Interview

Schauspielerin Zahraa Ghandour: «Bagdad ist meine Stadt, und ich werde bleiben»

Zahraa Ghandour am Locarno-Filmfestival.

Zahraa Ghandour am Locarno-Filmfestival.

Die irakische Feministin Zahraa Ghandour spricht über ihre Rolle in Samirs Film und ihr Leben als berufstätige, unverheiratete Frau.

Zahraa Ghandour, 1991 in Bagdad geboren, arbeitet als Filmemacherin, TV-Moderatorin und Schauspielerin. Sie engagiert sich in Frauenrechtsorganisationen. In Samirs Film «Baghdad In My Shadow» spielt sie eine untergetauchte Ehefrau, Amal, die im Café Abu Nawas im Exil in London als Kellnerin arbeitet.

Ghandour lebt in Bagdad und erlebt die aktuellen Proteste gegen die Regierung hautnah. Wir haben anlässlich der Filmpremiere in Locarno im August mit ihr gesprochen. Unsere Fragen zur aktuellen Lage in ihrer Heimatstadt – immer wieder kommt es bei den Protesten zu Toten – konnte sie bis Redaktionsschluss nicht beantworten.

Das Café im Film ist ein Ort der Freiheit, wo die Sorgen beiseitegelegt werden. Aber dieser Ort wird von aussen bedroht. Kennen Sie solche Orte in Ihrem echten Leben?

Zahraa Ghandour: Es gibt solche Orte in Bagdad, Wohnungen von Freunden, ein Lieblingscafé, wo wir uns alle treffen. Ich kann Ihnen von meinem Lieblingscafé erzählen.

Gerne.

Es befindet sich im Stadtteil Karrada, den ich am Ende des Filmes erwähne. Die Zeile stammt von mir, ich wollte, dass die Welt von Karrada erfährt. Dort treffen sich die jungen Leute, um zu diskutieren, und auch viele Protestbewegungen haben hier ihren Ursprung. In Karrada gibt es ein sehr altes Café, das für viele Jahre Männern vorbehalten war. Vor etwa zehn Jahren haben wenige junge Frauen angefangen, hinzugehen. Ich schätze mich sehr glücklich, zu den vielleicht ersten drei zu gehören. An einem Abend im Jahr 2014, das Lokal war gut gefüllt, sprengte sich ein Selbstmordattentäter im Café in die Luft. Der Bruder des Besitzers und andere unschuldige Menschen starben bei diesem Anschlag. Ein paar meiner Freunde verliessen daraufhin das Land.

Stellen Sie sich selbst auch die Frage, ob Sie emigrieren sollen?

Diese Frage stellt sich mir immer in solchen Momenten. Meine besten Freunde leben nun in Wien und in Kanada. Aber eigentlich steht sie immer im Raum, auch dann, wenn ich Schwierigkeiten bei der Arbeit habe, nur, weil ich eine Frau bin. Was häufig vorkommt. Ich will zwar die Welt sehen, aber ich möchte niemals ein Flüchtling sein – ich habe viele solcher Schicksale dokumentiert. Bagdad ist meine Stadt, und ich werde bleiben. Es hat Jahre gebraucht, um zu dieser Entscheidung zu gelangen.

Sie haben gezögert, die Rolle anzunehmen.

Das habe ich, und wie! (lacht) Nun, ich habe gezögert, weil ich nicht auswandern will. (lacht) Und weil ich um mein Leben fürchte. Auch wollte ich die schöne Beziehung zu meiner Familie nicht aufs Spiel setzen – dafür ist es jetzt zu spät. Ich bin die erste irakische Schauspielerin, die im Irak lebt und in einen solchen Film involviert ist, eine kühne Rolle hat und intime Szenen. Das macht Angst. Je mehr ich aber Nein sagte zu einer Szene, desto mehr fühlte sich Samir darin bestätigt, sie unbedingt im Film haben zu müssen.

Der Regisseur versetzte Sie in eine schwierige und gefährliche Lage.

Ich hatte die Option, Nein zu sagen. Und er hatte die Option, an dem festzuhalten, was er geschrieben hat.

Warum haben Sie es schliesslich trotz so grossem Risiko doch getan?

Wollen Sie das wirklich hören? (lacht) Einen Monat vor Drehbeginn bin ich ausgestiegen. Ich hatte meine Familie noch nie zuvor derart wütend erlebt, jeden Tag gab es Streit. Ich wusste, es würde mein Sozialleben, meine Familie und meine Arbeit beeinflussen. Und doch fühlte ich mich wie eine Lügnerin. Ich bin mit Filmen aufgewachsen und glaube an die Kunst, möchte eines Tages selbst bei Spielfilmen Regie führen. Aber wenn ich an der Reihe bin, verhalte ich mich wie ein Feigling? Das hätte mich quasi zu einem Teil dessen gemacht, wogegen ich ankämpfe. Wir Frauen müssen zeigen, dass wir keine Angst haben.

Und doch haben Sie Angst.

Jeden Tag, wenn ich ein Taxi nehme, beschleicht mich das Gefühl, dieser Typ könnte mich irgendwohin mitnehmen. Doch es gibt Leute, die etwas tun, Männer und Frauen. Die Freiheit der Frau hängt jedoch vom Mann ab. Wenn dieser aufgeschlossen ist, lässt er seine Frau arbeiten. Aber nicht einmal im Kunstbereich ist das Normalität.

Wie sieht es mit der sexuellen Freiheit der Frau im Irak aus? Ist die Antibabypille weit verbreitet?

Die Pille steht für irakische Frauen nicht zur Diskussion! 99 Prozent der verheirateten Frauen haben ein Jahr nach der Heirat ein Baby, ich übertreibe nicht. Wenn nicht, heisst es gleich: Was stimmt mit der nicht?

Sie sind nicht verheiratet. Ist das denn eine Option?

Ich werde andauernd damit konfrontiert. Vonseiten der Familie schwingt auch Mitleid mit. Zu heiraten und sich wieder scheiden zu lassen, ist besser, als nicht zu heiraten.

Wenn eine Irakerin im Exil in London lebt, wie Amal im Film, ist es ihr wirklich nicht erlaubt, einen Engländer zu heiraten?

Meine Figur Amal lebt in der irakischen Community in London, ihr Verhalten wird beargwöhnt. Ich war selber in einer Beziehung mit einem Ausländer, und meine weltoffenen Freunde haben mich schief angesehen. Es gibt eine irrationale Eifersucht im Sinn von: Irakische Frauen gehören uns.

Meistgesehen

Artboard 1