Literatur

Gerold Späths Geschichten fordern und irritieren

Gerold Späth bei einer Lesung 1998.

Gerold Späth bei einer Lesung 1998.

Mit acht Storys kann man ihn neu entdecken – ein unbequemer Autor ist Gerold Späth, der kürzlich 80 Jahre alt geworden ist, immer noch.

Der 1939 in Rapperswil in eine Orgelbauerfamilie hineingeborene Gerold Späth tauchte 1970 mit dem Roman «Unschlecht» in der Schweizer Literatur auf. Laut Vermutungen begann er zu schreiben aus Zorn auf die Kirche, die seiner Familie Aufträge vorenthalten hatte. Jedenfalls zeigte bereits «Unschlecht» eines von Späths literarischen Hauptthemen: die Kritik an kleinbürgerlichem Bünzlitum, an Doppelmoral und Vetternwirtschaft.

Aber auch stilistisch ging und geht er eigene Wege: Seine Sprache ist reich an eloquenter Eleganz und sprachlicher Kreativität, scheut aber auch die kompromisslose Verdichtung nicht. Da wird immer wieder ein Wort weggelassen, die Syntax eigenwillig gebaut. So entsteht Nähe zu spontan gesprochenen und gedachten Sätzen.

All dies lässt sich auch in der Sammlung von acht ausgewählten Geschichten beobachten, die der Lenos-Verlag zum 80. Geburtstag des Schriftstellers herausgegeben hat. Sie sind zwischen 1973 bis 2009 erschienen, hinzu kommt der unveröffentlichte Text «Alyeska», der dem Band den Titel verleiht. Inhaltlich extrem unterschiedlich, vereinen sie neben der Stilistik auch intellektuelle, emotionale und moralische Herausforderungen an die Leser, deren Irritation sich nicht immer auflöst.

Todkranker entpuppt sich als Serienkiller

In «Als Emo starb» (1973) schildert er den Tod eines Menschen in 13 unterschiedlichen Kontexten, darunter auch solche von totaler Einsamkeit, menschlicher Brutalität oder apokalyptischem kollektivem Sterben. Der Tod als Kulmination diverser sozialer Themen. «Verschwinden in Venedig» (1985) handelt von einem Elternpaar, das seine Kinder sucht. Aber eigentlich sind die beiden selber am Verschwinden, was sie verzweifelt realisieren. «Familienpapier» (1999) ist die wohl perfideste der Geschichten.

Ein Dorfpfarrer wird zu einem vermeintlich Todkranken gerufen. Doch dieser, ein Amerika-Auswanderer, berichtet, wie er die Freude am Töten entdeckt habe und zum Serienkiller geworden ist. Besonders erschreckend: Der alte Mann erstarkt wieder, wird für den Pfarrer gar zur Bedrohung. «Eis und Wasser» (1999) schildert, wie man in vergangener Zeit im Winter Eis aus dem Klöntalersee heraussägt und mit Schlitten und per Schiff an Gaststätten bis nach Deutschland verteilt, damit man im Sommer das Bier kühlen kann.

Ein Vorgang, der einem irrwitzig vorkommt. Doch geschieht heute in unserer konsumorientierten Wirtschaft nicht noch viel Verrückteres?

In «Orgelwind, weiss» (2009) taucht bei einer Orgellehrerin und ihrem unbedarften Schüler mitten in der Lektion ein seltsamer Mann auf, der sich dann auf fast spukhafte Art als Meisterorganist entpuppt. Und hinter dem Wort «Alyeska» in der Titelstory verbirgt sich nicht etwa ein Frauenname. Sondern die Bezeichnung «Alaska» in der Sprache der dortigen Ureinwohner.

Auch hier geht es um einen heimgekehrten Auswanderer, der vom Zürichsee aus in Alaska und später in Mexiko in der Fischerei sein Glück gemacht hat. Und die Schweiz nun als etwas zu sauber und perfekt erlebt. Es ist keine einfache Lektüre, aber mit etwas Hartnäckigkeit erschliesst sich einem der besondere Erzählkosmos eines Autors, der viele Auszeichnungen wie den Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis oder den Gottfried-Keller-Preis erhalten hat.

Und das macht vielleicht Mut und Lust, noch mehr aus dessen umfangreichen Werk mit Prosa, Hörspielen und Bühnenstücken zu lesen.

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