Literatur

«Gebucht» mit Autor Jürg Halter: «Ich spreche gern lesende Menschen an»

Jürg Halter, 39, ist Schriftsteller, Spoken Word Artist und Speaker. Noch bis zum 28. Juni ist von ihm im Trudelhaus in Baden die Ausstellung «Niemand hier,  der spricht» zu sehen.

Jürg Halter, 39, ist Schriftsteller, Spoken Word Artist und Speaker. Noch bis zum 28. Juni ist von ihm im Trudelhaus in Baden die Ausstellung «Niemand hier, der spricht» zu sehen.

Diese Woche erklärt Jürg Halter, warum er gerne Bücher auf dem Fenstersims kompostiert. Der Schriftsteller fragt sich ausserdem, ob er eine Romanfigur ist.

Welche Bücher liegen auf Ihrem Nachttisch?

Jürg Halter: Momentan der Band «Night Sky With Exit Wounds» mit ausgesprochen biografisch geprägten Gedichten von Ocean Vuong, die immer wieder ins Surreale kippen, «Siegerkunst» von Wolfgang Ullrich, eine kluge, faktenreiche und beinahe beiläufige Abrechnung mit der Gegenwartskunst, «Denn mein Herz ist frisch gebrochen» von Dorothy Parker, wiederum Gedichte, diesmal melancholisch schön beschwingte. Zum Trost liegen da noch Bände von Calvin and Hobbes und vom guten, alten, vorbildlich schlecht gelaunten Garfield.

Wie viele Bücher haben Sie in Ihrer Wohnung?

Es sollten so um die 1000 Bücher sein. Plus zwei, die sich auf dem Fenstersims selbst kompostieren. Zu unbestimmten Studienzwecken meinerseits.

Wie lesen Sie?

Auf, in, über und unter Papier, je nach Sitz- oder Liegelage. Zeitungen lese ich in diesen Tagen eher online, ansonsten, sprich in pandemiefreien Zeiten, vorzugsweise in Cafés; in Kombination mit einem Espresso.

Welches Buch hat Ihr Leben verändert?

Das eine gibt es nicht, aber das, das mich in diesen auftrittslosen Monaten als selbstständig erwerbender Künstler besonders interessiert: das Sparbuch.

Welches aktuelle Buch empfehlen Sie unseren Leserinnen und Lesern?

«Die verschobene Stadt» von Christian Zehnder. Ist letztes Jahr erschienen, aber niemand hat den feinsinnigen, stillen Roman, der vielleicht eine Art modernes, subtil-absurdes Märchen minus Kitsch ist, mitbekommen.

Wie stossen Sie auf neue Bücher?

In Buchhandlungen, im Netz, durch Empfehlungen von Freunden oder Fremden. Denn ich spreche gerne lesende Menschen an. Das kann auch schief gehen. Ich erinnere mich zum Beispiel: Sie las ein Buch in der Sonne und war schön. Mein Herz tanzte. Ich trat näher. Sie las Paulo Coelho. Mein Herz ward gebrochen.

Welchen Buchtitel würden Sie über Ihre Autobiografie setzen? Wer soll sie schreiben?

«Die Halternative – ein Problem ist noch lange keine Lösung» (im Anhang mit praktischen Tipps für den Alltag). Ich erteile den Auftrag an Eveline Widmer-Schlumpf und Lara Gut-Behrami, mit einem Vorwort von Endo Anaconda. Erscheinen soll das Buch, reich illustriert von Silvia Bächli und in Grossschrift gehalten bei Bastei Lübbe in einem Schuber aus veganem Leder.

Wie organisieren Sie Ihr Büchergestell?

Meine Büchergestelle sind durchweg selbst organisierend. So bleibt es für mich spannend, ein bestimmtes Buch wiederzufinden oder auch auf Bücher zu treffen, von denen ich nicht sagen könnte, wie die in meine Wohnung gekommen sind.

Interessiert Sie die Biografie eines Autors, wenn Sie dessen Bücher lesen?

Sie meinen weil sich heute die Presse meist zuerst für die Identität der Autorin oder des Autors interessiert und die Bücher dann, geleitet von entsprechend positiven oder negativen Vorurteilen, kritisiert, sprich die professionelle Literaturkritik am aussterben ist? Oh, nein! Ich habe ja noch gar nicht geantwortet. Also: Nein, die Biografie einer Autorin interessiert mich, wenn überhaupt, erst dann, wenn mich ein Buch von ihr begeistert.

Mit welcher Romanfigur würden Sie gerne mal ein bisschen plaudern? Und über was?

Falls ich eine Romanfigur bin, was mich nicht fundamental überraschend würde, dann würde ich mir gerne mal selbst begegnen und mich zuerst fragen, wer mich um Himmels willen bloss ausgedacht hatte und wo das noch hinführen soll mit mir in dieser verrückten Welt.

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