Kino
Michael Moore: «Gier ersetzt in den USA seit den 80er-Jahren das ‹Wir›»

Der berüchtigte Dokumentarfilmer Michael Moore suchte in Europa nach Rezeptenfür ein besseres Amerika – um die Schweiz machte er allerdings einen Bogen.

Benno Tuchschmid
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Am 2. Februar 2016 kommt Michael Moores neuer Film «Where to Invade Next» in die Kinos.Dog Eat Dog Films

Am 2. Februar 2016 kommt Michael Moores neuer Film «Where to Invade Next» in die Kinos.Dog Eat Dog Films

Dog Eat Dog Films

Michael Moore verlässt mit einer grosskalibrigen Waffe fuchtelnd eine amerikanische Bank. Die Waffe war das Willkommensgeschenk für eine Kontoeröffnung. Es sind Szenen wie diese aus dem Film «Bowling for Columbine», die den US-Dokumentarfilmer weltberühmt gemacht haben. In seinem neuen Film «Where to Invade Next» erobert er als Ein-Mann-Armee europäische Länder und klaut Ideen, um diese zurück in die USA zu bringen.

Damit zieht Moore zum ersten Mal in einem Film nicht gegen ein grosses Feindbild ins Feld, sondern wählt einen positiven Ansatz. Staunend fragt sich Moore vor der Kamera in verschiedenen Ländern durch europäische Selbstverständlichkeiten wie bezahlte Ferien, kostenlose Bildung und ein fortschrittliches Justizvollzugsystem.

Am Telefon wollte Moore dann allerdings zuerst einmal über die Schweizer Armee reden.

Herr Moore, Sie sind in verschiedene europäische Länder einmarschiert, um Ideen zu klauen, die den USA helfen könnten. Die Schweiz haben Sie ausgelassen. Wir sind beleidigt.

Michael Moore: (lacht) Es tut mir Leid. Dabei hätte es einige Dinge gegeben, die wir aus der Schweiz hätten mitnehmen können.

Was denn?

Schokolade. Ist es eigentlich immer noch wahr, dass es in der Schweiz kein stehendes Heer gibt und jeder Soldat seine Waffe zu Hause aufbewahrt?

Ja.

Und Sie haben eine der höchsten Mordraten in Europa?

Nein, aber eine hohe Suizidrate.

Ach so. Dann habe ich die Mordrate mit der Zahl der Todesfälle durch Schusswaffen vermischt. Es ist jedenfalls nie gut, zu viele Waffen rumliegen zu haben.

Dafür findet man in den USA fast noch mehr Beweise als in der Schweiz.

Absolut. Wir haben 30 000 Schusswaffentote pro Jahr. 15 000 bis 20 000 davon sind Suizide.

Wir sprachen gerade von einer nicht allzu schmeichelhaften Schweizer Realität. Sie aber zeichnen in ihrem Film ein Bild von Europa als Kontinent der tollen Ideen: ein Arbeitnehmerparadies, wo man jährlich acht Wochen bezahlte Ferien und gratis Spitzenbildung erhält. Etwas einseitig, nicht?

Das war die Idee. Es sollte ein einseitiger Film werden. Ich interessiere mich nicht für eure schlechten Ideen, sondern für die guten. Nehmen wir an, ein Schweizer Filmemacher dreht eine Dokumentation über das Silicon Valley und all die tollen Erfindungen, die in den letzten 30 Jahren aus dieser Gegend kamen. Kann man ihm dann vorwerfen, dass er nicht thematisiert, dass täglich vier Menschen in den USA in Schiessereien sterben?

Nein.

Nein, weil es nichts mit der Erfindung des iPhones zu tun hat. Es gibt viele
positive Aspekte in den USA und es ist nichts falsch daran, diese herauszustreichen und den Schweizern zu erläutern: Die Amerikaner machen vieles gut. Das schliesst aber nicht aus, dass wir auch vieles sehr schlecht machen. Das Letzte, was Sie wollen, ist einen Amerikaner, der nach Europa kommt, und mit dem Finger auf euch zeigt.

Und trotzdem: Nach Ihrem Film hat man den Eindruck, dass in Europa alles und in den USA nichts gut ist.

Ihr seid nicht besser, ihr habt dieselben Chromosomen wie wir. Aber ich glaube, dass ihr Europäer trotz eurer Vergangenheit und einiger sehr grosser aktueller Probleme einige Dinge wunderbar löst. Es gibt ein europäisches Wertesystem, in dem das «Wir» und nicht das «Ich» im Vordergrund steht. Das will ich den Amerikanern zeigen.

Wo ist das «Wir» in den USA?

Es ging verloren. Gier ersetzt in den den USA seit den 80er-Jahren das «Wir». Damals begann eine lange, dunkle Phase. Unter anderem dank Politikern wie Ronald Reagan. Ich will damit nicht sagen, dass davor alles in bester Ordnung war. Wir hatten die Segregation, die Sklaverei und bis 1920 konnten Frauen nicht abstimmen. Aber wir hatten einst auch das beste öffentliche Bildungssystem der Welt. Das liessen Politiker verfaulen.

Barack Obama wollte «Change». War er erfolgreich?

Er hat das Blutvergiessen der vorhergehenden Administrationen gestoppt. Aber es gibt viele Enttäuschte, die glauben, er hätte viel mehr tun können.

Und trotzdem sind Sie in Ihrem Film optimistisch. Wieso eigentlich?

Weil ich glaube, dass die Menschheitsgeschichte aus Fortschritt besteht. Manchmal geht es zwei Schritte zurück, aber generell befinden wir uns in einer Vorwärtsbewegung. Die Sklaverei wird es in den USA nie mehr geben, auch das Frauen-Stimmrecht bleibt.

Donald Trump könnte der nächste Präsident werden. Das wären dann mehrere Schritte rückwärts.

Ja, leider ist das möglich.

Ist es wirklich möglich?

Ja, aber nur wenn die Demokraten zu Hause bleiben und nicht abstimmen.
81 Prozent der US-Bevölkerung ist entweder weiblich, gehört einer Minderheit an oder zwischen 18 und 25 Jahre alt. Trump hatte jede einzelne dieser Bevölkerungsgruppen signifikant beleidigt. Das sind denkbar schlechte Voraussetzungen, um Präsident zu werden.

Dann ist da noch Bernie Sanders ...

Er hatte mal 3 Prozent in den Meinungsumfragen und jetzt liegt er mit Hillary Clinton gleichauf. Das ist Wahnsinn. Ein Mann, der sich Sozialist nennt. In den USA. Das stimmt mich sehr optimistisch.

Where to Invade Next (USA 2015). 110 Minuten. Regie: Michael Moore. Jetzt im Kino.

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