein Schauspieler berühmt ist oder nicht, zählt weniger als seine Arbeit. So gesehen, schaue ich Filme völlig unvoreingenommen. Ich vertraue auf mein Bauchgefühl, denn klug bin ich nicht. Ich lese nicht sehr viele Bücher.

Wie können Sie eine starke Meinung haben und gleichzeitig sagen, dass jeder gute Qualität erkennt?

Weil ich als Schauspielerin weiss, was der Unterschied ist zwischen meiner Meinung und dem, was man auf der Leinwand sieht. Ich frage: Versteht man die Absicht des Regisseurs? Ist sie klar? Man muss versuchen, den Film zu sehen, den der Regisseur gedreht hat. Wenn ich mit anderen Juroren diskutiere, nehme ich meine Meinungen zurück. Sie fallen weit weniger ins Gewicht als das, was wir alle gesehen haben.

Einige Filmkritiker würden Ihnen hier sicher widersprechen.

Gut, aber wieso spannen Filmemacher und Kritiker nicht öfter zusammen? Wir wollen doch alle das Gleiche: Die Leute dazu bewegen, ins Kino zu gehen. Es gibt vielleicht eine Handvoll Kritiker, deren Ansichten gewürdigt werden. Alle anderen haben einfach eine Meinung.

Auf den Thriller «Prisoners» können sich fast alle einigen. Dessen Qualität scheint unverkennbar.

Ja, obschon die Geschichte kompliziert ist und düster. Sie handelt von Kindesentführung, etwas Schlimmeres kann Eltern gar nicht zustossen. Soll man das in Unterhaltung verwandeln? Aber wenn Denis Villeneuve das Steuer übernimmt, dann übertrumpft die Kunst die Story.

Regisseur Denis Villeneuve stammt aus Quebec und war mit «Incendies» für einen Oscar nominiert. Wie war es, mit ihm zu drehen?

Sein Englisch ist recht gut, trotzdem gab es eine Sprachbarriere. Das hat uns aber genützt, denn so mussten wir uns anstrengen, damit wir einander verstehen. Beim Dreh merkte Villeneuve immer, was die Leute um ihn herum leisten. Im Gegensatz zu anderen Regisseuren. Die kommen als Könige aufs Set und rufen: «Wieso vermasselst du meinen Film?»

«Prisoners» handelt auch von einer kaputten Wirtschaft und vom Zorn auf Gott. Behalten Sie solche Themen während der Dreharbeiten im Hinterkopf?

Das übernimmt der Regisseur. Mein Job ist es, die Figur in der Realität zu verwurzeln. Ob ich einverstanden bin mit dem, was sie tut – darauf kommt es nicht an. Ich stelle dem Regisseur den Charakter vor und er gibt ihm die Form, die er für den Film braucht. In «Prisoners» spiele ich die Tante des mutmasslichen Kidnappers, und gern hätte ich sie als süsse alte Lady interpretiert. Aber Villeneuve sagte: «Nein, sie bleibt den ganzen Film über finster.»

Sie tragen im Film auch schreckliche Rollkragenpullover.

Ja, Kostüme sind wichtig; sie können einen Charakter stark beeinflussen. Ich habe vorgeschlagen, dass meine Figur einen grösseren Hintern brauchen könnte. Mir wurde dann ein wunderschöner Po aus Schaumgummi gefertigt.

Können Sie Ideen einbringen?

Ach, ich bin nur Schauspielerin auf Abruf. Wichtig ist, dass man lernt, eine grosse Bandbreite an Rollen zu spielen. So sichert man sich eine lange Karriere. Aber selbst wenn mein Agent anruft und sagt, dass ich eine Rolle bekommen habe, traue ich der Sache noch nicht. Erst wenn die Kostümbildner nach meiner Kleidergrösse fragen, weiss ich: Ich bin dabei.

Prisoners Ab 3. 10. im Kino

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1