Interview

«Gebucht» mit Foodscout Richard Kägi: «Seit meiner Kindheit träume ich vom perfekten Mord»

Richard Kägi, 62, weiss fast alles über gutes Essen, gutes Trinken und ein gutes Leben. Sein neues Kochbuch erscheint im Herbst.

Richard Kägi, 62, weiss fast alles über gutes Essen, gutes Trinken und ein gutes Leben. Sein neues Kochbuch erscheint im Herbst.

Diese Woche erklärt Kulinarikexperte und Blogger Richard Kägi, wieso er alle Neuerscheinungen des Diogenesverlags zugeschickt bekommt – und welche Autoren er gerne zu einem Nachtessen einladen würde.

Welche Bücher liegen auf Ihrem Nachttisch?

Da liegen etwa 80. Mein Nachttisch ist eine zwei Meter lange Häuptlingsbank aus dem Kongo. Zuvorderst «Wölfe», der erste Band von Hilary Mantels Trilogie über den Aufstieg (und Fall) Thomas Cromwells am Hofe Heinrichs VIII.

Wie viele Bücher haben Sie in Ihrem Haus?

Ich habe sie nicht gezählt, weil, sie sind überall verteilt, vom Keller bis zum Ausgang der Dachterrasse, tausend vielleicht? Plus die gefühlt tausend, die ich ausgeliehen habe und nicht mehr weiss, wem.

Wie lesen Sie?

Ich liebe es, Bücher um mich und in den Händen zu halten. Seiten umblättern. Also: Print.

Welches Buch hat Ihr Leben verändert? Und warum?

Menschen und meine Erlebnisse und Erfahrungen mit ihnen ändern mein Leben immer wieder einmal. Bücher ändern es nicht, machen es aber ungemein reich.

Welches aktuelle Buch empfehlen Sie unseren Leserinnen und Lesern? Und warum?

Wäre es jetzt schon Oktober, lautete meine Empfehlung natürlich: Mein erstes Kochbuch «Kägi kocht»! «Jenseits der Erwartungen», von Richard Russo. Die Geschichte dreier Freunde, die sich nach langer Zeit wieder treffen. Russo versteht es meisterhaft, auf 1000 Seiten dahinplätscherndes Leben zu erzählen, ohne dass man nur einen Moment das Buch weglegen möchte.

Wie stossen Sie auf neue Bücher?

Durch die Tipps meiner letzten Partnerin, in Rezensionen der Zeitungsfeuilletons, durch meinen Freund Viktor Giacobbo – einer der belesensten Menschen, die ich kenne – durch das Stöbern in Buchhandlungen. Nicht zuletzt erhalte ich alle Erscheinungen des Diogenes-Verlags zugeschickt, seit mein Nachbar Philipp Keel sich in meinen Kater Alfred verliebt hat.

Welche drei Autorinnen und Autoren möchten Sie zu einem Nachtessen gemeinsam einladen?

Es müssten vier sein: Charles Bukowski, T. C. Boyle, Alice Schwarzer und Max Frisch. Bestimmt lustig, und genug Drogen aller Art gäbe es auch.

In welche Romanfigur haben Sie sich verliebt?

In Aomame, die Killerin in Murakamis fantastischer Trilogie 1Q84. Ich träume seit meiner Kindheit vom perfekten Mord, sie hat mich mit ihrer Mischung aus Erotik und Kaltblütigkeit schwer beeindruckt.

Und mit welcher Romanfigur möchten Sie einmal ein bisschen plaudern?

Und über was? Mit dem SS-Offizier Maximilian Aue, dem Protagonisten in Jonathan Littells «Die Wohlgesinnten». Über seine Abgründe. Um vielleicht Antworten über meine eigenen zu erhalten?

Welche Figur bewundern Sie besonders?

Jude St. Francis, die tragische Figur aus Hanya Yanagiharas Epos über vier Freunde «Ein wenig Leben». Wie dieser brillante und höchst charismatische Mensch mit Hilfe von Freundschaft und Liebe sein Schicksal zu meistern versucht und doch am Schluss daran zerbricht, hat mich zutiefst erschüttert. Bei keiner anderen Geschichte habe ich so oft geweint.

Welche Romanfigur hätten Sie selbst gerne sein wollen?

Der furchtlose, britische Afrikaforscher Mungo Park während seiner Erkundung des Niger-Flusses in T. C. Boyles furioser historischer Adapation «Wassermusik».

Bei welchem Roman haben Sie am meisten gelacht?

«Grün ist die Hoffnung». Eine urkomische Story über Aussteiger, die in Kaliforniens Wildnis das grosse Geld in Form von Marihuana-Anbau wittern. Natürlich scheitern sie grandios. Immer wieder. Selbst wenn man denkt, jetzt kann es nicht mehr schlimmer werden, es wird. Und wie! Zum Brüllen lustig. Ebenfalls von T. C. Boyle.

Welches Buch haben Sie nie zu Ende gelesen?

Unzählige. Wenn es mich nicht packt nach 50 Seiten, im Schreibstil oder mittels der Story, weg damit.

Bei welchem Roman hätten Sie sich eine Fortsetzung gewünscht?

Bei Justin Cronins Weltuntergangstrilogie «Der Übergang/Die Zwölf/Die Spiegelstadt». Das schreckliche Epos um Amy, das Mädchen von Nirgendwo, gäbe noch Lesefutter her.

Haben Sie schon Freunde verloren im Streit über Literatur?

Nein, eher neue gewonnen, lesen verbindet.

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