Kabarett
WAM ist sauer auf TV-Bosse: «Sparen, das ist eine fantastische Ausrede»

Der Schauspieler Walter Andreas Müller kann nicht nachvollziehen, dass das Schweizer Fernsehen sein Sendegefäss «Telefon ins Bundeshaus» absetzt. Es sei paradox, dass man anderes im Programm lasse, das teurer produziert werde, sagt er.

Reinhold Hönle
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Walter Andreas Müller (Archiv)

Walter Andreas Müller (Archiv)

Keystone

Sind Sie ein Mann, der sich auch in Öffentlichkeit zu weinen getraut?

Walter Andreas Müller: Absolut, ich finde es absolut legitim und sehr positiv, weil es von Emotionen und Sensibilität zeugt. Bei Musicals oder Theaterstücken, die bewegend enden, wische ich mir die Tränen jedoch meist verstohlen aus den Augen, bevor das Licht im Saal wieder angeht.

Wie viele Tränen werden fliessen, wenn Sie in den nächsten Tagen die letzten «Telefon ins Bundeshaus» und «Zweierleier» aufnehmen?

Wahrscheinlich werden die starken Gefühle erst im Nachhinein hochkommen. Wir stecken im Moment auch noch voll in den Vorbereitungen für die fünf Live-Abende «Zweierleier». Birgit leidet aber schon jetzt sehr stark unter den Absetzungen. Hauptsächlich im Moment, in dem die Mitteilungen kamen, war der Schock gross. Vor allem beim Fernsehen, weil ich sie nicht nachvollziehen kann.

Wie lautet denn die Begründung?

Sparen, das ist eine fantastische Ausrede, hinter der man sich verstecken kann. Was mich besonders ärgert, ist, dass wir ein Schreiben von «Benissimo»-Regisseur Max Sieber bekommen, in dem er schwärmt, wie fantastisch unsere Leistung sei, uns aber im nächsten Satz abschiesst. Es ist doch paradox, wenn man gleichzeitig anderes im Programm lässt, das sehr viel aufwändiger und teurer produziert wird!

Und was sagt DRS1?

Da möchte man nach 28 Jahren wieder einmal neue Wege beschreiten. Das finden wir auch legitim, zumal es für uns immer schwieriger wurde, zusätzliche gute Autoren zu finden. Ich hätte es nur gerne nochmals auf eine runde Zahl gebracht.

Unlogisch erscheint die doppelte Absetzung insbesondere, da SRF enorm Wert auf Swissness und Tradition legt und dann gleich zwei beliebte Sendungen, welche diese Kriterien erfüllen, aus dem Programm wirft.

Das geht mir auch so. Ich konnte es schon nicht verstehen, dass man «Classe Politique» den Sendeplatz nach «Giacobbo/Müller» nahm und uns stattdessen einer Samstagabendshow einpflanzte, wo wir mit unserer satirisch-parodistischen Arbeit überhaupt nicht zu den gespielten Witzen der Friends passen.

Wie dürfte ein nüchterner Vergleich der Kosten ausfallen?

Ich weiss es nicht. Ich kann nur sagen, dass Birgit und ich unsere differenzierte und diffizile Arbeit zu einem verhältnismässig bescheidenen Honorar leisten.

Wer weiss, vielleicht ist die Miete der Räume im Bundeshaus so teuer?

Dann wären es aber die Kulissen im Studio, vor denen die Bundesrats-WG gefilmt wird! (lacht) Wir durften nur einmal im Bundeshaus drehen, und auch nur in den Wandelhallen – nicht in den «allerheiligsten» Sälen. Da stellte sich die Eidgenossenschaft wohl zu Recht quer.

Hat der Bundesrat wenigstens für Ihre Parodisten lobbyiert?

Schön wärs, aber vermutlich ist noch gar nicht bis zu ihm vorgedrungen, dass «Telefon ins Bundeshaus» am 21.Januar letztmals ausgestrahlt wird. Wir haben jedoch ein sehr gutes Verhältnis zu den Bundesräten, von denen sich die meisten schon in irgendeiner Form bei Birgit oder mir gemeldet und ihrer Freude über unsere Parodien Ausdruck verliehen haben.

Mit welchem Bundesrat, den Sie parodiert haben, würden Sie am liebsten eine Woche Ferien verbringen?

Hans-Ruedi Merz hat mich einmal zu einem Mittagessen eingeladen. Das war ein unwahrscheinlich anregendes Gespräch. Er ist ein sehr interessanter Mensch, der viel von seiner früheren Zeit zu erzählen hat. Mit ihm könnte ich mir vorstellen zu reisen.

Was an den abgesetzten Sendungen wird Ihnen am meisten fehlen?

Ganz klar: Birgit. Wir sind im Laufe von über dreissig Jahren zu einem Team zusammengewachsen. Sie wurde zu meiner besten Freundin und liebsten Kollegin. Sie hat eine intuitive Gabe, alles gleich auf den Punkt zu bringen und Dinge zu entdecken, mit denen wir noch mehr aus den Pointen herausholen können.

Weshalb wollte Birgit Steinegger trotzdem – auch mit Ihnen – kein Interview geben?

Ich kann verstehen, dass sie nicht nachvollziehen kann, dass man uns absetzen und gleichzeitig hochjubeln will. Sie möchte lieber weitermachen, als mit grossem Brimborium verabschiedet zu werden.

Was macht Ihnen Mut?

Ich habe im Laufe meiner Karriere im Radio und Fernsehen oft Absetzungen erlebt. Ich wurde als DRS1-Moderator abgesägt, weil man plötzlich junge Stimmen wollte. Weil die Hörer mich vermisst haben, kann ich heute immerhin wieder das Wunschkonzert auf der DRS Musikwelle moderieren. Auch «Adam & Eva Chifler», «Fascht e Familie» und «Lüthi & Blanc» hat man abgesetzt, obwohl sie noch erfolgreich waren. Aber ich habe gelernt, damit zu leben, und weiss aus Erfahrung, dass immer irgendwo ein Türchen aufgeht.

Sie halten es mit Udo Jürgens: «Mit 66 Jahren ist noch lang noch nicht Schluss» ...

Sogar noch besser: «Da fängt das Leben an!» (lacht) Ich finde es fantastisch, dass man in diesem Beruf nie pensioniert wird. Solange Geist und Körper mitmachen, kann man bis zu seinem Tod spielen und sich weiterentwickeln – siehe Stephanie Glaser. Sie ist mein Vorbild.

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