Neuer Dokumentarfilm
Khashoggis Verlobte: «In Saudi Arabien werden die Menschen einen Weg finden, diesen Film zu sehen»

Fast zu schmerzhaft für einen Film: Nun gibt es einen Dok über den Mord am saudischen Journalisten Jamal Kashoggi. Wir haben seine hinterbliebene Verlobte Hatice Cengiz gefragt: Worin liegen ihre Hoffnungen?

Daniel Fuchs
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«Harmonisch und voller Zuneigung»: Hatice Cengiz auf einem Selfie mit ihrem Verlobten Jamal Khashoggi (†59).

«Harmonisch und voller Zuneigung»: Hatice Cengiz auf einem Selfie mit ihrem Verlobten Jamal Khashoggi (†59).

Bild: DCM Film

Jeder Tag mit Jamal war unvergesslich, sagt Hatice Cengiz gegenüber dieser Zeitung. Er, der in seiner Heimat Saudi-­Arabien verstossene Journalist Jamal Khashoggi, lebte im US-Exil. Sie, die türkische Akademikerin, in Istanbul. «An jenem Tag holte ich ihn vom Flughafen ab. Wir gingen in mein Haus, frühstückten gemeinsam, er war sehr relaxt.»

Hatice Cengiz ­beschreibt eine harmonische Beziehung auf Augenhöhe. Voller Liebe und Zuneigung. Die kurz darauf zerbrach. Auf entsetzliche Weise. Ausgerechnet am Tag, an dem einer Heirat nichts mehr im Weg stehen sollte. Dem 2. Oktober 2018.

Für die Hochzeit brauchte Khashoggi bloss ein paar Papiere aus seiner Heimat, die Bestätigung, dass die Ehe mit seiner Ex-Frau, die er mitsamt den gemeinsamen Kindern in Saudi-Arabien zurücklassen musste, geschieden war. Er wollte sie im saudischen Konsulat in Istanbul abholen, ein ganz normaler Behördengang. Nur dass Khashoggi davon nie mehr zurückkehrte.

Hoffen auf Mut der Menschen in Saudi-Arabien

Wie der saudische Insider und Journalist, mehr ein Reformer denn ein Oppositioneller, im Königreich in Ungnade fiel, welcher Propagandakrieg auf Twitter um Saudi-Arabien tobt und wie erdrückend die Beweise sind im Mordfall Khashoggi – das alles thematisiert der neue Dokumentarfilm «The Dissident» des US-Filmemachers Bryan Fogel.

Seine Recherche sollen etwas in Gang setzen, so der Anspruch des Regisseurs, den diese Zeitung zusammen mit Hatice Cengiz im Rahmen des vergangenen Zürcher Filmfestivals ZFF zum Gespräch getroffen hat. Dort feierte «The Dissident» Schweizer Premiere. Nun kommt der Film zu iTunes und Co. Grosse Streaminganbieter wie Netflix wollten sich nicht die Hände daran verbrennen.

Thronprinz Mohammed bin Salman (links) auf einem Foto mit Jamal Khashoggi (rechts).

Thronprinz Mohammed bin Salman (links) auf einem Foto mit Jamal Khashoggi (rechts).

Bild: DCM Film

Die Fakten sind bekannt. Bahnbrechendes deckt Fogel, der mit seinem oscargekrönten Vorgängerfilm «Ikarus» (2017) einen Dopingskandal bei den Olympischen Spielen in Sotschi auslöste, diesmal nicht auf. Mit seinem Zugang rückt «The Dissident» die brutale Tat jenes Oktobertags 2018 jedoch in einen weniger bekannten Kontext.

«The Dissident» wirkt wie ein Thriller, dabei ist er vor allem eine Liebesgeschichte. Und das ist Nummer eins von drei hervorzuhebenden Aspekten. Fogel sagt:

«Ich will, dass die Zuschauer sich in Jamal und Hatice verlieben.»

Nur über die Empathie, ist er überzeugt, werde sich etwas wandeln im saudischen Königreich und im Umgang der internationalen Gemeinschaft damit. Zwei Wochen nach der Tat gab Saudi-Arabien zu, Khashoggi wurde getötet. Nicht aus Vorsatz. Die türkischen Ermittlungen zeichnen ein anderes Bild. Doch so klar es ist, wer hinter dem Attentat steckt, so wenig haben die Drahtzieher – der saudische Thronfolger Mohammed bin Salman selbst soll dahinter stecken – zu befürchten. Die Monarchie ist stabil, der Westen auf gute Beziehungen bedacht. Hier schauen wir erst angewidert zu – und dann beschämt weg.

Der Film richtet sich auch an die Direktbetroffenen des Regimes selbst. Trotz Zensur sind Hatice Cengiz und Bryan Fogel voller Hoffnung: «Die Menschen in Saudi-Arabien werden einen Weg finden, um an den Film zu kommen.»

Exklusiven Zugang hatte Fogel nicht nur zur Verlobten, sondern auch zu türkischen Ermittlern. Was also passierte im Konsulat? Das wurde hoch- und runtergeschrieben. Im Film kann man das Eigentliche sogar mithören. Nicht viele Menschen sind in Besitz der Audiodateien, die den Mordplan und die Tat beweisen sollen. Fogel erhielt sie von den Türken, die den Konferenzraum verwanzt hatten, in dem sich das Verbrechen zutrug. Die entsprechenden Filmpassagen hinterlassen einen dicken Kloss im Hals.

Saudischer Propagandakrieg auf Twitter

Vertrauen baute Fogel drittens zu einem anderen saudischen «Dissidenten» auf, dem Aktivisten Omar Abdulaziz, der im Exil in Kanada lebt. Er ist der Kronzeuge Fogels, wenn es darum geht, wie Jamal Khashoggi auf der Beseitigungsliste seines Heimatlands landete. Omar und seine Mitstreiter bauten eine Art Twitter-Armee auf.

Sie bekämpft die Trolle, die im Auftrag der saudischen Herrscher kritische Stimmen auf dem fürs Land wichtigen Online-Nachrichtendienst mit Propagandamaterial überziehen. Jamal Khashoggi erhob seine kritische Stimme. Omar stand ihm bei. Und bezahlt einen hohen Preis: Natürlich fürchtet er um sein Leben und in Saudi-Arabien büsst dessen jüngere Bruder für seinen Aktivismus mit Gefängnis.

«The Dissident» (USA 2020, 118 Min.). Ab 16. April bei myfilm.ch, iTunes, Teleclub u.a.

Hier geht's zum Trailer:

Trailer zu «The Dissident».

Quelle: Youtube

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