Solothurner Filmtage

Was lief im Irak falsch?

«Iraqi Odyssey» in 3-D: Seine Halbschwester erzählt von Missständen im Irak, Regisseur Samir hinterlegt das mit passenden Archivaufnahmen.

«Iraqi Odyssey» in 3-D: Seine Halbschwester erzählt von Missständen im Irak, Regisseur Samir hinterlegt das mit passenden Archivaufnahmen.

In der Dokumentation «Iraqi Odyssey» findet Samir in seiner eigenen Familie Antworten auf das Volkstrauma.

Die Schneeflocken peitschen uns ins Gesicht und mit den Füssen versinken wir im kalten Weiss. Doch nachdem wir uns endlich vom Festivalzentrum zum entlegenen Kino Canva durchgekämpft haben, nimmt die Vorfreude überhand: Endlich kriegen wir Samirs epische Dokumentation «Iraqi Odyssey» in ihrer Endfassung zu sehen! Im September hatte der Zürcher Filmemacher am Zurich Film Festival noch eingestehen müssen, dass die 3-D-Effekte weitere Arbeit benötigten. Also lief sein Film dort nur als Work-in-Progress.

So sind nun die Solothurner Filmtage zur Ehre gekommen, die Schweizer Premiere von «Iraqi Odyssey» zu veranstalten. Und der Abend ist ein voller Erfolg. Der grosse Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt, und Samir kann nach 163 mitreissenden Minuten den tosenden Applaus der Zuschauer mit sichtlichem Stolz entgegennehmen. Mit Recht! Denn Samir, der 1955 in Bagdad geborene Sohn eines Irakers und einer Schweizerin, hat etwas ganz Wunderbares vollbracht: Er hat einen Film geschaffen, der unglaublich persönlich ist und gleichzeitig die Seele eines ganzen Volkes einfängt.

Ein Volk, zerstreut in alle Welt

Am Beispiel seiner eigenen Familie ergründet Samir, wie der einst weltoffene Irak während der letzten 100 Jahre im Zuge weltpolitischer Verstrickungen an den Rand der Zerstörung getrieben wurde. Er interviewt seine Onkel, Tanten und Cousinen, die vor dem Saddam-Hussein-Regime in die weite Welt hinaus flohen – nach Neuseeland, Frankreich, Russland, in die USA und in die Schweiz.

Um die Übersicht zu wahren, lässt uns Samir immer wieder schwerelos durch die vielen Verästelungen seines Stammbaums schweben. Der Zusatzaufwand für die 3-D-Effekte hat sich gelohnt, das zeigt sich auch in den Interviewsequenzen: Statt seine Gesprächspartner vor einer biederen Wand erzählen zu lassen, hinterlegt er ihnen passende, aufwändig recherchierte Archivaufnahmen. So entwickelt «Iraqi Odyssey» eine unheimliche Sogwirkung – trotz seiner epischen Länge von fast drei Stunden.

In deren Verlauf erfahren wir, dass Samirs Grossvater ein Patriarch fern jeglicher Klischees war, einer, der auch seine Töchter zur Uni schickte und ihnen freie Hand bei der Partnerwahl liess. Wir erfahren auch, dass Samirs Verwandte lange im kommunistischen Untergrund tätig waren. Wir hören Berichte von Schikanen und gar Folter, und trotzdem wird im Kinosaal viel gelacht – denn vor allem Samirs Onkel Jamal beweist in der Rückbetrachtung immer wieder Galgenhumor.

Eine Stimme für die Diaspora

Doch auch Schmerz ist zu spüren, das Heimweh der viereinhalb Millionen Iraker, die aus der Diaspora besorgt auf die Ereignisse in ihrem Heimatland blicken. Ihnen hat Samir eine Stimme gegeben. Seine Familie steht exemplarisch für Unzählige, die ins Exil mussten. Sogar andere arabische Völker hätten sich im Film wiedererkannt, erzählt er gerührt im anschliessenden Gespräch mit dem Publikum. Bei Aufführungen in Tunesien und Abu Dhabi hätten ihm Zuschauer gesagt, dass das auch ihre Geschichte sei.

Interessant ist, dass Samirs Film von einem Kommentar zur politischen Aktualität rund um die IS absieht. Seine «Waffe gegen diese Idioten», wie er an der Premiere sagt, sei es vielmehr, zu zeigen, was in seinem Heimatland verloren gegangen ist. Bevor die Blütezeit des Iraks zur Legende wird, wollte er sie in den Anekdoten seiner Verwandten festgehalten – Zeitzeugen, die sich noch entsinnen, dass Basra einst das Venedig des Ostens war.

Und am Ende seiner Odyssee, erzählt Samir, sei er zur Einsicht gelangt, dass er die Schweiz heute sehr schätze. Denn obwohl es Migranten wie er schwer hätten, sei sie ein Symbol für ein Land, das unterschiedliche Sprachen und Herkünfte friedlich vereint hat. So wie es einst auch der Irak tat.

Iraqi Odyssey (CH/D/AE 2015) 163 Min. Regie: Samir. Ab 5. März im Kino. 

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