Neu sind die Inszenierungen des Eröffnungsfestivals nicht. Alle haben ihre Premieren an anderen Häusern gefeiert. "Flex" hat das Schauspielhaus vom Jungen Theater Basel übernommen und "Wunschkonzert" vom polnischen Laznia Nowa Theatre.

Neu aber ist die Art des Einstiegs in die Spielzeit. Die neuen Intendanten des Schauspielhauses, Benjamin von Blomberg und Nicolas Stemann, haben ein siebenköpfiges Regieteam fest engagiert und geben diesen Regisseurinnen und Regisseuren - Wu Tsang (USA), Christopher Rüping (D), Leonie Böhm (D), Suna Gürler (CH), Trajal Harrell (USA), Yana Ross (USA) und Alexander Giesche (D) - die Gelegenheit, sich mit "für sie prägenden Inszenierungen" vorzustellen. Anschliessend werden diese Stücke ins Repertoire aufgenommen.

Der achte Kopf in diesem Regieteam ist Nicolas Stemann selbst. Am 14. September bringt er seinen achtstündigen "Faust" auf die Pfauenbühne bringt. Erarbeitet hat er das Stück, das 2012 zur Inszenierung des Jahres gewählt wurde, für das Thalia Theater Hamburg und die Salzburger Festspiele. In der Hauptrolle: Sebastian Rudolph, Schauspieler des Jahres 2012.

Quirliges Jugendstück

Bisher gab es in Zürich ein Junges Schauspielhaus. Das ist nun vorbei. Was nicht heisst, dass es keine jungen Schauspielenden mehr gibt. Im Gegenteil. Sie sollen mehr Gewicht bekommen, "selbstverständlicher Teil des gesamten Schauspielhauses" werden, wie es im Programmheft heisst.

Ab diesem Monat bietet das Schauspielhaus vier Jugendclubs an. Sie sind wöchentliche Treffen für Spielbegeisterte zwischen 13 und 23 Jahren. Am Ende der Spielzeit, nach einer Probenphase mit technischer Begleitung wie im professionellen Theater, gibt es drei Vorstellungen im Pfauen oder im Schiffbau.

Die Regisseurin Suna Gürler leitet die Jugendarbeit am Haus und zeigte am Mittwoch in der Box das Projekt "Flex" für Menschen ab 14 Jahren. Sechs junge Frauen spielen sich in einen berauschenden Überschwang weiblicher Selbstfindung. Das temporeiche Stück sprüht vor Witz, stimmt auch nachdenklich und lotet die Lebensgefühle junger Frauen sehr differenziert aus.

Eindringliches "Wunschkonzert"

In der Schiffbauhalle inszeniert Yana Ross das wortlose Drama "Wunschkonzert" von Franz Xaver Kroetz. Eindringlich spielt Danuta Stenka die himmeltraurig einsame Frau, die den Feierabend in ihrer Wohnung ritualisiert verbringt. Zu feiern gibt es nichts. Sie wäscht, isst, schafft Ordnung. Radio (mit Wunschkonzert) und TV (mit einer Serie über Hochzeitsvorbereitungen) machen ihre Einsamkeit überdeutlich. Schliesslich präpariert sie fein säuberlich den Frühstückstisch - und schluckt eine Überdosis Schlaftabletten.

Die Bühne ist offen, von allen Seiten einsehbar. Das Publikum erlebt das Drama aus nächster Nähe mit. 80 Minuten grosses intimes Theater.

Zum Schluss eine Choreografie

Am 13. September ist die Festival-Eröffnung am Pfauen. Christopher Rüping, Regisseur des Jahres 2019, bringt Miranda Julys Debütroman "Der erste fiese Typ" auf die Bühne. Premiere hatte das Stück an den Münchner Kammerspielen. Gleichentags inszeniert die Filmemacherin und Performancekünstlerin Wu Tsang "Sudden Risen", eine Auftragsarbeit des Curtis R. Priem Experimental Media and Performing Arts Center in New York.

Nach Nicolas Stemanns "Faust 1 & 2" am Pfauen wechselt das Festival wieder in den Schiffbau. Leonie Böhm zeigt in der Box Ödön von Horváths "Kasimir und Karoline". Das Stück hat sie an der Theaterakademie Hamburg, Hochschule für Musik und Theater entwickelt. Zum Ende des Festivals kommt in der Halle die Choreografie "In the Mood for Frankie" von Trajal Harrell zur Aufführung, eine Auftragsarbeit des Museum of Modern Art in New York und des Singapore International Festival of Arts.

Verfasser: Karl Wüst, ch-intercultur